Achilles' Ferse "Smakke pakke alskedei?"

Soll ich's wirklich machen, oder lass' ich's besser sein - Jein! Achilles-Leserin Ursula ist in Stockholm - eigentlich, um auf einer Konferenz teilzunehmen. Doch dann lockt mit aller Macht der Marathon. Und die Aussicht, den eigenen Namen per Lautsprecherdurchsage zu hören.
Schweden: Ein reizvoller Rahmen - nicht nur für Konferenzen

Schweden: Ein reizvoller Rahmen - nicht nur für Konferenzen

Foto: ddp

Ankunft in Stockholm. Strahlender Sonnenschein, alles wunderschön, eine tolle Woche steht bevor. Auf meinem ersten Erkundungsgang durch die Stadt sehe ich überall Ankündigungen für den Marathon. Nichts für mich! Ich bin wegen einer Konferenz hier. Eigentlich hatte ich mich im Oktober für den Stockholm-Marathon  angemeldet.

Doch in den vergangenen Wochen lief es nicht ganz so, wie es laufen sollte: Außerdem steckte mir noch der Berliner Halbmarathon und der London Marathon in Oberschenkeln und Knien. 42,195 Kilometer mussten diesmal wirklich nicht sein. Dachte ich eigentlich. Vor ein paar Wochen hatte ich jedenfalls den Veranstaltern eine E-Mail geschickt, und fragte, ob sie mich vielleicht als Helfer gebrauchen könnten. Sie konnten und teilten mich zum Informationszelt ein, um Läufern auf Englisch und Deutsch zu helfen. Das klang spannend, ich freute mich darauf. Für die Konferenzwoche legte ich mir ein nettes Trainingsprogramm zurecht. Das muss sein, wenn man sich tagsüber den Hintern platt sitzt. Ich machte wunderschöne Morgenläufe um die Insel Djurgarden. Alles blühte dort frühlingshaft grün, die Vögel zwitscherten - einfach nur toll.

Ein paar Beobachtungen zu den Schweden: Walker gibt es hier viele - nur ohne Stöcke. Dafür wedeln viele Damen, die voll geschminkt und mit entschlossener Miene walken, ein paar Handgewichte in der Gegend umher. Und Gassi-Geher gibt es natürlich auch. Wobei die Hunde eher die Größe von Ratten haben - sogar wenn der Eigentümer ein voll tätowierter Hüne in schwarzen Lederklamotten ist.

Nach dem Ende der Konferenz ging ich zur Marathon-Expo. Bei der Messe stellte ich mich meinen Infozelt-Kollegen vor, bekam mein Crew-T-Shirt und erlag noch diversen Einkaufsverführungen. Die Marathonatmosphäre packte mich. Ob ich nicht vielleicht doch ... ? Den Gedanken spielte ich mehrmals durch. Doch jedes mal verwarf ich ihn als völlig abgedreht. Trotzdem, ich holte mir meinen Teilnehmerchip ab - man weiß ja nie - und ging zur Pasta-Party. Schließlich hatte ich ja auch dafür bezahlt. Ich saß auf einem Sportplatz in der Sonne, schaufelte Nudeln und Knäckebrot und lauschte dem schwedischen Ansager. Ich verstand nur Schöttbullar. Im Hotel zermarterte ich mir weiter den Kopf: "Laufe ich?- Biste doof?! Aber ich will doch! - Quatsch, völlig bescheuert, oder wie? Das Bein könnte wieder weh tun, wäre doch schade. - Stimmt, aber wenn ich nun schon mal hier bin. - Kannst ja wiederkommen.

Das ging ziemlich lange hin und her, eine Entscheidung traf ich nicht. Dafür wachte ich aber am Marathon-Morgen früh auf, begab mich zur Expo und zum Infozelt. Meine Laufsachen hatte ich mit, sicher ist sicher. Im Infozelt war es klasse. Ich kam mir zwar immer etwas deplatziert vor, wenn sich jemand mit freundlichem Lächeln, fragendem Blick und irgendwas von "Smakke pakke alskedei?" brabbelnd auf mich stürzte. Aber auf Englisch gab ich dann zu verstehen, dass ich eben nichts verstand.

Meine Helfer-Kollegen fragten immer mal wieder, ob ich denn mitlaufen würde. "Keine Ahnung", antwortete ich ihnen. Um 12 Uhr schaute ich auf das Stadionthermometer: 26 Grad. Ich beschloss, nicht zu laufen und lieber hilflosen Marathonis Chips an die Schuhe zu knoten. Nun war der Start aber erst um 14 Uhr und direkt vor unserem Infozelt. Immer mehr Läufer kamen, die Atmosphäre wurde auch immer besser.

Dann passierte es: Wie von Marionettenschnüren gelenkt, fand ich mich auf einmal in der Umkleide wieder. Und schließlich bei der Taschenabgabe. Um kurz vor 14 Uhr stand ich am Start. Mein Plan: die Marathonstrecke besteht aus zwei Runden - die erste Hälfte würde ich mitlaufen und dann aussteigen. Ein guter Kompromiss, wie ich dachte. 18.600 Teilnehmer, davon 7000 Finnen, 747 Deutsche und insgesamt Läufer aus 70 verschiedenen Nationen waren vertreten. Startschuss - seltsam: viele Zuschauer an den Straßen, aber Totenstille. Ein reserviertes Völkchen, diese Schweden. Wenn doch mal jemand anfeuerte, hörte man sofort ein peinlich berührtes Kichern von den Umstehenden. Kein Vergleich zu London oder Berlin. Nach zwei Kilometern kamen wir durch einen Park. Menschen lagen in der Sonne, picknickten - und wir wetzten. Aber es machte ja Spaß. Das Rennen sollte ein Erlebnis werden, die Zeit war mir völlig egal.

Bei Kilometer 17 dachte ich, dass eine Runde nun doch reichte, die Strecke hatte ich ja nun gesehen. Aber bis 20 km wollte ich schon noch. Ich fühlte mich doch gerade so gut. Aufhören kann ich immer noch, dachte ich mir und lief weiter. Bei km 25 km sagte ich mir: Die restlichen 17 schaffst Du auch noch, kein Problem. Und die zweite Runde wurde auch wesentlich unterhaltsamer: Die Zuschauer tauten auf - kein Wunder bei der Hitze - die Stimmung stieg. An einem Versorgungsstand gab es Salzgurken. Hört sich seltsam an, aber die haben toll geschmeckt. Das Salz kam sehr gelegen.

Dann das absolute Highlight: Zieleinlauf ins Olympiastadion, mit tollem Applaus und Begrüßung der Läufer mit Namen. Ein seltsames Gefühl, den eigenen Namen per Lautsprecher in so einem Stadion zu hören: Gänsehaut pur. Bei diesem Rennen ohne irgendwelche Zeitvorstellungen mitzumachen, war richtig schön.

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