Achilles' Verse Die Hölle im Westen

Weeze ist der Osten des Westens, doch die trostlose Strecke des Strongman-Rennens mit Techno-Beschallung in Betonröhren, Todesfallen im Matsch und Tieffliegern über dem Ziel hat Achim Achilles den Sonntag gerettet. Trotz eines anderen prominenten Teilnehmers.

Es gibt genau drei Arten, den Sonntagmorgen sinnvoll zu gestalten: Entweder im Schlafanzug direkt vom Frühstück aufs Sofa, dort mit den Kindern, oder besser noch ohne, das TV-Programm und parallel die Sonntagszeitungen durchzappen, zum Mittagessen schleppen und dann erstmal hinlegen. Das ist die Weichei-Variante.

Oder man glaubt an Aroma-Yoga, walkt ein tumbes Viertelstündchen herum, lagert warme Kieselsteine auf dem Bandscheibenvorfall und liest bei Nina Ruge, dass total behutsames Altwerden supi-toll ist. Das ist die Mona-Variante.

Dritte Möglichkeit: Auf zum Strongman-Run, dem lustigsten Wettlauf in ganz Miesepeter-Deutschland. 5000 Durchgeknallte wählten diese Sonntagmorgen-Alternative, obwohl sie dafür nach Weeze mussten. Wer aus dem nichtwestlichen Teil der Republik kommt, fühlt sich dort sofort heimisch: Truppenübungsplätze soweit das Auge reicht, Einheimische, die nicht viel reden und wenn, dann unverständlich, Frauen mit angeklebten Fingernägeln, ansonsten geballte Langeweile. Niederrhein halt, was sich aber anfühlt wie Sachsen-Anhalt.

Weeze ist der Osten des Westens. Hier hält man Ausbilder Schmidt für lustig, Willy Herren für einen pfiffigen Charakterdarsteller und Wodka/Redbull für ein isotonisches Getränk. Weeze ist nicht nur nah an Holland, sondern auch kurz vor Urwald – perfekt also für Großstadtmenschen, die endlich mal wieder wissen wollen, wie sich das richtige Leben anfühlt: brennende Beine, blutige Ellbogen, Füße, die in nassen sandschweren Schuhen zu unwahrer Größe aufgequollen sind - und natürlich wunde Seelen.

Natürlich kann man sich auch mit dem Hammer auf den Daumen hauen. Aber der Genießer zieht den differenzierten Kanon der Qualen vor, wenn er brennesselbewachsene Bunker erklimmt und zur Belohnung beim Hinabkullern ein paar dornige Astpeitschen um die Waden spürt. Sag' noch mal einer, die Selbstgeißelung moslemischer Herren beim Ashura-Fest sei gaga.

Im Gegensatz zum ersten Strongman, eher harmlos, obgleich in Münster, trennte die zweite Auflage sehr viel rigoroser zwischen Läufern und dem unbedeutenden Rest der Menschheit. Sieger Knut Höhler brauchte 72 Minuten, Nina Schüler als beste Frau nur 14 Minuten länger, was auch ohne Hindernisse eine respektable Zeit für 16 Kilometer ist. Der ambitionierte Amateur taumelte nach zwei Stunden ins Ziel und die Kölner Muckibuden-Schwucken, die den String deutlich sichtbar unter der transparenten Laufhose trugen, schafften es kaum unter drei. Willy Herren im Betty-Ford-Entzugsklinik-T-Shirt brauchte 2 Stunden 37 Minuten.

In Weeze trafen sich vor allem Läufer, denen das allwochenendliche Gehechel um ein paar Sekunden schon länger auf die Laune schlägt. Beim Strongman ist die Zeit egal, zumal die Streckenlänge auch nur ungefähr angegeben wird. Ziel ist das Ankommen, und bis dahin das Gruppenerlebnis. Aufbauende Kommentare, helfende Hände, auch da, wo man sie gar nicht so dringend möchte, und das gute Gefühl, unablässig eine geballte Ladung strengen Menschendunsts in der Nase zu tragen, schaffen Sportkameradschaft fürs Leben.

Hinzu kommt die Erlebnisqualität des Strongman: Im Rennen durchlebt der Läufer praktisch alle Klimazonen, Jahreszeiten und Lebensphasen. Drei Dutzend giftiger Anstiege stehen für das Auf und Ab des Lebens, das Robben durch den Matsch für den nassen Winter, und die Betonröhren für alle Traumata im Geburtskanal.

Während sich das hüfttiefe Wasser mit dem Geruch der Weezer Zentralkloake als angenehm kühlend für die blauen Flecken erweist, überraschen die Schlammlöcher durch besondere Heimtücke: Wen dort die Schwäche übermannt, so dass er einknickt, spürt umgehend Dutzende von Händen auf der Schulter. Die Sportskameraden wollten allerdings nicht helfen, sondern eine Stütze. Besonders gefährlich leben Athleten, die die Schnürsenkel nachlässig gebunden hatten, weshalb die Schuhe im Matsch stecken geblieben waren. Die Suche inmitten der heranstürmenden Büffelherde kommt einem Selbstmord gleich. Also auf Socken weiter. Bleibt auch nicht soviel Sand drin.

Zur ultimativen Prüfung für die Psyche wird das schwarze Loch, denn drin tobt kreislaufschockender Techno-Flash. Monsterstroboskope zucken im pechschwarzen Bunker. Dazu brüllt Drafi Deutscher "Marmor, Stein und Eisen bricht". Nur ein Kerner-Interview mit Verona Feldbusch hätte noch größeren Seelen-Terror bedeutet.

Zur Belohnung gibts zum Finale eine Kerosin- und Donnerdusche, denn direkt über das Ziel brausen die Billigflieger vom Airport Weeze. Nächstes Jahr werden hier garantiert Shuttles mit harten Männern aus aller Welt landen. Der Strongman-Boom ist unaufhaltsam.

Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.