Achilles' Ferse Wurstpellen im Wattenmeer

Warten auf Nummer 126: Beim Nordseelauf von Neuwerk nach Cuxhaven achtet Achilles-Leser Wopper auf die richtige Kleiderwahl. Trügerische Priele und glitschiges Geläuf verlangen dem Athleten im Wattenmeer alles ab, doch die wahre Bedrohung heißt Hein-Peter.

Wattenmeer: Knietiefe Priele als Bauchklatscher-Falle
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Wattenmeer: Knietiefe Priele als Bauchklatscher-Falle


Wenn es vorm Startschuss zum Nordseelauf auf Neuwerk regnet, drängeln sich alle Starter in der Scheune von Bauer Fock. Bleibt es trocken, verteilen sich die gut 800 Teilnehmer auf der kleinen Insel. Neuwerk stellt besondere Anforderungen an den Langmut der Läufer. Neben dem Fockschen Hof bildet der Leuchtturm das zweite Highlight der Insel, weiterhin tummeln sich reichlich Schafe und Pferde auf dem Eiland. Alle Bewohner Neuwerks unterstützen das Rennen. Die große Gästeschar wird mit Kübeln voller Nudeln verköstigt und mit leckerem Kuchen bei Laune gehalten.

Dennoch wurde die Zeit von der Ankunft auf der Insel am Morgen bis zum Startschuss am Abend recht lang. Ich verbrachte die meiste Zeit des Tages auf einer Bank, in der Mitte der Meute sitzend, um zusammen mit einigen Läuferkollegen die Sportbekleidung des Tages zu wählen.

In der Kategorie Trainingsanzüge überzeugte ein ballonseidenes Modell aus den frühen Achtzigern in einem harmonischen Farbenspiel von Türkis, Mauve und Eierschalenweiß. Die T-Shirt-Wertung gewann ein Baumwolllappen vom Berlin-Marathon unbekannten Datums in der Kultfarbe Leberwurstgrau. Den Ehrenpreis der Jury erhielt ein Teilnehmer in einer Radfahrhose mit integrierten Hosenträgern. Diese war farblich in Schwarz gehalten, doch durch die hautenge Passform wurde auch hier dem Sommertrend "Leberwurst" Rechnung getragen.

Trecker fürs Gepäck, angemessene Kleidung

Das Organisatorenteam nahm seine Sache ernst. Alle halbe Stunde wurde daran erinnert, dass bis 16 Uhr alle Taschen in den bereitgestellten Wagen verladen sein müssen, da das Gepäck andernfalls durch das Watt getragen werden müsste. Um Punkt 16.20 Uhr brachen die Trecker gen Festland auf. Ein Teilnehmer schaffte es noch, seine Tasche auf den bereits fahrenden Trecker zu werfen.

Die Insel Neuwerk gehört zum Stadtteil Hamburg Mitte, auch wenn sie von Hamburg gut 150 Kilometer entfernt liegt. Um dem maritimen Flair des Laufs Rechnung zu tragen, entschied ich mich für ein Laufshirt von "Pirate" mit passendem Piratenkopftuch. Um Viertel vor fünf starteten die Walker und die langsamen Läufer. Eine halbe Stunde später krachte der Startschuss für die weiteren 500 Läufer über das Meer.

Wo man noch Stinker sein darf

Etwa 400 Meter nach dem Startbogen war das Watt erreicht. Auf den ersten hundert Metern versuchte jeder noch instinktiv Pfützen auszuweichen. War diese Hemmschwelle überschritten, begann der Spaß. Es quatschte und glitschte, dass es eine wahre Wonne war. Ab und an durchzogen knietiefe Priele das Watt. Es fand sich immer ein Zeitgenosse, der einen solchen Priel unterschätzte und zur Freude aller einen unfreiwilligen Bauchklatscher ablieferte. Ein frischer Geruch nach fauligem Watt umwehte die Läufer, so dass etwaige humane Ausdünstungen jeder Art elegant überdeckt wurden.

Hier im Watt darf der Läufer noch Stinker sein, ohne dass es seine Mitmenschen stört. Hatte man sich an den rutschigen Boden gewöhnt, ließ es sich recht anständig laufen. Das Ausbalancieren des Körpers auf dem welligen Untergrund und die notwendige hohe Konzentration zehrten an den Kräften. Auch mental galt es Haltung zu bewahren, denn das Ziel im 12,6 Kilometer entfernten Cuxhaven war bereits kurz nach dem Start zu sehen. Wie an der Perlenschnur aufgereiht, zogen sich die Läufer durchs Watt.

Hein-Peter greift an

Ich ging das Rennen locker an und wartete auf die Nummer 126, Hein-Peter aus Buxtehude. In Otterndorf hatte ich ihm 30 Sekunden eingeschenkt und mir meinen 28. Platz in der Gesamtwertung zurückgeholt. Mit einem Schnitt von gut unter fünf Minuten auf den Kilometer, erwartete ich den Angriff.

Ab Kilometer neun hatte ich langsam keine Lust mehr. Es war kalt und nass und es roch nicht gut. Ich wollte eine warme Dusche, ein Bier und am Besten eine Currywurst. Ungefähr zwei Kilometer vor dem Ziel kam Hein-Peter und startete seinen Angriff. Ich erhöhte ebenfalls meine Schlagzahl und blieb in Sichtweite. Der letzte Kilometer verlief, parallel zum Start, in knöcheltiefem Wasser, unter dem sich fiesester Schlick verbarg. Nun kämpften alle an ihren Grenzen. Es war ein Schnaufen und Gurgeln, ein Schmatzen und Stöhnen, nur gut, dass die Zuschauer noch weit weg waren. Die letzten 20 (gefühlt 100) Meter über den Sandstrand, die Betonschuhe ließen sich kaum noch bewegen. Mit letzter Kraft durch den Zielbogen, nur aus der Ferne hörte ich meinen Namen. Geschafft.

Sportlernahrung und Läuferlatein

Direkt hinter Hein-Peter stand ich hechelnd in Cuxhaven. Wir klatschen uns ab und waren froh, dass es vorbei war. Das glücklichere Ende lag bei mir. Ich hatte 21 Sekunden gerettet. Die Endzeit war 1:01:15 Stunden für 12,6 Kilometer, ein Schnitt von 4:51 Minuten. Eigentlich hatte ich alle Läufe unter einer Stunde beenden wollen, aber das war nun egal.

Dem Genuss einer kalten Dusche setzte ich mich nur kurz aus. Dafür belohnten wir uns alle mit ein paar Bier, Fischbrötchen oder Pommes. Wildes Läuferlatein waberte durch die Luft, überall leuchteten glückliche Gesichter. Wir verabredeten uns alle für das nächste Jahr - dann würden wir aber mal richtig angreifen.

Mehr Laufabenteuer von Achilles-Lesern gibt es auf Achim-Achilles.de.



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Paulizei, 11.04.2005
1. Thema gestorben?
Hallo liebe Laufsportfanatiker, Walker-Hasser oder -Anwälte, Spiegelleser oder sonstige Ehrgeizlinge! Hat diese herrliche Thema den Umzug ins neue Forum nicht überlebt oder seid Ihr in Woche 2 vor dem Olympus Marathon alle so intensiv im Lauftraining, dass keine Zeit mehr für weltliche Angelegenheiten wie das Internet bliebt? Es grüsst Euch Eure Startnummer 16781
seductive, 12.04.2005
2. Pillen-Anleitung
also, ich find ja den Beitrag von Achilles sehr lustig. Leider glauben echt viele Leute dran, dass das Zeug was hilft. Ich muss gestehen, einige Sachen muss ich auch nehmen, allerdings nach Anraten des Arztes. Dass Eisen stopft, hab ich selbst noch nie bemerkt. Magnesium gegen die Krämpfe - wenn ich das mal einige Wochen nicht nehme, weiß ich genau, dass ich beim Spitzentanz nach einigen Minuten wieder fiese Krämpfe in den Fußsohlen kriege, die mir schwerelose Drehungen und minutenlange Balance unmöglich machen. Vitamine etc. nehme ich mit der Nahrung genug auf, nur an Magnesium und Eisen fehlt es mir oft. dass die sich gegenseitig aufheben, ist klar. Zink gegen die Erkältung, das ist doch auch selbstverständlich. Man sollte nicht jedes Mittelchen verteufeln. Aber wahre Sportler greifen sowieso lieber zur altbekannten ACE-Mischung (Kenner wissen, was ich meine). Ob man dann evtl. weit vor der Zeit einen Herzkasperl kriegt und vielleicht mit 25 tot umfällt, ist ja egal - denn man trainiert ja effektiver...
Carmen Cienfuegos, 19.04.2005
3.
---Zitat von sysop--- Jogging, obwohl eine fast schon archaische Form des Fitnesstrainings, bleibt nach wie vor angesagt. Unser Kolumnist Achim Achilles ist ein Durchschnittssportler, aber einer mit Ambitionen. Er läuft, weil er will und muss. Er kämpft um Kondition und gegen die Bequemlichkeitsverfettung. Sind Sie auch ein "heimlicher Achim"? Wie halten Sie es mit dem Training? Joggen wie Achilles? Oder was ist Ihr Rezept gegen Bauch und Trägheit? ---Zitatende--- Dem Marathon Achim rate ich: Creme alle Koerperteile die wundlaufen oder heisslaufen koennen mit Calendula Babycreme ein. Lass die billige Vaseline weg. Keine Chemie oder Drogen schlucken. Doping ist fuer loser. Mental stark antreten. Hoer dir volle Lautstaerke per Headset die Musik: We are the Champions oder Like a rock oder Against the Wind etc. an. Harte Sohlen fressen (wie beim Auto) weniger Energie. Alles andere ist Gummizelleneffekt. Das Abrollen der Sohlen macht den Lauf weich, elegant und elastisch. Das kann man sich antrainieren. Viel Glueck und Willenstaerke.
robbatberlin 26.04.2005
4.
Find ich ja doch ganz schön schade, daß Achim so gelitten hat bei seinem ersten Marathon, daß er jetzt nie wieder will... Aber vielleicht legt sich dieser Wunsch ja wieder. Denn 4.20 ist ja keine schlechte Zeit fürs erste Mal! Das ist ausbaufähig! :)
Paulizei, 26.04.2005
5. Herzlichen Glückwunsch
---Zitat von robbatberlin--- Find ich ja doch ganz schön schade, daß Achim so gelitten hat bei seinem ersten Marathon, daß er jetzt nie wieder will... Aber vielleicht legt sich dieser Wunsch ja wieder. Denn 4.20 ist ja keine schlechte Zeit fürs erste Mal! Das ist ausbaufähig! :) ---Zitatende--- Ist doch normal, oder? Ich jedenfalls bin bisher zwar erst 2 Marathons gelaufen, falle danach aber offenbar immer in ein psychisches Loch. Spätestens bei Kilometer 30 kommt die Einsicht, wie schwachsinnig es ist, im dritten Jahrtausend noch 42km zu laufen. So schlimm sind die Benzinpreise nun auch wieder nicht. Nach Überschreiten der Ziellinie stand dann beide Male fest: Nie wieder! Wo ich letztes Mal noch in 48stündige Bewusstlosigkeit fiel, konnte ich diesmal nach einem langen heißen Bad wenigstens schon wieder ohne fremde Hilfe gehen, was mich zu dem Schluß wird, dass die körperlichen Konsequenzen von Mal zu Mal weniger schlimm ausfallen. Das psychische "Down" bleibt aber vermutlich. Sorgen würde ich mir an Achims Stelle nur machen, wenn er nicht von allein scharf drauf wird, seine eigene Bestzeit zu knacken, nachdem die Schmerzen erstmal verflogen sind... In dem Sinne :-)
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