Achilles' Ferse Zwangspause im Teletubbieland

Es muss nicht immer Laufen sein: Ein Muskelfaserriss bescherte Achilles-Leserin Ursula aus Oxford unverhofft eine ausgedehnte Shopping-Tour und Urlaubsgefühle. Anschließend hat sie sogar den Glauben an die "heile Welt" wiedergefunden.

Teletubbies: Ich wartete darauf, Tinkie-Winkie hinter einer Hecke hervorspringen zu sehen
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Teletubbies: Ich wartete darauf, Tinkie-Winkie hinter einer Hecke hervorspringen zu sehen


Es geschah vor zwölf Tagen. Ein lockerer Lauf - so locker, dass ich hinterher noch tugendhaft beschloss, ein paar Übungen aus dem Lauf-ABC dranzuhängen. Und so hopste und trippelte ich an einem lauen Abend durch den Park - irgendjemand musste den ganzen Spaziergängern ja was zum Gucken bieten. Etwas mehr Unterhaltung als gewünscht gab es beim Kniehebelauf: es machte KRACH, und meine rechte Wade tat ziemlich plötzlich ziemlich weh. Nach dem ersten Schrecken mal gaaanz vorsichtig ein paar Testschritte: noch einmal KRACH. Aua. Zwei Kilometer nach Hause können sehr lang sein, wenn man sie nur humpeln kann. Diagnose: Muskelfaserriss. Da hatte es sich mit dem Laufen erstmal erledigt.

Aber laut dem Physio-Menschen waren Schwimmen und Radfahren jederzeit drin - zumindest solange die Wade es zuließ. Eine gute Gelegenheit, sich für eine Tagestour in den Sattel zu schwingen und die Dörfer um Oxford abzugrasen. Morgens war alles noch sonntäglich still - bis auf ein paar Läufer und Radfahrer. Letztere trugen Neonfarben und saßen auf superleichten Rennmaschinen. Ich dagegen: Mountainbike, Gepäcktasche, Turnschuhe. Eindeutig kein Profi, aber mir doch egal. Ich war auf Entdeckungstour.

Eile war nicht angesagt

Und die wurde es auch - ziemlich früh entdeckte ich ein paar mir bisher unbekannte Dörfer. Kitsch-schöne, reet-gedeckte Sandsteinhäuschen. Dorfkirche. Gleich im zweiten Dorf fand der sonntägliche Farmers' Market statt: hausgemachte Marmelade, Gartengemüse, selbstgebackenes Brot. Ich war noch am Anfang der Tour, packte mir ein Brot und ein Glas Marmelade ein. Was dem eifrigen Jogger seine Knöchelgewichtsmanschetten sind, ist der Hobbyradfahrerin ihre wohl gefüllte Gepäcktasche.

Gut beladen ging es weiter, die lauschigen kleinen Landstraßen entlang. So lauschig und eng, zum Teil nur einspurig mit gelegentlichen Ausweichplätzen, das könnte anderswo zu Gedrängel führen. Nicht an einem schönen Sonntagmorgen in Oxfordshire: Wenn mal ein Auto kam, ließ es mich entweder vorbei, oder wartete geduldig mit dem Überholen, bis Platz war. Und die Fahrer winkten mir sogar noch fröhlich zu. Eile war wirklich nicht angesagt, und ich bin mir nicht sicher, ob das nur daran lag, dass das Durchschnittsalter der Fahrer circa 85 Jahre war.

Ich kam bald zu meinem ersten Zwischenziel: einer Burgruine, direkt an einem Fluss und einer kleinen Kirche gelegen. Ich kletterte gerade verklebt und verstrubbelt zur Ruine herunter, als sich die Kirchtür öffnete und die Dorfgemeinde in ihrer Sonntagskleidung feierlich herauskam. Hmmm - da fühlte ich mich doch etwas fehl am Platze. Doch auch die Kirchgänger wünschten mir alle einen guten Morgen.

Warten auf Tinkie-Winkie

Kurze Tour durch die Ruine, dann wieder aufs Rad und allmählich in hügeligeres Gelände, ich näherte mich den Cotswolds - garantiert die Landschaft, die für die Teletubbies erfunden wurde: Rollende Hügel, alles grün und friedlich, ich wartete nur darauf, Tinkie-Winkie hinter einer Hecke hervorspringen zu sehen. Was es dort viel gab: kleine Tische vor den Häusern, mit Äpfeln, Pflaumen, Eiern. Kein Verkäufer weit und breit, nur eine kleine Kiste - die so genannte "Honesty Box" - in die man das Geld, meist 50 Pence oder 1 Pfund einwerfen sollte, um sich dann die gewünschte Menge an Lebensmitteln mitzunehmen. Soviel ich weiß, funktioniert das bestens. Was es auch gab, aber zum Glück weit genug von den Tischen entfernt, Bio-Mist, für 1,50 Pfund den Sack. Faszinierend, man sollte denken, dass Kuhfladen und Pferdeäpfel eigentlich immer "Bio" sind, aber vielleicht bin ich da falsch informiert.

Und weiter ging es. Bergauf, bergab. Ein paar Dörfer waren jetzt aufgewacht, und auf den Dorfwiesen wurde Cricket gespielt. Ich gestehe: obwohl ich hier jetzt seit 13 Jahren wohne, habe ich dieses Spiel immer noch nicht verstanden. Ich fuhr weiter zum nächsten Touri-Ort: Woodstock. Auch wieder historisch, Winston Churchill kommt hierher. Für Besichtigungen war es schon etwas spät, zum Kohlehydratspeicher auffüllen zum Glück nicht. Was ich mir heute einfach gönnen musste: Cream Tea - zwei Scones (Kuchenbrötchen) mit Sahne, Erdbeermarmelade und einem Kännchen Tee. Es mundete - auf einer längeren Radtour schmeckt eigentlich alles - und verlieh Energie für die restlichen 20 Kilometer, die ich probeweise an einem Kanal entlang holperte. Als Radweg nicht unbedingt geeignet, aber als Laufstrecke gar nicht mal übel.

Wieder zu Hause: ein paar Streifen an den Beinen mehr, nicht umsonst sind Radfahrer die Zebras unter den Sportlern. Das Pensum heute war mindestens einem "langen Lauf" gleichzusetzen - aber mit ungleich mehr Urlaubsgefühl. Jetzt sitze ich hier mit einem leicht dümmlichen Grinsen und glaube an die heile Welt. Von Zeit zu Zeit ist ein bisschen Abwechslung im Programm gar nicht schlecht.

Mehr von Achilles-Läuferin Ursula gibt es hier.

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