Achilles' Ferse Sturm auf die Burg

Den Schweinehund halbwegs im Griff, aber leicht angeschlagen machte sich Achilles-Fan Mirco Meniscus daran, einen langgehegten Wunsch in die Tat umzusetzen: Die Lieblings-Burgruine seiner Jugend sollte endlich läuferisch erschlossen werden.

Burg in Italien: Auf die Euphorie folgt augenblicklich die Ernüchterung
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Burg in Italien: Auf die Euphorie folgt augenblicklich die Ernüchterung


Der Hals kratzt nicht mehr ganz so schlimm, dafür plagt mich ein leichter Muskelkater in den Beinen. Egal, heute wird die Burgruine Liebeneck erstürmt! Seit ich vergangenes Jahr in meiner Heimatstadt wieder mit dem Laufen begonnen habe, bin ich bestrebt, den Kilometerumfang meiner Trainingsstrecken auszubauen, um mich dem momentan noch größenwahnsinnigen Projekt Marathon langsam, aber stetig zu nähern.

Da ich, was lange Laufstrecken anbelangt, ein ausgesprochener Waldmensch bin, ist der Weg zur Burgruine Liebeneck ein äußerst günstiges strategisches Ziel, weil beliebig erweiterbar. Freudig erregt ob der Umsetzung eines wichtigen Teilziels, mache ich mich auf den Weg. Aus den Versäumnissen der letzten Hitzeschlacht scheine ich wohl gelernt zu haben. Denn diesmal sind sowohl Notfallproviant als auch der Spacko-Gürtel mit der ADWF (Anti-Dehydrations-Wasserflasche) dabei. Der erste Laufschritt ist zwar alles andere als locker, aber noch bin ich frohen Mutes.

Nach drei Kilometern bergauf ist es soweit! Ich verlasse die gewohnten Trainingspfade und erkunde für mich läuferisch unbekanntes Terrain. So macht mir Laufen am meisten Spaß, allein im Wald auf schulterbreiten und von dichtem Gestrüpp flankierten Wegen. Gerade genug Platz für eine Person: mich! Während ich meine Umgebung genieße, bringt mich ein Blick auf die Uhr in die Realität zurück.

Keine Möglichkeit, dem Schweinehund nachzugeben

Sehr schnell bin ich heute nicht unterwegs, und die Waden verlachen bereits jede Hoffnung auf eine signifikante Temposteigerung. Genauer gesagt fühle ich mich kurz vor einem Krampf. Mein persönlicher Point of no return ist bereits überschritten, ein Telefon ist nicht dabei, und es gibt keine Möglichkeit, dem bereits aufbegehrenden Schweinehund nachzugeben. Ich beginne zu befürchten, dass mir heute mein läuferisches Waterloo drohen könnte. Waterloo mit Sicherheit, aber als welcher Hauptdarsteller? Wellington, Blücher, oder doch Napoleon?

Gut, ausreichend Größenwahn und Selbstüberschätzung sind vorhanden, aber ganz so schlecht geht es mir dann doch noch nicht. Mittlerweile geht der idyllische Waldweg in einen breiten Schotterweg mit malerischem Ausblick über. Die ersten Pedalritter, Spaziergänger und Walker kreuzen ab und an meinen Weg. Die Laufstrecke ist einfach fabelhaft! Laut Beschilderung sind es nur noch eineinhalb Kilometer bis zur Burg. Ähnlich wie beim Calwer Lauf zieht sich der letzte Kilometer bis zur Wende wieder unsäglich in die Länge. Da, endlich ist der Bergfried in Sicht!

Im Taumel der Euphorie rauschen zwei taufrische Läufer quasselnd an mir vorbei. Unter anderen Umständen hätte mich diese Tatsache enorm verärgert und angespornt. Doch im Moment bin ich einfach nur froh, die Hälfte geschafft zu haben: siebeneinhalb Kilometer. Ich fühle mich wie Blücher beim Niederreiten der napoleonischen Infanterie. Die Burg ist erstürmt. Na ja, wenigstens bildlich gesprochen, denn eigentlich schleiche ich nur so durch den Wald.

Lebensgeister sind wieder erwacht

Auf die Euphorie folgt augenblicklich die Ernüchterung, jetzt muss ich das Ganze wieder zurück. Das kaum wahrnehmbare Wellenprofil der Strecke habe ich wohl etwas unterschätzt. Jetzt hoffe ich doch eher wie Wellington auf die rettende Hilfe Blüchers. Ansonsten gute Nacht! Die immer wiederkehrenden Steigungen treiben mir kalten Schweiß ins Gesicht. Die Kräfte schwinden zusehends, und ein Ende der Anstrengung will einfach nicht in Sicht kommen. Endlich die Erlösung. Rettung naht. Blücher eilt mir zu Hilfe in Form von Apfelsaftschorle aus der ADWF.

Die Lebensgeister sind wieder erwacht, und als ich die gewohnten Pfade erreiche, geht es fast nur noch bergab. Zufrieden, erschöpt und froh, dass der Spuk ein Ende hat, erreiche ich mein Ziel nach fünfzehn Kilometern und viel zu vielen Minuten. Satte neun Minuten pro Kilometer war meine Durschnittslangsamkeit, und dennoch bin ich zufrieden. Ein weiteres Teilziel ist erreicht!

Mehr von Mirco Meniscus gibt es hier.

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