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05. Juli 2006, 09:16 Uhr

Achilles' Ferse

Ohne Uhr läuft es sich besser

Der Puls hämmert und trotzdem zieht ein Walker nach dem anderen vorbei - ein Problem, dass gerade übergewichtige Läufer kennen. Achim Achilles rät: Nicht auf die Uhr schauen, sondern einfach nach Gefühl laufen und vor allem: kämpfen!

Lieber Achim,
ist irgendwo nochmal Licht am Horizont, wenn man bei 70 Prozent Maximalpuls (140 von 200) nicht über sechs bis sieben Kilometer pro Stunde hinauskommt oder sollte ich mich zur Fettabsaugung anmelden, um noch jemals schneller werden zu können?
Krischan

Läufer in Frankfurt am Main: Wadenwickel mit Magerquark
DPA

Läufer in Frankfurt am Main: Wadenwickel mit Magerquark

Lieber Krischan,
pack' Deine Pulsuhr ganz hinten in den Schrank und laufe mal ein paar Wochen nach Gefühl. Drück' testhalber einen Kilometer lang aufs Tempo, aber ohne Dich zu töten. Höre in Dich hinein. Gehts noch? Macht es womöglich sogar Spaß? Dann weißt Du auch, wo das Problem liegt: beim manischen Glotzen auf die dumme Uhr. Ohne läuft sichs oft besser.
Kämpfen! Achim

Hallo Achim,
meine Frau und ich laufen seit einigen Jahren regelmäßig und seit geraumer Zeit schwelt eine Streitfrage, die bisher nicht zufriedenstellend beantwortet werden konnte. Wir sind uneins, ob schnelles und langsames Laufen unterschiedlich viel Energie verbraucht. Während ich meine, dass es mehr Kalorien kostet, zehn Kilometer in 42 Minuten zu laufen, als die selbe Strecke in 58 Minuten, meint meine Frau, dass es da keinen Unterschied gäbe. Wer hat Recht?
Markus

Lieber Markus,
tolle Frage! Denn es kann wirklich sein, dass gleichviel Energie verbraucht wird. Es kommt auf den Trainingszustand an. Wenn 42 Minuten eine Maximalbelastung darstellt, dann verbrennst Du da mehr als bei 58 Minuten. Ist es allerdings eine verträgliche Belastung, kann es gut sein, dass Du in den zusätzlichen 16 Minuten den Kalorienvorsprung wieder wettmachst. Generell ist schnelleres Laufen aber natürlich kalorienvernichtender.
Viele Grüße, Jens Karraß

Lieber Markus,
eine einfache Frage, die einer komplexen Antwort bedarf. Laufen bedeutet nichts mehr, als das Körpergewicht (Masse) aus dem Ruhezustand mit einer bestimmten Geschwindigkeit (Beschleunigung) über eine längere Strecke (Weg) zu transportieren. So gesehen ist Laufen nur Arbeit (was Achim übrigens schon immer wusste): Masse x Beschleunigung x Weg. Die Energie, die für diese Arbeit benötigt wird, kann in Kalorien umgerechnet werden. Wie Sie sehen, spielt die Zeit bei der ganzen Berechnung keine nennenswerte Rolle. Aber nur theoretisch, denn Menschen sind keine Geräte. Läufer, die 10 km in 30 Minuten laufen, sind leichter, besser koordiniert und bewegen sich ökonomischer als Zeitgenossen, die dafür 45 Minuten benötigen. Anders gesagt: Ein gut trainierter Läufer verbraucht für dieselbe Strecke weniger Kalorien als ein Untrainierter. Die Gleichung wird noch komplexer, wenn man Faktoren wie Körperzusammensetzung und Anteil an aerober und anaerober Energiebereitstellung berücksichtigt. Bei Laufgeschwindigkeiten oberhalb der anaeroben Schwelle verbraucht man die gleiche Energie wie beim langsameren Laufen, für die Energieproduktion im anaeroben Bereich ist jedoch viel mehr Rohstoff notwendig, so dass unter dem Strich deutlich mehr Energielieferanten verbraucht werden. Eine sehr einfache, jedoch erstaunlich präzise Formel hat Herbert Steffny ausgetüftelt. Sie lautet: Kalorienverbrauch = Körpergewicht in Kilogramm x Kilometer. Also ein/e 85 Kilogramm schwere/r LäuferIn verbraucht bei den zehn Kilometer ca. 850 Kilokalorien.
Mit besten Grüßen, Dr. F. Dimeo

Hallo Markus,
ich finde, der Faktor Zeit kommt zu kurz. Wer auf zehn Kilometer 80 Minuten braucht, verbrennt wegen des geringen Tempos zwar weniger aber dafür doppelt so lange wie einer, der die Strecke in 40 Minuten schafft. Wenn Du mit Deiner Frau zusammenläufst, und Du bist schwerer als sie, was ich für Euch hoffe, dann verbrennst Du jedenfalls immer mehr als sie. Das ist doch auch schon mal was.
Gruß, Achim

Lieber Achim,
obwohl ich mir als ansonsten ziemlich fitter Laufanfänger vor Beginn meines Trainings neue Laufschuhe gekauft hab (natürlich nach Beratung in einem Fachgeschäft!), mein Laufpensum ganz langsam gesteigert habe und nach dem Laufen auch immer brav ausgiebig die Waden dehne, habe ich neuerdings am rechten Schienbein beim Auftreten einen Schmerz. Zwischen den Läufen ist der Schmerz auch da, allerdings eher pochend/pulsierend. Was tun?
Tom

Lieber Tom,
Sie haben leider Recht: man macht alles richtig, ist sorgfältig und gewissenhaft, und trotzdem sind Verletzungen nicht immer zu vermeiden. Es erwischt in der Tat jährlich jeden Dritten, der regelmäßig läuft. Manchmal ist es nur Pech, manchmal hat man doch was Wichtiges übersehen. Was tun, fragen Sie? Zuerst muss man akzeptieren, dass die Theorie perfekt und das Leben unvollkommen ist. Danach wenden Sie das PECH-Prinzip (Pause, Eis, Kompression und Hochlagern) an, das wir auf diesen Seiten praktisch einmal wöchentlich erörtern. Wenn die Beschwerden trotz diesen Maßnahmen nach drei bis vier Tagen immer noch vorhanden sind, müssen Sie den Arzt besuchen, um die genauen Ursachen der Beschwerden und eine entsprechende Behandlung herauszufinden.
Mit besten Grüßen, Ihr Dr. Fernando Dimeo

Lesertipp

Hallo Achim,
ich kann seit fünf Wochen nicht laufen, da mich das Schienbeinkantensyndrom gepackt hat. Nachdem alle Künste der Schulmedizin versagten, habe ich mich per Google nun selbst in Behandlung genommen - wie ich finde, auch eine Tugend der Laufenden. Ich lege nachts Magerquark-Wadenwickel an, nehme homöopathische Tropfen und massiere eines jeden Abends vor dem TV die schmerzende Stelle mit Wundersalben - es wirkt.
Gruß, Thilo

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