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29. Dezember 2006, 11:01 Uhr

Achilles' Ferse

Laufen nach dem Saufen

Eigentlich ist der Neujahrsmorgen der ideale Termin zum Laufen: Einsamkeit, keine Walker, direkte Umsetzung der guten Vorsätze. Wenn nur nicht dieser dicke Kater wäre. Achim und Doc Dimeo gehen der Frage nach, ob sich spätes Trinken und früher Sport vertragen.

Hallo Achim,
nachdem ich vor einigen Wochen sehr tief ins Glas geschaut hatte und am nächsten Tag mit einem derben Kater in den Tag gestartet bin, habe ich mich am Abend doch dazu entschlossen, noch zu laufen. Es ging mir schon viel besser, außerdem hatte ich reichlich gefrühstückt, Kohlehydrate sollten also ausreichend vorhanden sein. Die ersten acht, neun Kilometer lief auch alles wunderbar. Doch nach Kilometer zehn kam ein heftiger Einbruch, in Form von schlimmem Stechen in der Lebergegend. Ich musste tatsächlich nach Hause walken. Die Schmerzen hielten noch fast zwei Tage an. Habe ich meinem Körper damit etwas Schlimmes angetan? Was war genau passiert?
Ratlos, Timo

Kater und Nachdurst: Anstrengend für die Leber
DPA

Kater und Nachdurst: Anstrengend für die Leber

Lieber Timo,
was genau passiert ist, lässt sich kurz beschreiben: Sie haben sich betrunken, sind danach mit vollem Bauch gelaufen und hatten Seitenstechen. Sie haben es sogar überlebt. Eigentlich nichts Spektakuläres.
Mit besten Grüßen, Ihr Dr. Fernando Dimeo

Lieber Timo,
mich wundert, dass die ersten Kilometer so problemlos verliefen. Wenn ich beim Doc mit vorzüglichem argentinischen Rotwein abgefüllt wurde, sind es am Morgen darauf gerade die ersten 20 Minuten, die extrem unangenehm sind, vom Kopf über die Innereien bis hinab in die Beine. Danach geht's dann einigermaßen. Ich bilde mir ein, dass man den Dreck ausschwitzt. Was die Leber angeht: In diesem unseren Superorgan wird nicht nur der Alkohol abgebaut, sondern bei Kohlehydrat-Überschuß auch Glykogen aufgebaut, wenn ich mich recht entsinne. Beides gleichzeitig ist offenbar ganz schön anstrengend, selbst für so eine kleine, tapfere Leber.
Besten Gruß, Achim

Lieber Achim,
auch als gefühlter Spitzensportler kommt man ja um die Geburtstage und Einweihungspartys der wenigen verbliebenen Freunde nicht herum. Am Vormittag danach laufe ich dann meistens mit ungefähr 2,3 Promille Restalkohol etwa fünf Kilometer, die sich allerdings anfühlen wie ein doppelter Halbmarathon. Da die Belastung für den Körper ja durchaus vergleichbar ist, werte ich somit den Lauf in meinem Trainingsplan auch als lange Distanz. Wenn mehrere Partys anliegen, komme ich so teilweise auf über 200 Wochenkilometer. Ist das eine Milchmädchenrechnung?
Martin

Lieber Martin,
ja. Fünf Kilometer sind fünf Kilometer sind fünf Kilometer. Aber ich muss zugestehen, der Versuch, die Folgen einer Sauferei ins Trainingstagebuch als sportliche Leistung einzutragen, zeigt von einem ausgesprochen offenen und kreativen Geist.
Mit besten Grüßen, Ihr Dr. Fernando Dimeo

Lieber Martin,
sorry, aber Du betrügst Dich selbst. Mathematisch korrekt müsstest Du den Promillewert mit den gelaufenen Kilometern multiplizieren. Das wären in Deinem Fall 2,3 x 5 = 11,5 Kilometer. Du darfst also nicht einen Halb-, sondern nur einen guten Viertelmarathon in Dein Trainingsbuch eintragen. Es sei denn, Du leerst vor dem Start eine Flasche Wodka, um auf die erforderlichen 4,2 Promille zu kommen. Wegen der ganzen Kurven und Schlenker darfst Du sogar noch zwei Kilometer draufrechnen. Vielleicht können unsere osteuropäischen Fans dazu noch etwas Sachdienliches beisteuern.
Prosit Neujahr, Achim

Hi Achim,
ich komme zufällig aus Roggwil, dem 2700 Seelen-Dorf in der Schweiz, von dem aus die MBT-Schuhe ihren Siegeszug um die ganze Welt angetreten haben. Die Dinger scheinen sich sehr gut zu verkaufen. Natürlich habe ich sie auch schon ausprobiert. Aber nur im Büro, denn mit MBTs joggen – nein, danke. Auf jeden Fall habe ich sie wieder zurückgegeben, da ich persönlich keinen positiven Effekt in Bezug auf meine Fitness oder was auch immer feststellen konnte. Naja, bei anderen haben die Schuhe scheinbar wahre Wunder vollbracht. Mich würde interessieren, was der Doc und der Laufcoach zu den Schuhen sagen.
Stefan

Lieber Stefan,
mir kommen diese Massai-Schuhe ein wenig zu teuer vor. Aber wenn man sie tragen möchte und sich dabei gut fühlt, na bitte.
Mit besten Grüßen, Ihr Dr. Fernando Dimeo

Grüezi Stefan,
Gucci ist noch teurer und sieht, gerade bei Herrenschuhen, ähnlich beschissen aus. Insofern sind die Massai-Schuhe noch ein guter Deal. Warum nur hat man noch nie einen Massai mit den Kloben am Fuß gesehen?
Besten Gruß, Achim

PS: Klemmbrett steht bei einem amerikanischen Sportartikelhersteller unter Vertrag, kann sich also ohnehin nur voller Abscheu äußern. Befangenheitsbedingt also kein Kommentar.

Hallo Jungs,
ich muss mal ein paar Worte zum Thema Frauen – Laufen - Ansprechen loswerden. Ich laufe seit einigen Jahren, bin seit 2002 auf der Marathonstrecke unterwegs und seit zwei Jahren Triathletin auf der Mitteldistanz. Die meisten Männer, die ich erlebe, haben eine Riesenpanik, dass Frauen ihnen davonlaufen könnten. Das scheint ein existenzielles Problem zu sein. Ich selbst bin bei meinen Marathonläufen immer von Mitläufern angesprochen worden und fand das nett. Weniger nett und attraktiv wirkt dagegen jemand, der verbissen und mit aller Macht schneller sein will als ich. Wichtig ist, wie souverän er mit seiner Leistung umgeht, solange man ihn nicht zum Spazierengehen in eine Schubkarre setzen muss.
Beste Laufgrüße, Jessica

Liebe Jessica,
könntest Du bitte präzise Ort und Zeit Deiner Trainingsläufe angeben – Klemmbrett will im neuen Jahr einen Kurs "Run and Flirt" eröffnen.
Dein verbissener Frauenüberholer Achim

Lesertipp

Hallo Achim Achilles,
ich verfolge hier in Schweden regelmäßig Deine Kolumnen. Wenn Du noch ein paar Motivationen für das neue Jahr brauchst, dann versuche es doch mal damit: Der Schwedenklassiker (En svensk klassiker - www.ensvenskklassiker.com), Wasalauf - 90 Kilometer Ski (März), Vätternrunde - 300 Kilometer Fahrrad (Juni), Vansbroschwimmen - drei Kilometer in zwei Flüssen schwimmen (Juli), Lidingelauf - 30 Kilometer Lauf mit sehr bergigem Profil (Waldweg, Pfade) (September). Das alles absolvierst Du innerhalb von zwölf Monaten.
Ich wünsche viel Erfolg, B.

Lieber B.,
toll, wie Du Dich um mich kümmerst. In diesem Jahr, ich spüre es, gibt es für mich nur eins: Schonen. Aber das ist ja auch in Schweden.
Elch-Gruß, Achim

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