Achilles' Verse Den Hals voll

Achim Achilles ist wütend. Er ist sogar sehr wütend. Seine jährlich wiederkehrenden Frühlingskrankheiten machen ihm zu schaffen und lassen ihn sogar an eine Transplantation denken. Wahrscheinlich wäre damit auch seiner Familie am besten geholfen.


Warum? Warum nur? Warum immer ich? In einem Anfall von Rücksicht hat Mona sogar ihre Gemeinheiten eingestellt. Meine Gattin weiß: Diesmal ist es ernst. Die ganze Saison steht auf dem Spiel, ach was, ein Sportlerleben. Und damit unser Ehefrieden. Wo soll ich gute Laune tanken, wenn nicht im Wald. Zuhause bestimmt nicht.

Giraffe, Olympischer Fackelläufer (2000): Auch Probleme mit dem Hals?
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Giraffe, Olympischer Fackelläufer (2000): Auch Probleme mit dem Hals?

Ich bin ein Wrack. Stimmdouble von Udo Lindenberg. Auch der wärmste Sonnenschein kann meinen gequälten Bronchien nicht aufhelfen: Pollen, Klimaanlagen, geschwächte Bronchien durch bakterienverseuchte Kinder sowie der Hunger des Freizeitsportlers nach regelmäßiger Bewegung haben die Atemwege in den letzten zwei Monaten systematisch aufgerieben. Der Hals fühlt sich an, als hätte ich mit dem Badewasser von Pete Doherty gegurgelt.

Der Feind in meinem Hals ist zäh und tückisch. Es wäre untertrieben, wenn man mich als leicht reizbar bezeichnen würde. Ich bin hochexplosiv. Kein Marathon in Mannheim, kein Velothon in Berlin, jener Radmarathon, bei dem ich die ganzen ungehobelten Rad-Senioren hätte demütigen können. Stattdessen: Mit Schal im Bett, Thymian-Pelz auf der Zunge, Laune weit unter den Sympathiewerten von Kurt Beck. Mona und die Kinder schleichen auf Zehenspitzen und mit mindestens einem Zimmer Sicherheitsabstand durch die Wohnung. Sehr vernünftig: Ein Läufer, der nicht läuft, verwandelt sich in Dynamit. Ein Rennrad ohne meine stählernen Beine ist Technologieverschwendung. Ich drehe noch durch, wenn ich mir nicht bald einen neuen Hals transplantieren lassen kann.

Natürlich ist meine Familie schuld an allem. Wer sonst? Es begann Mitte März. Den ganzen Winter lang lief der Körpermotor nach Trainingsplan. Pfunde lösten sich in Schweiß auf. Die Kraft meiner Schenkel ließ sich kaum mehr unter Kontrolle halten. Ich überlegte, mich in Ferrari-Rot umzulackieren. Achilles war das neues Wort für Anmut.

Dann plötzlich diese erste klitzekleine raue Stelle im Hals. Der Kleine hatte aus dem Kindergarten einen gepflegten Reizhusten samt Auswurf in unseren Sportlerhaushalt eingeschleppt. Leichtes Kratzen im Hals? Pah, sagte mein Ehrgeiz. Mit einem flotten Tempolauf haben wir noch jedes Kratzen weggepustet, erst recht, wenn abends bei Marco mit einem Grappa nachgearbeitet wird.

Doch das Kratzen war wie Mona: Es hat sich an mich gekrallt und stellte seither meine Geduld und Leidensfähigkeit auf die Probe. Den Halbmarathon Anfang April habe ich gerade noch überlebt, danach Hustennächte, lahmes Versehrtentraining, neue Kilos an den Hüften und Kratzenkratzenkratzen. Form futsch, Leben sinnlos.

Immerhin: Ein paar schmackige Runden auf dem Renner geschafft. Zum ersten Radmarathon in der Hauptstadt wollte ich natürlich dabei sein. Radio Eins berichtete ununterbrochen und voller Ehrfurcht. Die ganze Stadt war gesperrt, nur für mich. Sogar der stämmige Herr Thadeusz kommt nach 60 Kilometern in 1:52,11 Stunden ins Ziel - und ich? Stehe im Stau an der Strecke und huste auf alle, die durch die Sonne jagen dürfen. Ich hasse sie. Ich hasse meinen Hals. Sofort anhalten und nächstes Jahr noch mal starten, ihr Kameradenschweine. Premiere gibt es nur einmal. Ich will dabei sein.

Die Diagnosen der Ärzte sind bezaubernd. Drei Behandlungszimmer, vier Meinungen. Die Pollen, sagte einer. Klimaanlage, raunt der andere. Klassische Bronchitis, behauptet der Dritte. Oder alles zusammen, mutmaßt Fernando am Telefon, und Asthma obendrein. "Jedenfalls eine Entzündung im Rachenraum", stellen die Weißkittel fest. Toll. Wäre ich auch drauf gekommen. Dafür muß man die Jungs wirklich nicht zehn Jahre studieren lassen. Will ich Antibiotika? Nein.

Vielleicht ist es ein Zeichen, dass es nun schon im dritten Jahr so läuft. Bis März alles prima. Es folgt ein mäßiger April, im Mai kommt dann der hammerartige Absturz. Wie soll ich es jemals nach Hawaii schaffen mit diesem alljährlichen Einbruch?

"Ginseng", sagt Mona, "und Chili". Wir waren also beim Thai am Sonntagabend. Mona hat für mich bestellt. Nach der Vorspeise qualmte es aus meinen Ohren, der Stirnschweiß tropfte in mein mit roten Schärfebomben durchsetztes Hauptgericht. Ich kann nicht mehr sprechen. Noch ein Sturzbier, dann ins Bett – und von Training träumen.



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