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Eiskunstlauf »75 B, also eher klein«

aus DER SPIEGEL 8/1994

Lillehammer ist in Alarmbereitschaft. Sogar David Hurley, Star der Paparazzi, dem es als erstem gelungen war, die Brüste der Claudia Schiffer zu fotografieren, wird in der Meute von über 1500 Medienschaffenden vermutet, die über das Amphitheater hergefallen sind, als fänden dort die Hochzeit von Boris Becker und der Weltwirtschaftsgipfel zeitgleich statt.

Dabei trainieren nur die amerikanischen Eisläuferinnen Nancy und Tonya zum erstenmal gemeinsam, seitdem die Kerrigan am Knie von einem Eisenstab getroffen wurde, den einer aus dem Harding-Clan schwang. Und Tonya wird tags darauf mitteilen, man habe sich »gemeinsam hallo gesagt«. Nancy hatte schon vorher erklärt, es sei »riesig, hier zu sein«. Das waren, so der Sprecher des US-Teams stolz, die »größten Olympia-Pressekonferenzen aller Zeiten«.

Jedes Detail des Attentats ist bekannt, doch Superlative jagen Superlative: US-Teamchef Mahlon Bradley liefert Brisantes aus dem olympischen Dorf, das wie eine GI-Kaserne gesichert ist. Jetzt weiß die ganze Welt, wie viele Stockwerke die beiden trennen, wie groß ihre Zimmer sind, wie die Betten stehen. Das 250 000-Dollar-Angebot des Playboy für Tonya kontert Walt Disney mit der vierfachen Filmgage für eine Schauspielerin Nancy.

Der virtuelle Mehrkampf wird weitergehen. Am Freitag, wenn in Lillehammer der sportliche Wettbewerb entschieden wird, bringt ein New Yorker Kabelsender die Eissaga auf den TV-Schirm. Aus dem ganzen Land reisten Doubles der beiden Rivalinnen zu Probeaufnahmen an, die berühmteste Frage in den Staaten ("Why me?") hallte tagelang durch die Eishalle.

Jeder Sender, der auf sich hält, muß sich etwas einfallen lassen, schließlich war fast alles schon da. Die deutschen »Tagesthemen« kommentierten mit getragenem Pathos, in den Staaten beginnt Talkmaster Jay Leno seine »Tonight Show« stets mit Harding-Witzen dieser Qualität: Tonya habe gerade einen Plattenvertrag unterschrieben, Titel: »If I had a hammer, I would have a gold medal«.

Als die schärfsten Spürnasen Amerikas erwiesen sich die heißen Jungs vom Nachrichtensender CNN. Sie hatten Tonyas geheimgehaltenen Abflugtermin ermittelt - und schalteten live ins Flugzeug. Dafür entschädigte Harding, zuletzt nur im T-Shirt mit dem Aufdruck »No Comment« unterwegs, die abgehängten Kamerateams auf dem Osloer Flughafen mit Originalton: »Thanks for coming.«

Doch dann grub der US-Sender Fox ein Video aus, in dem die eher dürre Athletin ("Ich bin Tonya, mit Größe 36 C") die Hüllen fallen läßt - Madonna kann sich nach diesem Scoop wieder anziehen.

Da hechelten auch die Printmedien hinterher. In Sun und Bild marschierten ehemalige Liebhaber auf, outeten, daß Tonya »nie einen Slip« trage. Aus der »Eishexe« wurde so eine »eiskalte Sexhexe«. Und weil Bild-Leser nie überfordert werden, übersetzte das Blatt auch noch die US-Größe 36 C: »Bei uns BH-Größe 75 B, also eher klein.«

Tonya Harding kam als olympischer Fußabtreter sogar Lillehammers Partnerstadt Oberhof recht. Die Thüringer, mit eigenem Festzelt neben einer Großgärtnerei bei Olympia vertreten, hatten schon befürchtet, der Anschlag rechtsradikaler Jugendlicher auf den US-Rodler Duncan Kennedy könnte ihren Werbefeldzug für ostdeutsche Landesspezialitäten beeinträchtigen. Jetzt habe die Harding-Geschichte, frohlockt Bürgermeister Hartmut Göbel, »endlich vom Kennedy abgelenkt«.

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