Achilles-Streitgespräch "Von Merlot kriegt man auch rote Blutkörperchen"

Achim Achilles soll trainieren, er will aber nicht. Klar, dass er da Probleme mit seinem Trainer Jens Karraß bekommt. SPIEGEL ONLINE dokumentiert das Streitgespräch zweier Männer mit Prinzipien. Am Ende steht eine bemerkenswerte Erkenntnis.


Karraß: Achim, ich verstehe eines nicht. Warum bist du nach fünf Jahren Lauferei eigentlich kaum besser geworden?

Achilles: Ich laufe ja schon viel besser. Vielleicht nicht schneller, aber ich werde ja auch älter. Wenn es stimmt, dass man mit jedem Jahr Lebensalter drei Prozent Leistungsfähigkeit einbüßt, habe ich in fünf Jahren 15 Prozent Zuwachs erreicht. Stillstand ist Fortschritt - das war schon immer mein Motto.

Läufer (beim 9. Zugspitzlauf): Fleißige Menschen mit Ehrgeiz
dpa

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Karraß: Du gibst zu, dass du beratungsresistent bist?

Achilles: Sagen wir mal so - ich bin ein situativer Ratschlagempfänger. Wenn ich die Anweisung gut finde, zum Beispiel "Mach' mal langsamer!" oder "Heute mal einen kurzen Regenerationslauf!" dann bin ich mit Begeisterung dabei. Warum kommen deine ansonsten großartigen Trainingspläne eigentlich nicht mal ohne Tempolauf aus?

Karraß: Ich darf mal aufzählen. Diese, letzte und vorletzte Woche hattest du immer genau Donnerstag Heuschnupfen, wenn du im Stadion beim Training sein solltest.

Achilles: Vielleicht ist meine Donnerstagskrise psychosomatisch bedingt. Ich habe einfach Angst vor einem Trainer, bei dem ich immer Dinge tun muss, die ich nicht mag. Lauf-ABC ist doch nun wirklich was für Omas. Eigentlich will ich auch gar nicht laufen, sondern quatschen und über die hässlichen Klamotten der anderen lachen. Ein Online-Coaching leiste ich mir, um trotzdem schneller zu werden. Nicht ich scheitere, sondern das Training.

Karraß: Darf ich mal zitieren, was Du gestern in Deinen Online-Trainingsplan gekritzelt hast: 400/200/400, 200/200/200/200, 300/50/300/50/300 - tolle Zahlenkolonnen, aber was bedeutet der Unsinn?

Achilles: Da stand auch noch 400-200-400-200-400-200-200 und 1000.

Karraß: Daraus bin ich trotzdem nicht schlau geworden.

Achilles: Ganz einfach. Ich habe eine wissenschaftliche Versuchsreihe gemacht. Erster Tausender war 400 schnell, 200 langsam, 400 schnell; zweiter Tausender das Ganze mit 200-Meter-Intervallen und der Dritte mit zwei 50-Meter-Trabpausen. Die 5x200 waren am schnellsten. Kann aber auch an dieser sehr hübschen Dame gelegen haben, die auf der Außenbahn galoppiert ist. Egal: Ich war 6000 Meter ziemlich fix unterwegs, aber platt war ich nicht. Ich hatte eben nur 45 Minuten Zeit und wollte nicht trödeln. Was ist daran verkehrt?

Karraß: Diese Attacke ist sehr löblich. Wie immer. Du willst, scheiterst aber jedes Mal beim Einhalten vermeintlich langweiliger Programme. Ich finde deine Experimente höchst beeindruckend, aber ehrlich: Einfach einige Elemente aus unserem Tempotraining zu klauen und völlig ahnungslos abzuwandeln wie bei einem Gentomatenversuch, das ist Achilles pur.

Achilles: Genau da liegt der Unterschied von einer militärisch gedrillten Ost-Pocke wie dir und einem experimentierfreudigen Schöngeist wie mir. Es gibt nichts Schlimmeres als Trainingsprogramme zu absolvieren. Mein ganzes Leben ist diktiert von Deadlines, Monas Kommandos und Abholzeiten der Kita. Ich will keinen dumpfen Kommandos folgen, sondern mich beim Laufen spüren, heute so, morgen anders. Wenn im Trainingsplan steht: "1h in 5:10 min", aber ich habe nur 43 Minuten Zeit, vielleicht die einzige freie Dreiviertelstunde des Tages, dann mache ich, worauf ich Bock habe. Und ich habe keinen Bock, achteinhalb Kilometer lang auf der Bahn Runden zu drehen. Basta, um mit Gerhard Schröder zu sprechen.

Freundschaft mit Achim
berlin-bits.de
Deutschlands Kultläufer ist jetzt auch in einer der größten Web-Communitys unterwegs: Besuch Achim auf Facebook , werde sein Fan und verpass nie mehr seine Kolumnen oder Lesungen. Auf Twitter kannst du außerdem live erleben, was Achim sonst so treibt: schwitzen oder Training schwänzen?
Karraß: Der kleine Unterschied: Hundertfach gelingt, was bei dir scheitert. Aber eigentlich hast du recht: Hauptsache, du hast Auslauf, die Beine brennen und deine Laune macht dir den Tag schön.

Achilles: Ich will ja auch gar nicht sein wie Hunderte. Das sind die anderen ja schon.

Karraß: Ein disziplinierter Sportsmann genießt die Erfahrung, die Feinheiten von Training am eigenen Leibe zu spüren, von Verstehen will ich ja gar nicht reden. Aber da bist du wirklich zu intuitiv-schöngeistig.

Achilles: Wenn ich in die Hundeschule will, gehe ich zu Mona. Und von Merlot kriegt man auch rote Blutkörperchen.

Karraß: Ich will trotzdem mal Erfolg mit dir. Wie kriegen wir das hin?

Achilles: In der Altersklasse M85, wenn die anderen alle verletzt, entmutigt oder tot sind. Dann greifen wir richtig an, beim Rennen mit dem Rollator, aufgemotzt mit Fuchsschwanz und Pam Anderson in Airbrush.

Mit freundlicher Genehmigung von "RUNNING - Das Laufmagazin"

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