Impfdebatte um Footballer Rodgers Die »inneren Merkwürdigkeiten« des Star-Quarterbacks

In den USA bringt ein bizarrer Fall die Footballliga NFL in Bedrängnis: Aaron Rodgers galt als geimpft, doch nun erklärt er mit seltsamen Aussagen das Gegenteil. Ein Sponsor zog bereits Konsequenzen.
Aaron Rodgers gilt als Kultfigur des US-Footballs. Doch nun steht er heftig in der Kritik

Aaron Rodgers gilt als Kultfigur des US-Footballs. Doch nun steht er heftig in der Kritik

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Matt Ludtke / AP

Wo endet die Wahrheit und wo beginnt die Lüge? Über diese Frage wird gerade in der US-Footballliga NFL diskutiert.

Es geht um eine Aussage von Aaron Rodgers. Er sei »immunisiert«, hatte der Star-Quarterback der Green Bay Packers im August auf die Frage geantwortet, ob er gegen das Coronavirus geimpft sei. Seitdem genoss Rodgers die Vorzüge der Geimpften im Coronakonzept der Liga, verzichtete bei Pressekonferenzen auf die für Ungeimpfte verpflichtende Maske, ging mit Teamkollegen aus.

Anfang der Woche war Rodgers nun positiv auf das Coronavirus getestet worden. Am Mittwoch teilten die Packers mit, dass Rodgers auf die Covid-19-Liste gesetzt wurde und am Sonntag im Topspiel bei den Kansas City Chiefs (22.25 Uhr, Stream: DAZN) ausfallen werde. Die Mitteilung löste Verwirrung aus, denn geimpfte Spieler, die positiv getestet wurden, können nach zwei negativen Tests im Abstand von 24 Stunden zum Team zurückkehren.

Der Quarterback war daraufhin stark in die Kritik geraten. »Immunisiert« oder ungeimpft? Was denn nun?

Rodgers beklagt »Cancel Culture«

»Das war keine List oder Lüge – es war die Wahrheit«, sagte Rodgers nun.

Im Podcast des ehemaligen NFL-Profis Pat McAfee wehrte er sich am Freitag gegen seine Kritiker. Es war ein Rundumschlag: Er sei Opfer eines »woken Mobs« und von »Cancel Culture«.

Rodgers erzählte, dass die Impfstoffe nicht für ihn infrage kämen, weil er allergisch gegen die Vakzinen von Biontech/Pfizer und Moderna sei. Und Johnson & Johnson? Ebenfalls keine Option, wegen möglicher Nebenwirkungen, allen gegenteiligen Expertenmeinungen zum Trotz.

Außerdem habe er Sorge um seine Zeugungsfähigkeit nach einer Impfung. Dabei haben Studien bislang keinen Einfluss auf die männliche Fruchtbarkeit durch mRNA-Impfstoffe festgestellt.

Krude Aussagen über die Impfung

Was er unter »immunisiert« verstehe? Ein »Immunisierungsverfahren«, sagte Rodgers, ohne dies näher zu beschreiben. Der Podcaster Joe Rogan habe ihm dazu geraten. Auch Rogan, der nach eigenen Angaben unter anderem das umstrittene Medikament Ivermectin zu sich nahm, steht für seine wissenschaftlich widerlegbaren Aussagen scharf in der Kritik.

Nach Angaben des TV-Senders NFL Network hat sich Rodgers zudem einer homöopathischen Behandlung unterzogen.

Über seine alternative »Immunisierung« habe er die NFL informiert, sagte Rodgers, und darum gebeten, als geimpfter Spieler eingestuft zu werden. Mehr als 500 Seiten habe er eigenen Angaben zufolge über Monate zusammengetragen: »Ich bin sehr stolz auf die Forschung, die darin steckt.«

Doch die NFL lehnte den Antrag ab – und dürfte dennoch ein Problem haben. Denn die Liga wusste demnach, dass Rodgers ungeimpft ist. Und trotzdem durfte er sich wie ein Geimpfter in den Grenzen des Corona-Protokolls der NFL bewegen.

Rodgers ist einer der populärsten und besten Quarterbacks der NFL-Geschichte

Rodgers ist einer der populärsten und besten Quarterbacks der NFL-Geschichte

Foto: MARK BLACK / imago images/UPI Photo

Rodgers selbst gab nun unumwunden zu, Verhaltensregeln der Liga für Ungeimpfte nicht beachtet zu haben, weil diese »nicht wissenschaftlich fundiert« seien, sondern nur darauf abzielten, Menschen zu verurteilen. Und während Rodgers Wert darauf legte, dass er kein Impfgegner oder gar ein Verfechter von Verschwörungsmythen sei, verbreitete der wertvollste Spieler der vergangenen Saison doch falsche und verstörende Aussagen über die Coronaimpfung.

Ambivalenter Superstar

Nicht nur diese kruden Erklärungsversuche unterscheiden die Causa Rodgers von der um den deutschen Fußballnationalspieler Joshua Kimmich, der mit seiner Aussage, wegen persönlicher Bedenken noch nicht geimpft zu sein, für heftige Diskussionen sorgt.

Auch Kimmich ist eine Berühmtheit mit Vorbildfunktion, auch er steht wöchentlich im Rampenlicht. Rodgers aber ist ein Superstar des US-Sports. Seit 2005 spielt er in der NFL, 2010 gewann er mit den Packers den Super Bowl.

Genie auf dem Feld

Für seine Künste auf dem Feld wird der 37-Jährige auch Magier genannt. Kaum einem Spieler gelingt es in dieser Konstanz und in dieser Regelmäßigkeit, sich aus schier aussichtslosen Situationen herauszuwinden.

Im Jahr 2015 stellte Rodgers den Rekord für die längste »Hail Mary« auf, den wohl spektakulärsten Spielzug im American Football. Ein Wurf aus Verzweiflung, wenn eigentlich alles verloren scheint, in der Hoffnung, dass irgendjemand mit dem gleichen Trikot den Ball fängt. »Hail Mary« genannt, weil der Wurf oftmals mit einem Stoßgebet gen Himmel einhergeht.

Ein solches Wunder also vollbrachte Rodgers im Spiel gegen die Detroit Lions: Die Zeit war bereits abgelaufen, die Packers lagen zwei Punkte zurück, da brachte Rodgers einen 61-Yards-Pass zum Mitspieler, die Packers gewannen.

Auch neben dem Platz fällt der Mann mit den wilden Frisur- und Bartkreationen auf. Rodgers hat etwas Ambivalentes: Gerade unterhielt er sich noch mit US-Musikstar Justin Vernon über Kreativität und Authentizität, wenig später berichtete er von Ufo-Sichtungen.

Das US-Portal ESPN überschrieb einen Artikel im vergangenen Jahr mit: »Geschichten über Aaron Rodgers innere Merkwürdigkeit« . Ehemalige Teamkollegen erzählen darin aus ihrem Alltag mit Rodgers, von Diskussionen darüber, wie die ägyptischen Pyramiden tatsächlich gebaut worden seien.

Einmal soll Rodgers mitten im Training gestoppt haben, seinen damaligen Kollegen Seneca Wallace zur Seite genommen, auf ein Flugzeug gedeutet und gesagt haben: »Was glaubst du, was das ganze Zeug hinter dem Flugzeug ist? Hat das etwas damit zu tun, dass die ganzen Leute Krebs bekommen?«

Rodgers marschiere im Takt seiner eigenen Musik, sagte Wallace.

Rodgers: Er marschiert in seinem eigenen Takt

Rodgers: Er marschiert in seinem eigenen Takt

Foto: Chris Sweda / imago images/ZUMA Wire

Nun hat ihn dieser Takt in eine Richtung geführt, die ihn noch teuer zu stehen kommen könnte. Gesundheitlich, sportlich, wirtschaftlich. Die Gesundheitsorganisation Prevea Health mit Sitz in Wisconsin etwa beendete am Samstagabend eine Partnerschaft mit Rodgers.

Möglich, dass von seinem einstigen Kultstatus bald nicht mehr viel übrig sein wird.