Achilles' Verse Al-Sultan, du mein Läufergott!

Achim Achilles hat schon viele große Athleten erlebt. Aber was Faris Al-Sultan - 27, Münchner, Vater Iraker, Mutter Deutsche - beim Ironman auf Hawaii leistete, war selbst für unseren Kolumnisten überwältigend. Eine Ode an den besten Triathleten, den es gibt.


Lieber Faris Al-Sultan,

wissen Sie eigentlich, was Sie da angerichtet haben in Millionen empfindsamer Seelen? Ihr typisch bayerischer Name wird Millionen deutscher Ausdauersportler auf ewig im Gedächtnis bleiben. Denn Sie haben uns am vergangenen Sonntag wehgetan, weil Sie uns die Vergeblichkeit unseres kleinen, bunten, Treibens brutalstmöglich vor Augen führten.

Sieger Al-Sultan: Schwimmtraining im Treibsand
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Sieger Al-Sultan: Schwimmtraining im Treibsand

Da hechten wir in jeder dritten freien Minute durch Wald und Feld, ruinieren uns trotz feinsten Schuhwerks unsere zarten Gelenke und Sehnen, lesen Millisekunden von unseren sündhaftteuren Pulsuhren ab und gleichen sie umgehend mit sorgsam ausgetüftelten Trainingsplänen ab, geben ein Vermögen für Kreatin, Appetitzügler und Multivitaminpräparate aus.

Und Sie? Sie gewinnen mal eben so in Hawaii den "Ironman". Und warum taten Sie das? Ganz einfach. Weil Sie Thomas Hellriegel bei seinem Sieg 1997 im Fernsehen gesehen haben. Da dachten Sie so bei sich: "Och ja, das willste auch mal." Das ist gemein. Ich denke bei jedem gottverdammten Sieg, den ich im Fernsehen sehe, dass ich ein einziges Mal Erster sein will, in irgendeinem Ziel. Und trotzdem schaffe ich das nicht mal beim hinterletzten Volksjoggen unter die ersten 100 der Altersklasse "Demenz und Scheintod". Wie sagten Sie so treffend im Ziel von Kailua Kona: "Die letzten Kilometer waren die Hölle." Ich verrate Ihnen jetzt mal was: Bei mir sind es schon die ersten Kilometer.



Sie haben sich den Erfolg aber auch hart erarbeitet. Da wäre zum Beispiel Ihr Trainingslager. Nicht Mallorca oder Lanzarote, wo die ganzen Schattenparker und Hinten-Anschnaller ihre Karbonkarren spazieren fahren. Nein, ganz allein nach Al Ain fliegen Sie, die Stadt in den Vereinigten Arabischen Emiraten, die bekannt ist für die unendlich hohen roten Sanddünen ringsum. Da tragen Sie morgens zum Warmwerden ein paar Mal Ihr Rad auf dem Rücken hoch, dann Schwimmtraining im Treibsand. Zur Abkühlung schließlich mittags barfuß durch die Wüste. Christoph Daum hat seine Fußballer ja auch mal über glühende Kohlen steppen lassen.

Noch ein Trick: Ihr ausgefeilter Ernährungsplan. Gleich nach dem Sieg von Hawaii sind Sie wie der letzte Schlunz gekleidet in den nächsten "Taco Bell" gestürmt und haben erst mal einen großen Teller Maisfladen mit dick Käse drauf verputzt. "Etwas Abwechslung muss sein", haben Sie erklärt, gestern seien Sie schließlich bei "Burger King" gewesen. Ich kippe jetzt meine Vorräte an High-Energy-Zeugs weg.

Ab sofort übernehme ich Ihren Trainingsplan, zumindest den Ernährungsteil, und verbleibe mit allertiefster Ehrfurcht, Verehrung und einer Spur von unbändigem Neid

Ihr Achim Achilles

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