Achilles-Leser berichten Schnauze, Kassandra!

Die Unterhose verrutscht, die Fettpolster hüpfen: Läufer machen in ihren Klamotten oft eine schlechte Figur. Achim-Achilles-Leser Knut Knorpel hat deswegen einen kleinen Wäscheratgeber geschrieben. Für das motivierte Moppelchen Charlotte wird es knapp mit dem Ziel Halbmarathon.


Mir schwant schon beim samstäglichen Besuch des Großvaters Böses. Wenn der 57 Jahre ältere Herr beim Spaziergang durch die Stadt schneller ist als ich, kann mit mir irgendetwas nicht stimmen. Auch mein Appetit ist eher mäßig. Großvater liegt mir in den Ohren: "Du isst ja nichts!". Komisch, dass ich trotzdem gefühlte 30 Mal am Tag aufs stille Örtchen muss, vom langen Dialog mit der Kloschüssel mitten in der Nacht ganz zu schweigen. Von nichts kommt doch auch sonst nichts. Der Verdauungstrakt, eines der letzten Rätsel der Menschheit.

Frauen bei Marathonlauf: Krankheit vor Zieleinlauf
REUTERS

Frauen bei Marathonlauf: Krankheit vor Zieleinlauf

Der Arztbesuch am Montag bestätigt mir dann das Schlimmste: Ja, ich bin krank. Mit allem drum und dran: Antibiotikum, offizieller Krankschreibung, Nachfolgeuntersuchungen. "Und wann kann ich wieder Sport machen?", frage ich den Arzt. Verständnisloses Glotzen. Vermutlich hat der Weißkittel erwartet, dass mich dringlichere Fragen quälen. "Wenn Sie wieder gesund sind", antwortet er. "Und wann bin ich wieder gesund?", frage ich. "Kommen Sie am Donnerstag wieder, dann sehen wir weiter."

Ich will aber nicht weitersehen, sondern weiterlaufen. Ich muss einen Trainingsplan einhalten. Bald ist mein erster Halbmarathon. Die Pufferwoche für Krankheiten habe ich schon für eine Erkältung Anfang Januar verpulvert. Durch eine zu lange Pause wird meine ganze Planung gefährdet.

Ich denke an all die Kassandras in meinem Umfeld, die mir von Anfang an prophezeiten, dass ein Halbmarathon im April für mich zu früh kommt. Ich sehe ihre mitleidigen Blicke, wenn ich scheitere.

Und Ute hat es sowieso besser gewusst. Die studiert mit mir, ist Anfang 20, sehr schlank und hat sportliche, muskulöse Oberarme. Neben Ute sehe ich eher gedrungen und elefantös aus. Während sie feenhaft vom Uni-Gebäude zur S-Bahn schwebt, trotte ich gravitätisch neben ihr her und spüre bei jedem Schritt, wie meine Oberschenkel aneinander reiben und dabei langsam aber sicher die Jeans porös rubbeln. Würden Ute und ich gemeinsam losrennen, würde sie mir vermutlich schon an der ersten Ecke davonfliegen. Doch Ute sagt zum Stichwort Halbmarathon: "Also 15 Kilometer waren immer mein absolutes Maximum. Mehr könnte ich niemals schaffen."

Wenn Ute wenigstens die einzige wäre, die so reagierte. Doch alle meine Freunde denken so. Obwohl sie mehr Lauferfahrung haben als ich, behaupten sie, keinesfalls mehr als 15 Kilometer zu schaffen. Bisher hat es niemand laut ausgesprochen - aber eigentlich könnten sie es sich gleich auf die Stirn tätowieren: "No, you can't, das schaffst du nie! Guck dich doch mal an. Du prustest ja schon im Gehen. Das muss ein verrückter Silvestereinfall gewesen sein." Das Schlimme daran: Es stimmt sogar.

Da helfen auch keine Antworten wie: "Ich war aber zwischendurch zwei Wochen krank, sonst hätte ich es geschafft!" Es zählen keine Ausreden, es gibt nur Ja oder Nein, Schwarz oder Weiß, Ankommen oder Aufgeben. Da muss ich jetzt durch.

Wenigstens die Krankschreibung hat sich bald erledigt und ich darf wieder zur Arbeit und in die Uni. Auf dem Weg dorthin werde ich übermütig und wage einen kurzen Sprint von der S-Bahn zum Institut. Nach einer halben Minute rasselt der Atem und ich muss mich an einer Hauswand festhalten. Au weia, der Arzt hatte mit seinem Sportverbot doch Recht. Jetzt ist bestimmt die mühsam antrainierte Kondition wieder futsch und ich muss wieder von vorn beginnen. Und das so kurz vor dem Start! Keuchend schleppe ich mich in den Hörsaal. Das mit dem Halbmarathon erzähle ich erstmal keinem mehr. Vielleicht vergessen es ja alle wieder.

Charlotte

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