36. America’s Cup Nur Fliegen ist schöner

Ein »Pitbull«, dem die Puste ausgeht, fliegende Jachten, die nach »sauberer Luft« verlangen: Der America's Cup vor Neuseeland bietet ein aberwitziges Spektakel. Die Gastgeber liegen vorn.
Die Jacht des italienischen Teams Luna Rossa: wie ein schwarzer Schwan im Hauraki-Golf vor Auckland

Die Jacht des italienischen Teams Luna Rossa: wie ein schwarzer Schwan im Hauraki-Golf vor Auckland

Foto: Fiona Goodall / Getty Images

Es ist ein trostloser Anblick, wenn die Jachten beim America’s Cup den Flugmodus verlassen. Dahin ist der Schwebezustand, in dem sich die Boote aus dem Wasser heben und nur noch auf den Tragflügeln über die Oberfläche rasen. Stattdessen schieben sich die Jachten wie schwarze Schwäne träge durch den Hauraki-Golf vor Auckland. Im bislang letzten Rennen des Cups ereilte gleich beide Teams dieses Schicksal.

Langweilig wurde es trotzdem nicht: Nachdem im zweiten Rennen des Tages erst das Team New Zealand von den Flügeln aufs Wasser gefallen war, sah es zunächst nach einem deutlichen Sieg für das italienische Team mit ihrer »Luna Rossa« aus. Rund 2500 Meter lagen die Italiener zeitweise vorn, ein eigentlich uneinholbarer Vorsprung. Doch dann sackte in der schwachen Brise auch diese Jacht ab – und kam nicht mehr auf die Beine.

Verzweifelt versuchte die »Luna Rossa«-Crew, am Rand der Regattastrecke einen Luftzug zu erhaschen, um wieder auf die Foils  zu kommen, die Tragflügel. Doch die etwa sieben Knoten Windspeed (etwa 13 km/h) reichten nicht aus. Die Neuseeländer waren da längst wieder im Flugmodus und segelten den Italienern schließlich davon. Im vorherigen Rennen hatten die Neuseeländer erstmals einen Rückstand umgedreht – und die bisherigen Gesetze der Rennserie damit scheinbar außer Kraft gesetzt.

Der Start ist doch nicht alles

Die wohl wichtigste Erkenntnis nach dem vierten Renntag des Cups ist damit: Der Start ist doch nicht alles. Waren die bisherigen Rennen geprägt von Duellen um die bessere Startposition, wurden die Wettfahrten nun auf offenem Feld entschieden. Für den »Luna Rossa«-Skipper Jimmy Spithill ist das eher keine gute Nachricht. Der 41-jährige Australier hat sich durch seine aggressiven Manöver vor dem Start über Jahre den Beinamen »Pitbull« erarbeitet. Gingen die Italiener in besserer Position über die Linie, gelang es Spithill bislang immer, die Neuseeländer durch geschickte Manöver »wegzubeißen«.

In den leichten Windbedingungen scheint ihm dagegen die Puste auszugehen. Das ist einerseits erstaunlich, da die Italiener mit einem etwas größeren Vorsegel vermeintlich besser für die beiden letzten Rennen aufgestellt waren. Andererseits sind inzwischen Leistungsunterschiede zwischen den Teams erkennbar – zugunsten der Neuseeländer.

Jimmy Spithill. Sie nennen ihn »Pitbull«

Jimmy Spithill. Sie nennen ihn »Pitbull«

Foto: GILLES MARTIN-RAGET / AFP

Ihrer vor dem Cup prognostizierten deutlichen Favoritenrolle konnten die Neuseeländer trotzdem nur bedingt gerecht werden. Ihre »Te Rehutai« ist zwar vor allem auf Vorwindkursen (Downwind) die schnellere Jacht, allerdings können die Italiener höher am Wind segeln, kommen ihrem Ziel dadurch näher und müssen weniger Strecke zurücklegen. Hintergrund dafür ist offenbar auch ein unterschiedliches Handling der Jachten. Während die Italiener ihr Boot etwas höher über das Wasser fliegen lassen, drücken die Neuseeländer den Bug etwas aggressiver herunter und gewinnen Geschwindigkeit.

Auf die Rennen übersetzt hieß das zuletzt: Liegen die Europäer vorn, büßen sie tendenziell eher etwas von ihrem Vorsprung ein, während die Neuseeländer ihre Führungen meist ausbauten.

Duell um die »saubere Luft«

Dagegenhielten die Italiener bis zum vierten Renntag mit guten Starts und cleverer Taktik. Bei ihren drei Siegen gelang es den Italienern jeweils, Angriffsmanöver der Neuseeländer zu blockieren, indem sie auf deren Kurs »schlechte Luft« hinterließen. Damit sind vom eigenen, tragflächenartigen Segel hervorgerufene Verwirbelungen gemeint, die die Jachten hinter sich herziehen. Sie stören die Anströmung der Segel des Gegners, was wertvolle Sekundengewinne bedeuten kann.

Daher funktioniert auch das aus dem Rennsport bekannte »Ansaugen« im Windschatten beim Segeln nicht. Der Winddruck auf die Segel muss möglichst konstant sein. Ablenkungen des Windes, etwa durch Landmassen oder das vorausfahrende Boot, bremsen erheblich.

Beide Teams suchen die Strecke daher nicht nur fieberhaft nach Windböen ab, die ihnen zusätzlichen Druck und damit einen Vorteil bringen könnten. Mindestens ebenso wichtig ist freie Strecke ohne Verwirbelungen des Gegners – also mit »sauberer Luft«.

Ein Erfolg ist der Stand von 3:5 für die Italiener indes schon jetzt: Vor 21 Jahren segelte »Luna Rossa« im Hauraki-Golf gegen das Team New Zealand – und war chancenlos. Nach vielversprechender Vorrunde verlor das Team alle fünf Rennen.

»Pitbull« Spithill will das Rennen nun auch längst noch nicht abschreiben. Man habe sich bereits mehrfach aus schwieriger Lage zurückgekämpft, sagte er. Um aufzuholen, wird Spithill in den nächsten beiden Rennen am Dienstag erfolgreich sein müssen. Gewinnen die Neuseeländer beide Rennen, haben sie den Cup verteidigt.

Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.