Achilles-Leser berichten Die Angst vor der persönlichen Witzzeit

Hungerast, Negativrekord, Durchfallattacken ohne rettendes Dixi-Klo - im Wettkampf lauern viele Gefahren. Achilles-Leser Die Laufsau packt vor dem Halbmarathon die Panik. Erst die Einflüsterungen der Gattin lassen ihn entspannen - und auf ein ganz neues Lauferlebnis hoffen.

Marathon-Läuferin Radcliffe (in New York): Kein Dixi-Klo in der Nähe
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Marathon-Läuferin Radcliffe (in New York): Kein Dixi-Klo in der Nähe


"Angst? Wovor hast du denn Angst?" Die Gattin schüttelt verwundert den Kopf. Na wovor wohl? Vor Sonntag. Am Sonntag muss ich einen Halbmarathon laufen! "Aber du wolltest es doch! Du hast dich doch freiwillig da angemeldet, oder habe ich dich etwa gezwungen?" So viel Unschuldsblick hält kein Mensch aus. Natürlich hast du mich nicht gezwungen, Weib, das habe ich allein fertigbracht. Aber das heißt doch nicht, dass ich diesen Entschluss nachher nicht bereuen darf.

"Was kann denn Schlimmes passieren?" Das ist jetzt so ein Psychotrick, Laufsau sei wachsam! Ich könnte es beispielsweise nicht schaffen. Oder nach einem Kilometer Durchfall bekommen, und es gibt kein Dixi-Klo, und ich muss, wie damals Paula Radcliffe während des London Marathons, in den Rinnstein machen. "Sei nicht so vulgär," sagt sie. "Ich könnte eine absolut niederschmetternde Zeit laufen," wende ich ein. "Du wirst eine absolut niederschmetternde Zeit laufen!", entgegnet sie und eröffnet mir, dass sie gestern heimlich gespickt hat, als ich auf die Waage schwebte (dieselbe Waage, die heute kaputt ist). Und dabei hab ich mich noch heimlich mit der linken Hand am Waschbecken abgestützt. Ich lasse mich frustriert zu Boden fallen wie einen schlaffen Sack.

Persönliche Witzzeit statt persönlicher Bestzeit

"Ich hatte mal Ziele", sage ich, "hehre Ziele". "Ach, Säulein", meint sie, "für den WM-Kader bist du doch eh schon viel zu alt. Und zu dick. Du hast dich jetzt wochenlang darauf gefreut, nach deinem Dreivierteljahr Verletzungspause endlich mal wieder einen Volkslauf mitzumachen. Jetzt geh doch einfach hin und genieß es!" Aber wie soll ich es genießen, wenn meine Uhr mir unbarmherzig klarmacht, dass ich es im Leben nicht unter zwei Stunden schaffen kann, nicht mal unter zwei Stunden 15. Ein echter Negativrekord, PW statt PB: persönliche Witzzeit. "Dann lass doch deine beknackte Uhr einfach da und lauf ohne dieses Ding!" "Bist du verrückt geworden?", rufe ich entgeistert. Man kann doch nicht einfach einen Volkslauf ohne Uhr oder Pulsmesser laufen.

"Aber das hast du doch bei deinem ersten Halbmarathon in Stuttgart auch so gemacht. Und bist glücklich und zufrieden ins Ziel gekommen. So happy wie damals hab ich dich nur noch im Marathonziel erlebt, auch keine Uhr. Bei allen anderen Gelegenheiten hast du dich immer nur gegrämt, dass du deine Vorgabe verfehlt hast." Naja, ganz unrecht hat sie nicht, die Gattin. Bestzeiten holen werde ich nicht am Wochenende.

Mallorca als nächster Leistungstest

Dafür soll die Strecke eine landschaftliche Schönheit sein. Ich könnte mir zur Abwechslung statt der Rundenzeiten die Allgäuer Berge ansehen. Den Zuschauern zuwinken. Gemütlich an der Verpflegungsstation einkehren und ein Schwätzchen halten. "Übertreib's nicht, Säulein", meint sie, "ein bisschen anstrengen darfst du dich schon. Ich will am Sonntagnachmittag schließlich noch was unternehmen." Das ist doch wieder mal typisch. Ich muss Bestzeiten laufen, damit die gnädige Frau am Nachmittag noch auf den Grünten fahren kann.

Aber ich glaub', das mache ich wirklich. Ich lasse diesmal den ganzen Druck weg. Laufe einfach mein Tempo, ohne Leistungsdiktat. Genieße das schöne Wetter, die Atmosphäre, die Gegend. Und kehre am Abend hochzufrieden heim. Denn ich weiß ja, in paar Wochen ist schon der nächste Termin, diesmal auf Mallorca. Und da geht die Post ab, das schwöre ich ...

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