Achilles' Verse Der stille Star von Gate 72

Achim hat ein Problem: Er muss mit der Familie in den Urlaub, doch auf laufspezifische Notwendigkeiten wird bei der Wahl des Reiseziels null Rücksicht genommen. Das ist aber noch lange kein Grund, beim Prestigerennen Pauschalurlaub mitzumachen.


Lauftraining und Familienurlaub schließen sich praktisch aus. Erst recht, wenn Mona bucht. In Ferienfragen herrscht bei uns verhängnisvolle Arbeitsteilung: Sie sucht aus, meist das Teuerste, und gibt meine Kontonummer an. Über Ostern hat es uns an die türkische Riviera verschlagen. "Ideal für die Kinder", flötete Mona. Und eine Katastrophe für Läufer, dachte ich. Schlaglöcher, hungrige Hunde, nach wenigen Schritten ist man im Libanon oder sonst einem Bombenhagel. Und entführt werde bestimmt wieder ich.

Strand, Touristen: Kein Platz für knackige Sprints
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Strand, Touristen: Kein Platz für knackige Sprints

Wir treffen unsere künftigen Mit-Geiseln am Flughafen. Pauschalurlaub ist permanente Zurschaustellung des eigenen Status mit umgehender Kontrolle und Bewertung durch alle anderen und anschließendem Erstellen eines soziodemografischen Rankings. Sonnenbrille, Klamotte, Handtasche, Technik-Spielzeug der Kinder, die chirurgisch getunte Gattin aus dem osteuropäischen Kulturkreis – eine Leistungsschau der Prestigeobjekte. Ist der rotgesichtige Fettsack, der seine Sippe mit albernen argentinischen Polo-Hemden ausstaffiert hat, ein wichtiger Mann? Oder ein Blender? Mona hatte sich nur für diesen Moment neue Sandalen zugelegt; von dem Geld hätte ich früher vier Wochen Rucksackurlaub gemacht. Zum Glück will sie keine Klebefingernägel wie die anderen Frauen hier.

Ich hatte einen Anschlag geplant auf die tumbe Symbolik der Auch-nicht-viel-besser-Verdienenden. "Du willst doch nicht so verreisen?", hatte Mona zuhause gekreischt. "Doch", entgegnete ich mit dem Selbstbewusstsein des Urlaubsbezahlers und schnürte meine sehr alten, sehr speckigen Laufschuhe, an denen Dreckreste etwa vom Winter 2003 klebten. Ich hatte sie nur aus nostalgischen Gründen noch hinten im Schrank aufbewahrt. Dazu eine erdbeerfarbene Laufjacke und eine dreiviertellange Freizeithose, garantiert frei von Labeln. Auch wenn Mona sich in der Abflughalle weit entfernt von mir niedersetzte, war meine Strategie ein voller Erfolg. Alle hier waren zu dick, zu dünn, zu doof. Ich aber war Läufer, Asket, Athlet – Krone der Schöpfung. Neidvolles Taxieren der Männer, interessierte Blicke der Frauen. Ich meinte, hier und da ein einladendes Zwinkern zu entdecken. Achilles, der stille Star von Gate 72.

Im Flugzeug verweigerte ich demonstrativ die zugeworfene Nahrung. Wenn Papp-Sandwiches und eingeschweißter Käsekuchen übergehen in Pancakes und Kroketten am Hotelbuffet, dann ist man gefesselt in einer endlosen Kette frittierter Kohlehydrate. Nicht mit mir. Ich wollte zwei Wochen lang eine Eiweißkur machen. Bis auf eine Schubkarrenladung Fritten zu jeder Mahlzeit hielt ich die ersten beiden Tage auch ganz gut durch. Wenn nur Mona wieder mit mir reden würde. Eines Abends war "elegante Kleidung" gefragt. Ich besaß zum Glück genügend anarchische Läuferaccessoires, das Mode-Diktat zu bombardieren. Mona zuliebe legte ich den Trinkgürtel mit Startnummernband aber doch nicht an. "Alle gucken zu uns", wisperte Karl. "Na endlich mal", entgegnete ich. Mona wollte später essen gehen.

Am dritten Morgen fühlte ich mich fit für ein kleines Läufchen. Die Strandpromenade war von angenehmer Kürze, wie gemacht für eine Serie knackiger Sprints. Lange Tempoeinheiten machen mich völlig fertig. Zum Einlaufen nutzte ich die Strecke, die vom Essenssaal gut einzusehen war. Ich wollte auf den bewundernden Blicken meiner unsportlichen Miturlauber dahin gleiten. Der Strandfeger starrte mich verständnislos an.

Ich wählte eine Trainingsstrecke zwischen Hotel und Parkplatz, mit jeweiliger etwa 40 Meter langer Show-Passage für die Frühstückenden. Zehnmal geschätzte 300 Meter erschienen mir ausreichend. Zur Not konnte man unkompliziert auf acht oder sechs Mal reduzieren. Ich hatte keine Uhr dabei, weil die Batterie der Polar mal wieder schlapp gemacht hatte, vier Stunden vor Abflug. Also ahnte ich mein Tempo. Läufer können ihren Körper ja lesen und hören. Ich fühlte mich sehr schnell an.

Nach der siebten Einheit reichte es. Deutlich mehr als sechs und fast zehn - ein tolles Pensum. Zum Verschnaufen ging ich ein paar Schritte, als mir plötzlich ein Vierjähriger gegenüberstand. "Mama", brüllte er, "da ist der Mann, der immer auf und ab läuft. Aber er läuft gar nicht." Die Blicke der nachfolgenden Eltern waren purer Hohn. Ich weiß, was sie dachten: Dieser Typ, der läuft immer nur, wenn ihn andere sehen. Was wissen diese Ignoranten schon von hocheffizientem Tempotraining? Sie würden überall im Hotel die Geschichte vom Läufer erzählen, der gar nicht läuft. Mein sozialer Abstieg war perfekt. Von 100 auf Null in drei Sekunden. Heute Nachmittag würde ich im Schwimmbad alles wieder gut machen müssen.



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Paulizei, 11.04.2005
1. Thema gestorben?
Hallo liebe Laufsportfanatiker, Walker-Hasser oder -Anwälte, Spiegelleser oder sonstige Ehrgeizlinge! Hat diese herrliche Thema den Umzug ins neue Forum nicht überlebt oder seid Ihr in Woche 2 vor dem Olympus Marathon alle so intensiv im Lauftraining, dass keine Zeit mehr für weltliche Angelegenheiten wie das Internet bliebt? Es grüsst Euch Eure Startnummer 16781
seductive, 12.04.2005
2. Pillen-Anleitung
also, ich find ja den Beitrag von Achilles sehr lustig. Leider glauben echt viele Leute dran, dass das Zeug was hilft. Ich muss gestehen, einige Sachen muss ich auch nehmen, allerdings nach Anraten des Arztes. Dass Eisen stopft, hab ich selbst noch nie bemerkt. Magnesium gegen die Krämpfe - wenn ich das mal einige Wochen nicht nehme, weiß ich genau, dass ich beim Spitzentanz nach einigen Minuten wieder fiese Krämpfe in den Fußsohlen kriege, die mir schwerelose Drehungen und minutenlange Balance unmöglich machen. Vitamine etc. nehme ich mit der Nahrung genug auf, nur an Magnesium und Eisen fehlt es mir oft. dass die sich gegenseitig aufheben, ist klar. Zink gegen die Erkältung, das ist doch auch selbstverständlich. Man sollte nicht jedes Mittelchen verteufeln. Aber wahre Sportler greifen sowieso lieber zur altbekannten ACE-Mischung (Kenner wissen, was ich meine). Ob man dann evtl. weit vor der Zeit einen Herzkasperl kriegt und vielleicht mit 25 tot umfällt, ist ja egal - denn man trainiert ja effektiver...
Carmen Cienfuegos, 19.04.2005
3.
---Zitat von sysop--- Jogging, obwohl eine fast schon archaische Form des Fitnesstrainings, bleibt nach wie vor angesagt. Unser Kolumnist Achim Achilles ist ein Durchschnittssportler, aber einer mit Ambitionen. Er läuft, weil er will und muss. Er kämpft um Kondition und gegen die Bequemlichkeitsverfettung. Sind Sie auch ein "heimlicher Achim"? Wie halten Sie es mit dem Training? Joggen wie Achilles? Oder was ist Ihr Rezept gegen Bauch und Trägheit? ---Zitatende--- Dem Marathon Achim rate ich: Creme alle Koerperteile die wundlaufen oder heisslaufen koennen mit Calendula Babycreme ein. Lass die billige Vaseline weg. Keine Chemie oder Drogen schlucken. Doping ist fuer loser. Mental stark antreten. Hoer dir volle Lautstaerke per Headset die Musik: We are the Champions oder Like a rock oder Against the Wind etc. an. Harte Sohlen fressen (wie beim Auto) weniger Energie. Alles andere ist Gummizelleneffekt. Das Abrollen der Sohlen macht den Lauf weich, elegant und elastisch. Das kann man sich antrainieren. Viel Glueck und Willenstaerke.
robbatberlin 26.04.2005
4.
Find ich ja doch ganz schön schade, daß Achim so gelitten hat bei seinem ersten Marathon, daß er jetzt nie wieder will... Aber vielleicht legt sich dieser Wunsch ja wieder. Denn 4.20 ist ja keine schlechte Zeit fürs erste Mal! Das ist ausbaufähig! :)
Paulizei, 26.04.2005
5. Herzlichen Glückwunsch
---Zitat von robbatberlin--- Find ich ja doch ganz schön schade, daß Achim so gelitten hat bei seinem ersten Marathon, daß er jetzt nie wieder will... Aber vielleicht legt sich dieser Wunsch ja wieder. Denn 4.20 ist ja keine schlechte Zeit fürs erste Mal! Das ist ausbaufähig! :) ---Zitatende--- Ist doch normal, oder? Ich jedenfalls bin bisher zwar erst 2 Marathons gelaufen, falle danach aber offenbar immer in ein psychisches Loch. Spätestens bei Kilometer 30 kommt die Einsicht, wie schwachsinnig es ist, im dritten Jahrtausend noch 42km zu laufen. So schlimm sind die Benzinpreise nun auch wieder nicht. Nach Überschreiten der Ziellinie stand dann beide Male fest: Nie wieder! Wo ich letztes Mal noch in 48stündige Bewusstlosigkeit fiel, konnte ich diesmal nach einem langen heißen Bad wenigstens schon wieder ohne fremde Hilfe gehen, was mich zu dem Schluß wird, dass die körperlichen Konsequenzen von Mal zu Mal weniger schlimm ausfallen. Das psychische "Down" bleibt aber vermutlich. Sorgen würde ich mir an Achims Stelle nur machen, wenn er nicht von allein scharf drauf wird, seine eigene Bestzeit zu knacken, nachdem die Schmerzen erstmal verflogen sind... In dem Sinne :-)
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