Achilles' Verse Einmal eine Zwiebel sein

Was macht ein Hardcore-Schwitzer wie Achim Achilles im Winter? Er schwitzt hardcore-mäßig, aber er friert auch noch dabei. Ein Blick in die Natur verspricht die Lösung. Dumm nur, dass der Blick in den Kleiderschrank gleich Ernüchterung bringt. Denn nicht nur Frauen haben nichts zum Anziehen.

Mona grummelt aus den Tiefen unserer gemeinsamen Bettstatt: "Hau endlich ab zu Deinem Lauftraining." Würde ich ja gern. Aber ich weiß nicht, was ich anziehen soll. Eigentlich Monas Text. Wissenschaftler haben ausgerechnet, dass Frauen mehr als zwei Jahre ihres Lebens vor ihrem weit aufgerissenen Kleiderschrank verbringen, aus dem Tonnen kostspieliger Textilien quillen.

Lachende Zwiebeln: Viele, gute Häute

Lachende Zwiebeln: Viele, gute Häute

Foto: AFP

Ihr innerer Monolog ist in einer endlosen Redundanzschleife gefangen: Was soll ich anziehen? Den Rock? Dazu passt die Bluse aber nicht, die ich gerade so gern mag. Also Jeans. Aber dafür gibt es keine passenden Schuhe. Sonderdrama, weil die alles entscheidende Strumpfhose zerlöchert ist. Und das grüne Kleid hatte ich erst vergangene Woche an. Jedes Kleidungsstück erzählt seine eigene Geschichte. Sie passen aber nie zusammen.

So geht es mir heute auch. Zum ersten Mal in diesem Herbst liegen die Temperaturen am Gefrierpunkt. Und ich stehe vor einem unlösbaren Problem: Als Hardcore-Schwitzer sollte ich nicht zuviel anziehen. Denn nasse Läufer frieren auch in vierlagiger Hülle, sobald der Schweiß alles durchgeweicht hat. Aber es ist kalt. In zwei Lagen schwitzt man zwar wenig, friert aber die ganze Zeit.

Vor dem Winterlaufen stehen mathematisch hochkomplexe Überlegungen mit einer unbekannten Vielzahl von Unbekannten . Zwiebel-Strategie, klar. Aber Zwiebeln haben den Vorteil, dass ihre Häute gleich dick sind und aus nur einem Material. Zwiebeln müssen sich nicht mit 17 verschiedenen Innovationsfasern herumärgern. Außerdem schwitzen Zwiebeln bestenfalls in der Pfanne.

Erster Versuch: dickes Unterhemd, leichtes Langarm-Trikot plus Windbreaker. Ein Blick in den Spiegel. Der Windbreaker ist ausgeleiert. Ich sehe aus wie eine schwangere Zwiebel. Weg damit.

Zweiter Versuch: ärmelloses Sommer-Trikot mit mitteldicker Winterlaufjacke, innen angeraut. Problem: Wird mir warm, kann ich die Jacke nur um den Preis des sofortigen Erfrierungstods ausziehen. Lasse ich sie an, vergehe ich in meinem eigenen Saft. Mona hat sich die Decke über den Kopf gezogen. Es ist ein Skandal, wie in diesem Haushalt mit Menschen umgegangen wird, die sich um ihre Gesundheit kümmern.

Dritter Versuch: die sichere Nummer. Ich wühle mein ältestes Laufunterhemd aus einem knappen Kubikmeter Lauftextil. Von den wenigen guten Freunden, die ich habe, ist mein altes Laufunterhemd der mit Abstand beste. Der Stoff ist fadenscheinig, mehr Hauch als Kleidungsstück. Wieviele Stauseen Schweiß mag dieses kleine Leibchen in seinem Leben klaglos aufgesogen haben, wie viele Runden im Schleudergang gedreht. Und trotzdem bleibt er ganz nah bei mir, mein kleiner grauer Liebling.

Aber was drüber? Am liebsten ein kurzärmliges Hemd. In Kombination mit der mittelleichten Jacke könnte es gehen. Es ist ja nicht richtig eisig, sondern nur mittelkalt. Ich könnte den Reißverschluss der Jacke nach drei Kilometern öffnen. Dann würde sich das Ding allerdings blähen und ich sehe aus wie ein laufender Heißluftballon. Außerdem würde mich der Windwiderstand bremsen. Jacke umknoten? Niemals. Ästhetisch ausgeschlossen.

Ziehe ich das schwarze, das hellrote oder das neongelbe Hemd an? Der Stoff ist zwar identisch, aber ich bilde mir ein, dass ich in schwarzen Hemden deutlich mehr schwitze als in gelben. Ich gehöre zur Spezies der Farbschwitzer. Bei "Wetten, dass..." könnte ich mit verbundenen Augen die Farbe eines Laufhemdes erkennen, allein an seinem Transpirationsdruck. Immerhin: Auf schwarz sieht man die Schwitzflecken nicht, jedenfalls, solange sich keine Salinen gebildet haben. Rot wäre ein Kompromiss. Aber wer läuft, macht keine Kompromisse. Höchstens bei Zeitvorgaben und Alkoholverboten.

Der wahre Wirtschaftsskandal dieser Tage besteht darin, dass es die Milliardenbranche der Laufleibchenhersteller nicht fertig bringt, vorn und hinten jeweils unterschiedliche Materialstärken einzusetzen. Denn vorn ist es eher kühl, hinten dagegen entwickelt sich ein Mikroklima wie in einem Topf Kohlrouladen. Hintenrum könnte man praktisch nackig laufen und würde trotzdem nicht frieren.

"Ich habe nichts zum Anziehen", klage ich leise. Mona fährt senkrecht empor. "Verzieh' Dich endlich", befiehlt meine Gattin in der ihr eigenen aufmunternden Art, "du bist ja nur zu feige rauszugehen." Paah. Ich werfe einen letzten Blick in den Spiegel. Ich habe mich doch für den Windbreaker entschieden. Wenn man ihn flach in die Laufhose stopft, dann geht's mit der Silhouette halbwegs.

Im Auto wird es mir schnell zu warm. Nach 30 Metern Trab ist mir allerdings kalt. Eigentlich müsste ich noch mal zurück nach Hause fahren und mich umziehen.

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