Achilles' Verse Achim und die Glatzenallergie

Eigentlich wollte sich Achim Achilles mal so richtig entspannen. Eigentlich. Doch kurz nachdem er es sich vor dem PC gemütlich gemacht hatte, sah er ihn: Lauftrainer GlatzenChris. Und schon war es um seine Ruhe geschehen.


Wenn Mona mit ihren schwatzhaften Freundinnen unterwegs ist und die Kinder schlafen, wenn die Beine wohlig schwer werden vom zickzackigen Lauf durch Luftmatratzen-Träger, Bierkästenschlepper und Grillkohlenwuchter rund um den Schlachtensee, wenn die letzte Rechnung für den Kilo-Eimer Guarana beim Online-Apotheker bezahlt ist, wenn also der Abend so richtig entspannt zu werden verspricht, dann ist es Zeit für ein gutes Glas Magnesium-Sprudel mit einer Belohnungspille Eisen dazu. Das Metall stopft, die Brause pfeift durch, gemeinsam aber halten sie den sensiblen Verdauungstrakt des ambitionierten Freizeitläufers im Lot. Und dann nichts wie ab ins Internet.

Erschöpfter Läufer: Mit Trainingsplänen von CoachChris keine Chance auf Besserung - meint Achim
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Erschöpfter Läufer: Mit Trainingsplänen von CoachChris keine Chance auf Besserung - meint Achim

Mit beiden Händen hebe ich meine Füße auf den Schreibtisch. Der fiese Schmerz im hinteren Oberschenkel signalisiert ansteigende Form. Wenn ich die Tastatur auf die Oberschenkel drücke, ist es genauso wie Stretching. Training im Alltag, das ist eines meiner Erfolgsgeheimnisse.

Was gibt es Neues bei Klemmbrett-Karraß? Überall Bestzeiten. Macht mir Angst. Und bei Freund Greif? 5 Paar Socken für 20 Euro. Knüller. Und Herbert Steffny? Hat den originellen Slogan erfunden: Lebst du noch oder läufst du schon? Hmm. Interessante Logik: Wer läuft, lebt also nicht mehr. Kann ich bestätigen: Hirnaussetzer mit totalem Kontrollverlust sind des Läufers Los, vor allem am Sonderangebotstand mit Laufklamotten. Auch gelegentlicher Größenwahn ist zu beobachten. Bei Internet-Coach Christoph zum Beispiel. Der Scherzkeks nennt sich "CoachChris" und hat ein imposantes Foto von sich ins Netz gestellt: Kampfglatze, Angeberbrille und provozierend wenig Textil, damit man seine aufgeblasenen Budenmuckis sieht. Der gute Chris ginge auch als südosteuropäischer Aushilfstrainer im Neuköllner Discount-Fitnesscenter durch, der für gelegentliche Inkasso-Jobs gern zur Verfügung steht. Leute halt, die nicht wissen, wohin mit ihrer Kraft, und deswegen dauernd von "Power" reden.

CoachChris weist weder als Trainer noch als Sportler irgendwelche Erfolge nach, weder auf seiner Website noch bei Google. Man kann von Greif und Steffny und Karraß ja halten was man will. Aber sie sind wenigstens mal ordentliche Zeiten gelaufen oder haben bei anderen dafür gesorgt.

Trotz offenkundiger Erfolglosigkeit gibt der krasse Chris "wertvolle Tipps", sagt er, egal, ob für Einsteiger, Übergewichtige, Asthmatiker oder Senkfüßler. Das ist für Fortgeschrittene ganz lustig, für Anfänger aber verantwortungslos bis gesundheitsgefährdend. Denn der Trainer von eigenen Gnaden hat neben seinem bemerkenswert ausgeprägten Ego vor allem extrem wenig Laufkompetenz zu bieten. CoachChris ist der Franjo Pooth des Laufsports: Er schwatzt ein bisschen klug daher und hofft, dass ihm jemand glaubt. Blenden ist sein Business. Mit seinen Trainingsplänen allerdings kommt ein Einsteiger eher in die Wochenend-Ambulanz als ins Ziel.

Für Verwirrung sorgen auch die Trainings-Podcasts. Nur mal angenommen, Mona als ewige Laufanfängerin hätte nach dem Technik-Download trainiert - ich hätte sie nach einer halben Stunde flennend im Wald abholen können. "Warmup", das sind für Chris acht Minuten Bequemtempo. Da war Sepp Herberger sportwissenschaftlich schon weiter.

Dann aber wird es richtig bizarr. Der Wundertrainer sagt Sätze wie: "Einige Ziele dieser Lauftechnik oder auch dieses Technikleitbildes sind besonders wichtig für den Laufalltag. Eine sehr geringe Auf-Ab-Bewegung des Körpers und kurze Bodenkontaktzeilen bei maximaler Nutzung des Kontakts für einen besonders effektiven Abdruck bei maximaler Nutzung dieses Kontakts sind bedeutsame Elemente für langanhaltendes zügiges Lauftempo." Keine Ahnung, aus welcher alten Ausgabe von "Spiridon" er das abgelesen hat. Auf jeden Fall dauert die versprochene 50-Minuten-Einheit drei Stunden, weil man ewig zurückspulen muss, um den Flachsinn zu verstehen. Hinterher hat man keine bessere Technik, aber dafür Blasen und schlechte Laune.

Lieber SuperChris, versuch's doch erstmal mit einem Steffny-Buch, einen Greif-Plan oder den einfühlsamen Worten eines richtigen Trainers wie Klemmbrett-Karraß. Eines Tages bist du dann wirklich ein Lauftrainer. Dann machen wir zuerst ein neues Foto. Und dann darfst du wieder Podcasts sprechen.

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