Achilles' Ferse Das Unheil des eisernen Willens

"Laufen, solange es geht!" - von derlei Ratschlägen hält das Achilles-Team nichts. Schmerzen sind Signale, die ein Arzt am besten deuten kann. Doch selbst wenn der Doc eine Laufpause verordnet, muss man auf Ausdauertraining nicht verzichten.


Lieber Achim, liebes Beraterteam,
vor etwas über einem Jahr habe ich das Joggen für mich entdeckt und kann es seitdem nicht lassen. Die täglichen 25 Minuten zu Beginn meiner Läuferkarriere steigerte ich bis auf 50 Minuten am Tag. Mittlerweile laufe ich etwa eine Stunde am Stück (drei- bis viermal in der Woche) und würde am liebsten weiterhin jeden Tag laufen gehen, doch seit zwei Monaten plagen mich Schmerzen im Bereich des Schienbeins. Momentan ist es links stärker als rechts, aber es war schon mal umgekehrt. Der Schmerz verteilt sich über das gesamte Unterbein vorne und wird spürbar bei jeder Art von Bewegung.

Laufen: Nur schmerzfrei zu empfehlen
DDP

Laufen: Nur schmerzfrei zu empfehlen

Ein Lauftrainer sagte mir, dass es von einer Überlastung der Sehnen kommen könnte, denn Sehnen gewöhnten sich viel langsamer an die Laufbelastung als etwa die Lunge. Er riet mir, über den Schmerz hinweg zu laufen (Zitat: "Laufen, solange es geht!"), doch zuvor eine Pause von einer Woche einzulegen und dann die Trainingseinheiten zu reduzieren. Das habe ich gemacht und bin damit ganz gut gefahren. Nun kamen die Schmerzen jedoch wieder, obwohl ich an meinem Training nichts verändert habe. Habt Ihr vielleicht eine Idee, was es sein könnte?
Herzliche Grüße, Juliana

Liebe Juliana,
es könnte sein, dass sie sich nach zwei Monaten Schmerzen endlich mal an die eigene Nase fassen und zum Arzt gehen sollten.
Mit besten Grüßen, Ihr Dr. Fernando Dimeo

Liebe Juliana,
Mit "Laufen, solange es geht!" ist viel Unheil angerichtet worden, nicht nur in Stalingrad. Geh zum Arzt, er wird Dir erklären, welche Art der Überbelastung Du erwischt hast.
Besten Gruss, Achim

Liebes Achilles-Team, lieber Doc Dimeo,
ich hatte im letzten Sommer einen schweren Fahrradunfall mit Flugeinlage und Kopflandung: Schädel-Hirn-Trauma, Hirnblutungen, multiple Schädel- und Gesichtsfrakturen, zweiwöchige Bewusstlosigkeit mit Lungenembolie-Intermezzo, rechtsseitige Hemiparese, zwei weitere, meinem Gedächtnis entfallene Wochen im Akutkrankenhaus und elf Wochen in neurochirurgischen Rehakliniken. Im November begann ich, wieder zu laufen, drei Acht- bis Zehn-Kilometer-Einheiten pro Woche. Ich wurde schnell ungeduldig, lief fünfmal bis zu 14 Kilometer in der Woche. Das Ergebnis war eine Schleimbeutelentzündung im rechten Knie. Seit die abgeklungen ist, möchte ich wieder regelmäßig und rund laufen. Durch die rechtsseitige Hemiparese ist die Funktionssteuerung in meinem rechten Bein ein wenig eingeschränkt. Mein Laufstil gleicht eher einem schnellen Hinken. Habt Ihr Trainings- und Übungstipps, wie ich meinen Bewegungsapparat wieder synchron schalten und damit mein Ziel erreichen kann, regelmäßig längere Strecken beschwerdefrei zu laufen?
Euer Christoph

Lieber Christoph,
ich gratuliere Ihnen herzlich zu Ihrer Willenskraft. Als ich Medizin studiert habe (kurz nach irgendeinem Krieg) lehrte man uns, dass das Nervensystem nach Verletzungen sich nicht regeneriert. Mittlerweile haben zahlreiche Studien gezeigt, dass Gehirn und Nervenzellen extrem anpassungsfähig sind. Die Voraussetzung ist regelmäßige Übung, zahlreiche richtig dosierte Reize und Zeit. Ich weiß nicht, ob Sie wieder einen ganz sauberen Laufstil erlernen werden, denn das Manko ist sehr groß. Aber die einzige Möglichkeit, das herauszufinden, ist durch Probieren. In Frage kommen alle Übungen der Laufschule sowie Laufen bei unterschiedlichen Geschwindigkeiten und mit Steigungen. Auch Laufen im Wasser (Aquajogging) und Radfahren können teilweise die Koordination und die Feinmotorik verbessern. Aber Sie müssen es allein herausfinden: Jeder von uns ist ein einmaliges Experiment.
Mit besten Grüßen, Ihr Dr. Fernando Dimeo

Lieber Christoph,
suche Dir einen guten Trainer und Physiotherapeuten aus dem Sport. Wenn Du zufällig aus Berlin, München oder Cottbus sein solltest, kannst Du Dich direkt bei uns im Training melden. Wir schauen uns Dein Problem einfach mal an.
Besten Gruß, Jens Karraß

Lieber Christoph,
"jeder von uns ist ein einmaliges Experiment", sagt unser argentinischer Hobby-Philosoph. Damit ist eigentlich ein für allemal alles gesagt.
Bewegt, Achilles

Lieber Achim,
ich (45) habe mir zum zweiten Mal in meinem kleinen Leben die Achillessehne gerissen, damals links, diesmal zur ausgleichenden Gerechtigkeit rechts. Vor 16 Jahren bin ich nach zwölf Wochen wieder fröhlich sieben und dann mehr Kilometer getrabt, jetzt nach 17 Wochen erstmalig drei Kilometer. Ist es sinnvoll, alle zwei bis drei Tage ähnliche Distanzen zu laufen und dann langsam zu steigern? Oder kann ich längere Strecken wagen, wenn ich Gehpausen einlege? Ein höheres Tempo kommt, so hoffe ich, dann irgendwann von alleine, oder habt Ihr noch einen klugen Rat? So eine Verletzungspause ist jedenfalls ein unerhörter Motivationsschub, denn nichts ist frustrierender, als mit einem Achilles-Walker (der Puschen heißt wirklich so) an Krücken durch die Botanik zu latschen.
Vielen Dank und liebe Grüße aus Hamburg, Ulf

Hallo Ulf,
Du musst Belastung und Entlastung gut balancieren. Dazu auch auf geringste Anzeichen Deiner Sehne achten. Baue, wann immer es geht, unspezifisches Ausdauertraining wie Radfahren und Schwimmen ein, um Deine Ausdauer so zu schulen, dass es nicht auf Kosten der Achillessehne geschieht.
Viel Erfolg, Jens Karraß



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