Achilles' Ferse Die magische Sieben

Seit Alters her schreiben die Menschen den Zahlen magische Eigenschaften zu. Für viele sind sie etwas Geheimnisvolles, gar Unheimliches - auch für Achilles-Leser Laufsau gibt es drei Zahlen, die in ihrer Unüberwindbarkeit etwas Erschreckendes haben: die Zwei, die Vier und die Sieben.

Die Sieben: Leistungssteigerung von 7,7 Prozent
dpa

Die Sieben: Leistungssteigerung von 7,7 Prozent


Die Zwei: zwei Stunden als Zielzeit im Halbmarathon. Habe ich schon mal geschafft, ehrlich! Damals, kurz vor Ausbruch des Sieben-Tage-Krieges, aber das hatte dann außer der Laufsau keinen interessiert. Damals war ich jung, gesund und - wer hätte es gedacht - schnell. Und nun hechle ich diesem Ziel seit Jahren hinterher. Die Gattin meint, ich solle mich nicht lächerlich machen, wo bleibe denn der olympische Gedanke? Ich sage, das olympische Motto wurde 1894 ganz klar definiert: citius, altius, fortius - schneller, höher, stärker. Davon, dass es doch nur aufs Dabeisein ankomme, stehe in den Statuten des IOC kein Wort. Nun denn. Jung bin ich nicht mehr, gesund nur ab und zu. Schnell hängt nicht unbedingt von ersterem ab, aber von etwas anderem: dünn. Schnell und dünn bedingt sich quasi und da war es wieder, mein Problem.

Die Vier: vier Stunden als Zielzeit im Marathon - absolut unerreichbar. Ich höre schon wieder die Motivationsgurus schreien: Unerreichbar gibt es nicht. Also gut, wenn ich die zwei Stunden beim Halben noch einmal knacke, dann rechne ich mir Chancen aus. Aber so? Zu langsam, zu - undünn.

Die Sieben: Willst du im Leben noch mal was erreichen, fragte ich mich also. Oder willst du jammern? Am liebsten beides, antwortete ich mir, denn wenn ich mich nicht selbst bejammere, wer sollte es sonst tun? Ich überlegte fieberhaft, welche Strategie ich für mein Zwei-bis-Vier-Ziel einschlagen sollte. Trainieren, mehr trainieren, trainieren bis zum Kotzen. Hach, anstrengend. Ich laufe doch schon so viel, aber schneller werde ich einfach nicht. Werde dünner, rief mein Schweinehund. Bloß: wie viel dünner? Ich gucke bei Peter Greif, dort gibt es eine ganze Sammlung Masochistenrechner für alle Lebenslagen: Tempoflex-Rechner, Altersleistungsrechner, Marathon-Taktik-Rechner (nicht dass einer wie ich für so etwas wie Ankommen eine Taktik bräuchte, außer der, solange zu laufen, bis ein großes Schild mit der Aufschrift "Ziel" auftaucht).

Houdini wäre ein blutiger Anfänger gegen mich

Jetzt wird es lustig: Meine altersbereinigte Zeit (verglichen mit einem Mittzwanziger) beträgt knapp zwei Stunden. Holla! Leistungsfähigkeit merklich gesteigert und dafür keinen Meter gelaufen. Peter, ich liebe dich. Dann mein Lieblingsrechner: der Gewichts-Zeit-Rechner. Mit diesem Wunderteil rechne ich aus, dass ich bei meinem jetzigen Kampfgewicht von 77 Kilo sieben Kilo abnehmen muss, um 7,7 Prozent Leistungssteigerung zu erzielen und damit in 1:59:01 Stunden einen Halbmarathon zu schaffen.

Da war sie, meine magische Sieben. Ich könnte laufen wie gehabt, müsste lediglich in fünf Wochen sieben Kilo abnehmen und die magische Grenze wäre geknackt. Das Problem ist nur: Ich bin ein Süchtiger. Wenn etwas mehr als zusammengenommen 40 Prozent Fett und Zucker enthält, bin ich nicht zu bremsen. Es ist mir einfach nicht möglich, meine Hand zu kontrollieren, die zitternd auf die Tüte mit Schokolade, Gummibärchen, Kuchen, Snickers, Sahnepudding oder Wasabi-Erdnüssen zusteuert.

Die Gattin könnte mir die Hände auf dem Rücken mit Kabelbindern fixieren, Houdini wäre ein blutiger Anfänger gegen mich. Wenn langkettige Kohlehydratmoleküle, eingebettet in mehrfach ungesättigte Fettsäuren, durch die Luft schweben und auf meine empfindlichen Nüstern treffen, werde ich zum Tier. Am schlimmsten ist das nach einem langen Lauf. Zehn Minuten kann ich mich noch zügeln. Schaffe ich jedoch bis dahin den Absprung in die Dusche nicht, reiße ich irgendwann die Tür zum Vorratsschrank auf. Die Mühe, das Zeug rauszupulen, mache ich mir gar nicht mehr. Ich vergrabe mein Gesicht in Kekspackungen, Schokoladenpapier, Haribo-Tütchen und fresse das Zeug direkt aus der Verpackung. Die Gattin reißt mich irgendwann vom Schrank weg und schimpft: "Geh endlich duschen, bevor du endgültig im Schrank verschwindest." Dann trolle ich mich.

Monatelang Kapitalistensprudel zum Abendbrot

Man muss nun wissen: Ich habe schon mehrfach radikal abgenommen. Das erste Mal mit 18. Damals fing ich überhaupt erst mit dem Laufen an. Dann noch einmal mit knapp 30, da ertrug ich mein Spiegelbild wieder mal nicht. Immer stand wirklich etwas auf dem Spiel: Ich hatte gewettet. In meiner Umgebung fand ich noch vereinzelt Menschen, die naiv genug waren, sich auf so etwas einzulassen. 15 Kilo abnehmen in drei Monaten, oder eine Kiste Schampus. Oh ja, die Gattin und ich tranken danach monatelang Kapitalistensprudel zum Abendbrot. Aber auch die dickste Magnumflasche ist irgendwann leer.

Heute endlich war wieder so ein Wendepunkt in meinem Leben erreicht: Das erste Mal seit Jahren konnte ich den Gürtel eine Schnalle weiter stellen, ohne dass die Hose rutschte. So eine Scheiße. Jetzt wusste ich endlich, wo diese rote Delle unterm Bauchnabel herkam. Nun muss ich also wieder jemanden finden, der mit mir wettet. Damit ich ein echtes Ziel habe.

Mehr Geschichten von der Laufsau gibt es auf Achim-Achilles.de.



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