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Grundeinkommen: Dieses Geld ist nur für dich

Foto: Matthias Schmiedel/ SPIEGEL WISSEN

Absicherung Geld für lau

Eine Berliner Initiative verlost regelmäßig ein Grundeinkommen für ein Jahr. Ohne Arbeit. Ohne Fragen. Bedingungslos. Warum?

Der Mann sieht aus, wie man hier so aussieht, wenn man dazugehört. Das Haar an den Seiten etwas kürzer, eine lockige Strähne fällt regelmäßig vors Gesicht und wird mit der Hand lässig weggeschoben. Die Jeans ist röhrig eng und rutscht am Po. Die Stimme ist weich. Nein, keine Hornbrille. Ansonsten ganz schön hipster.

Das ist also Michael Bohmeyer, 30 Jahre alt, Weltverbesserer.

Im Loft in der vierten Etage eines Hauses in Berlin-Kreuzberg sieht es aus wie in einem Video über junge moderne Menschen, die sehr gut englisch sprechen. Bis man feststellt, dass sie deutsch sprechen, nur eben um so viele englische Wörter ergänzt, dass man eigentlich ständig zweisprachlich kommuniziert. Cool, so ist die Kreativwirtschaft eben.

Man umarmt sich zur Begrüßung und steht erst mal an der Seite des Lofts, an der die Küchengeräte stehen. Latte röchelt aus der Maschine. Von der Decke hängen Papiere und Aktendeckel. In Bohmeyers Büro kleben dagegen Zettel, Grafiken, Projektziele an der Wand. Nee!, bitte noch nicht schreiben, sagt Bohmeyer ab und an. Abgemacht.

Das Büro ist eigentlich kein Büro, sondern die Revolutionszentrale einer Revolution, die noch keiner bemerkt hat. Aber: Das ist Absicht, das ist der Trick. Diesmal friedlich, ohne Ideologie, also wie die Stimme von Bohmeyer, der nicht agitieren will, nicht überzeugen. Er will machen. Freiheit, ein bedingungsloses Grundeinkommen für jeden. Für jeden? Ja.

Bedingungsloses Grundeinkommen? Geld, ohne was dafür zu tun? Ein wenig klingt das nach Leuten, die keine echten Sorgen haben, es klingt nach einem hübschen Taschengeld auf Lebenszeit. 1000 Euro, nicht schlecht. 1000 Euro, das ist die Höhe, die seiner Initiative vorschwebt, auch wenn sie sich da nicht ganz genau festlegen will. Für 1000 Euro netto braucht man rund 1350 brutto, das ist ganz ordentlich. Aber doch ein wenig spinnert, oder?

Das wäre der leichteste Weg, mit der Idee umzugehen. Sie abtun. Es ist aber keine Spinnerei, und Bohmeyer ist auch kein Spinner. Er weiß, wie man Geld verdient, er kennt den Unterschied zwischen brutto und netto. Er hat schon ganz gut Geld verdient, mit verschiedenen Internetprojekten.

Aber, so erklärt er sein Engagement, da seine Eltern aus dem Osten kämen, hätte auch er eine soziale Ader, kombiniert mit einem Überdruss an Ideologie. Wahrscheinlich basiert sein Glaube an Veränderung auf der virtuellen Erfahrung des Netzes, das ja auch real ist, jedenfalls sein soll. Bohmeyer redet sich warm, und aus der Performance demonstrativer Lässigkeit tritt ein Mensch hervor, der gut argumentiert. Er trennt zwischen dem Markt und dem Kapitalismus. Markt ja, Kapitalismus nein. Markt schützen, Kapitalismus nicht.

Aber er glaubt nicht an die alten Wege, Verelendung, Klassenkampf, und - hoppla - plötzlich kommt die gerechte Welt. Er ist Individualist. Man muss frei werden, sich befreien. Oder es wird nichts. Im Werber-Sound steht auf der Homepage: "Grundeinkommen macht glücklich. Weil es bedingungslos ist. Und dir Freiheit schenkt - echten Freiraum, in dem du selbst bestimmst, wie dein Beitrag zur Gesellschaft aussieht. Mit der Sicherheit eines monatlichen Einkommens im Rücken hast du die Nase im Wind & den Kopf frei." So ist es also gemeint.

Aus SPIEGEL WISSEN 5/2015
Foto: DER SPIEGEL

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Und so geht's: Bohmeyers Netzgemeinde sammelt Geld, bis 12.000 Euro zusammen sind, das andere dann als Grundeinkommen erhalten. Jeder kann sich bewerben, das Los entscheidet. 17 Menschen hatten bereits das Losglück. Darunter auch Kinder. Grundeinkommen für ein Kind? "Wir sind dafür, dass Kinder als Menschen gesehen werden und deshalb genauso Anrecht auf ein Grundeinkommen haben wie die Volljährigen. Deshalb können bei uns auch Eltern ihre Kinder anmelden, und diese Kinder können auch gewinnen." Schreibt Amira Jehia, die bei Bohmeyer die Pressearbeit macht.

Bohmeyer würde das Grundeinkommen am liebsten von der großen Politik umgesetzt sehen, bezahlt aus einer Vermögensteuer, die in Deutschland nicht erhoben wird. Aber so weit ist es noch nicht. Also wird gesammelt und gespendet. Und nun soll auch getrunken werden für diese Vorstellung von Gerechtigkeit, das Getränk nennt sich Grundeinkommen-Cola. Mit jeder verkauften Cola werden 26 Sekunden eines Grundeinkommens bezahlt. Aber der Kapitalismus hat seine Tücken. Sie sieht schick aus, die G-Cola, aber ihr Weg in die Läden ist kompliziert.

Die Idee des Grundeinkommens wirkt ein wenig wie Schlaraffenland, wie subventioniertes Nichtstun. Sie ist nur schwer kompatibel mit dem Gedanken der Leistungsgesellschaft, die auch immer von der Drohung gegenüber dem Leistungsverweigerer lebt. Wer würde dann noch schlecht bezahlte Jobs übernehmen? Und welcher Apparat wäre nötig, um die Umverteilung des Geldes zu organisieren? Bohmeyer kennt diese Bedenken natürlich. Nein, nein, diese Sorgen teile er nicht, sagt er. Und hält dagegen: Die Leute wären dann freier, auch schlecht bezahlte Arbeit anzunehmen.

Die Geschichte des Grundeinkommens ist älter als der hippe Mann aus Kreuzberg. Dafür, dass die Sache so seltsam klingt, wird sie sehr oft und schon sehr lange diskutiert, wenngleich das Etikett wechselte. Als Urvater des Grundeinkommens gilt der Philosoph Thomas Morus, der mit der Finanzierung des Lebensunterhaltes den Diebstahl bekämpfen wollte. So stand es in seinem Werk "Utopia", erschienen im Jahr 1516. Und eine Utopie ist es dann auch geblieben.

Immer wieder aber gab es Diskussionen, Ideen, Versuche zur Einführung. Es gab regionale Projekte, Testphasen. Auf den einschlägigen Internetseiten der Anhänger des Grundeinkommens stehen viele Berichte über Feldversuche in Indien, auf Kuba, in Namibia, den USA. Nun kommt Utopia auch nach Europa.

In Finnland hat eine liberal-konservative Regierung beschlossen, ein Grundeinkommen zu testen. Wo sonst? Geld ohne Gegenleistung, das klingt ja nach Skandinavien. Die Tinte des Koalitionsvertrages ist längst getrocknet, aber die beschlossene und versprochene Testphase hat noch nicht begonnen. Die Netzwerkfans des Grundeinkommens haben zu früh gejubelt. Sie müssen sich gedulden. Ob es jemals kommt? Bohmeyer ist dennoch froh: Dass in Finnland Liberale und Konservative darüber nachdenken, nicht nur Linke, das gefällt ihm. Es passt zu seinem ideologiefreien Ansatz.

In Deutschland wirbt ein Teil der Partei Die Linken für ein Grundeinkommen, aber die Gesamtpartei mag sich das Vorhaben "unter den gegebenen Machtverhältnissen" nicht zu eigen machen, es ganz oben auf die Agenda setzen. Ein Antrag im Bundestag? Lieber nicht. Die Pragmatiker sehen das Risiko, als Illusionisten verhöhnt zu werden.

Immerhin. Auch ein CDU-Mann, Dieter Althaus, einst Ministerpräsident von Thüringen, plädiert für ein "solidarisches Bürgergeld", es sollte die vielen Einzelleistungen des Sozialstaates zu einer bündeln. Auch der Anthroposoph Götz Werner wirbt hierzulande für ein Grundeinkommen, früher war er Chef einer Drogeriemarktkette. "Das Grundeinkommen sichert Grundbedürfnisse ab." Die Menschen würden dennoch arbeiten, aber angstfrei, argumentiert er, ähnlich wie Bohmeyer. Weil sie wollten und nicht müssten.

Bohmeyer passt das alles. Je mehr darüber reden, desto besser. Aber im Unterschied zu allen anderen hat er echte Empfänger eines Grundeinkommens zu bieten. Sie lächeln auf der Webseite und erzählen gern ihre Geschichte.

Olga aus Baden-Württemberg zum Beispiel, deren Sohn, achtjährig, im vergangenen Jahr ausgelost wurde. Erst mochten die Eltern es dem Jungen gar nicht sagen. Als sie ihm dann doch davon erzählten, sagte Robin: "Dann sind wir reich. Krieg ich jetzt jeden Monat ein Buch?"

Von dem Projekt hatte seine Mutter im Radio gehört, sich direkt per Mail angemeldet. Und um die Chancen zu erhöhen, ihre beiden Kinder gleich mit. "Aber gerechnet habe ich natürlich nicht mit dem Gewinn." Seltsam sei es gewesen, erzählt die Frau. Ganz fremde Menschen hätten da gespendet. Von ganz fremden Menschen einfach so Geld annehmen? Das kostet auch ein wenig Überwindung. Robins Großeltern seien anfangs dagegen gewesen. So was mache man nicht. Aber dann hätten sie sich überzeugen lassen. Olgas Familie hatte sich beim Hausbau übernommen, "eine kleine Katastrophe". An allem hätten sie sparen müssen. Da seien die 1000 Euro ein Segen gewesen, vor allem für die Kinder. Nun sei wieder Geld da gewesen für gemeinsame Ausflüge. Und Robin bekam jeden Monat ein Buch.

Auch Holger, dreifacher Vater, hatte eigentlich nur mitgemacht, um die Idee zu unterstützen, nicht um selbst zu profitieren. Aber natürlich hatte auch er Träume, die er nicht verwirklichen konnte. "Ich habe immer davon geträumt, eine offene Werkstatt einzurichten, in der Kinder und Jugendliche etwas reparieren könnten." Als er die Nachricht über seinen Gewinn erhielt, konnte er es erst nicht fassen. "Es hat mich echt umgehauen", sagt er. Andererseits stellte er fest: So viel sind 1000 Euro auch wieder nicht. Und natürlich habe die Gefahr bestanden, das Geld einfach so auszugeben, für einen neuen Laptop etwa. Also nicht für den Traum, das Extrading. Am Ende wurde nichts aus der Werkstatt, aber seine Frau habe weiter studieren können. "Das hätten wir uns sonst nicht leisten können."

Bohmeyers Team kann niemanden zwingen, keine Auskunft fordern, keine Kontrolle ausüben. Bedingungslos bedeutet auch bedingungsloses Vertrauen. Das sei für viele eine neue Erfahrung, meint er. Das Wort "Vertrauen" fällt einem nicht als Erstes im Zusammenhang mit dem Wort "Geld" ein.

Für viele ist es noch sehr ungewohnt. Ihre vollen Namen wollen die Gewinner nicht nennen. Bohmeyers Revolution braucht offenbar noch etwas Zeit.

Stefan Berg (Jahrgang 1964) verzichtet seit seinem 26. Lebensjahr ununterbrochen auf die DDR, in der er geboren wurde. Hinsichtlich Zensur, Staatssicherheit, DDR-Grenzern, "Schwarzem Kanal" und Tempolinsen traten bislang keine Entzugserscheinungen auf.