Achilles' Ferse Mit Sohnemann am Treibgutstrand

La dolce vita: Achilles-Leser "die Laufsau" urlaubt in Italien. Groß waren vor Antritt der Reise die Ambitionen, fleißig zu trainieren. Doch an mehr als Eisessen ist tagsüber ob der Temperaturen nicht zu denken. Gut, dass "Sohn Nummer eins" unter die Frühaufsteher gegangen ist.

Italienisches Strandleben: Morgenstund' hat Gold im Mund
dpa

Italienisches Strandleben: Morgenstund' hat Gold im Mund


Regelmäßig und viel trainieren - etwas, das zu Hause schon beinahe ein Fremdwort ist, wollte ich im Urlaub auf dem Campingplatz an der italienischen Adria endlich umsetzen. Erst gab es ein paar Tage Müßiggang, dann folgte ein mörderisch schlechtes Gewissen.

Tagsüber zu laufen, daran war bei 35 Grad im Schatten nicht zu denken. Die einzige Strecke, die Sohn Nummer eins und ich zu dieser Zeit freiwillig zu Fuß zurückzulegen gedachten, waren die 250 Meter vom Caravan zur Gelateria Veronica.

Kinder sind ja in neuen Situationen gerne etwas aufgedreht. Nachdem Sohn Nummer eins festgestellt hatte, das er morgens nach Herzenslust gefahrlos mit seinem Kinderfahrrad auf dem Campingplatz herumsausen konnte, war er nicht mehr zu halten. Pünktlich um halb sieben stand er fortan morgens im elterlichen Schlafzimmer: "Papa, kannst du mich anziehen, ich will Fahrradfahren gehen!"

Es dauerte zwei Tage, bis mich der Schlag der Erkenntnis traf: Morgens laufen! Wenn es noch kühl ist, und der Strand uns gehört, Sohn Nummer eins und mir. Brötchen holen, frühstücken, den Tag über abhängen, und schon beim Mittagessen das gute Gefühl genießen, dass man gut im Training steht. Da die Gattin und ich uns abends immer schon früh in die Kemenate zurückzogen, war nicht mal das Aufstehen ein Problem.

Stelzengang erinnert stark an C3PO

Also brachen Sohn Nummer eins und ich am nächsten Morgen gemeinsam auf. Überraschung Nummer eins: Mit 42 ist man morgens etwas steif in den Knochen. Mein Stelzengang erinnert stark an C3PO, als der auf Tatooine eine Düne herunterrutscht. Überraschung Nummer zwei: Auch andere waren auf die Idee gekommen, morgens zu joggen. Ein Wunder, dass man am Eingang zum Strand keine Nummern ziehen musste. Aber der Strand von Duna Verde eignete sich eben auch vorzüglich zum Laufen: Kilometerweise betoniert und ohne die geringste Steigung.

So trabte ich also in Begleitung des Verpflegungsfahrzeugs fröhlich vor mich hin, eingelullt von Wind, Wellen und dem Geräusch der Planierraupe, die das leerstehende Grundstück neben dem Campingplatz für ein neues Einkaufszentrum vorbereitete. Entgegenkommende Läufer sprangen in Panik links und rechts weg, denn mein Großer betrachtete den Strandweg als seine private Teststrecke für raumgreifende Fahrradkunststücke. Die meisten schimpften auf deutsch, der Rest auf holländisch. Verdammte Überambitionierte!

Genug Material, um die Gorch Fock maßstabsgetreu nachzubauen

Die Italiener haben den Strand zwar mit Beton in eine Weltrekordstrecke verwandelt, laufen selbst aber nicht, sondern stehen zu dieser Zeit an der Bar und nehmen Caffe mit Dolci. Und werden trotzdem nicht dick, weiß der Geier, wie die das machen.

Auf dem Rückweg entwickeln wir ein Ritual: Jedes Mal kommen wir an einem großen Haufen Treibgut vorbei, Sohn Nummer eins sucht ein Sahnestück heraus (das geht üblicherweise nach Größe) und der arme Papa muss den halben Baumstamm dann nach Hause schleifen. Nach drei Tagen haben wir genug Material vor der Hütte, um die Gorch Fock maßstabsgetreu nachzubauen. Das Schönste an diesem morgendlichen Lauf aber ist um halb neun frischgeduscht, am gedeckten Frühstückstisch auf der Veranda zu sitzen, einen frischen Cappucino vor sich, ein knuspriges Brötchen auf dem Teller (oder was die Italiener eben dafür halten) und ein wenig in der Gazzetta dello Sport zu blättern. Nicht dass ich ein Wort davon verstehen würde, aber es gibt mir so ein ... sportliches Gefühl.



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