Achilles' Verse Härter als Haile

Neue Mission: Eigentlich will er Weltrekord gegen Haile Gebrselassi laufen - doch nun steht für Achim Achilles erst einmal eine noch größere Herausforderung an. Er soll seinen Nachbarn, das Reklame-Weichei, zu einem Läufer machen. Eine Chance auch für sich selbst, findet Achim.


Eigentlich hätte ich heute 15 schnelle Kilometer absolvieren sollen. Aber mein kleines fieses Haustier "Pigdog" hielt mich wieder mal davon ab. Pigdog ist ein Dobermann mit Ferkelkopf, manchmal auch ein fettes Hausschwein mit Bernhardiner-Visage und pflanzt fortwährend gemeine Gedanken in mein Hirn. "Vorsicht Übertraining!", hatte Pigdog den ganzen Tag lang gewispert. Der Schweinehund hatte recht: Mein bisschen Form sollte ich sieben Tage vor meinem Weltrekordversuch gegen Haile Gebrselassi beim Berlin-Marathon nicht aufs Spiel setzen. Ich entschied mich für aktive Erholung und nahm Monas Nassrasierer mit in die Badewanne. Wenn ich Haile davonlief, sollte er wenigstens nicht auf Putzwollwaden starren müssen.

Haile Gebrselassi: Vorsicht, Achim kommt
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Haile Gebrselassi: Vorsicht, Achim kommt

Kaum war ich mit dem stumpfen Mistding an der heiklen Stelle zwischen Unterwade und Oberferse angelangt, da gellte Monas Kasernenhofschrei ins Bad. Ich verstand nicht, was meine wunderbare Frau schon wieder wollte, dafür jagte ich den Stahl tief ins Fleisch. Autsch, verdammt. Tiefrotes Blut vermischte sich mit Rasierschaum und Borsten zu einer Masse, die an Grießbrei mit Himbeersoße erinnerte. Mir wurde schwindlig. Ich kann kein Blut sehen, schon gar nicht mein eigenes. Ich brauchte sofort eine Eisenfusion. Mein Start war gefährdet. Achim Fuentes hätte doch ein paar Beutel im Drei-Sterne-Fach lagern sollen. Aber Mona wollte keinen Hochleistungstreibstoff zwischen Spinat und Hühnerklein.

Mein Monalein brüllte ein zweites Mal, diesmal lauter: "Achim, Besuch für dich!" Besuch? Für mich? Wer zum Trainer stand an einem Montagabend um halb neun vor der Tür? Haile? Der Gerichtsvollzieher? Pigdog persönlich? Ich wickelte mehrere Lagen Klopapier ums Bein, sprang tropfend aus der Wanne in den Bademantel und schlitterte in den Flur. In der Wohnungstür stand Roland, unser Nachbar. Er hatte eine Flasche Rotwein im Arm. Roland arbeitete in einer PR-Agentur und wohnte im Dachgeschoss. Ein notorischer Single, der sein Geld in schicke Bars und feine Klamotten investierte, damit am Ende aber auch nicht mehr Spaß hatte als ich mit Mona und den Kindern. "Haste mal fünf Minuten?", fragte Roland und schwenkte die Flasche. Ich fischte ein Haarbüschel aus dem Mundwinkel und nickte.

Eigentlich hätte ich maximal einen Teelöffel Molke zu Abend einnehmen dürfen angesichts meines reduzierten Trainings. Aber Roland sah hungrig aus. Und Mona war ausgerechnet heute beim Käsemann gewesen. Ich stellte die Gläser auf den Tisch, schnitt eine Birne wegen der Enzyme und bohrte das Messer in den Greyerzer. Roland druckste herum. "Ähm, Achim ...". Ich befreite den Wein vom Korken. Typisch metrosexuelles Reklame-Weichei. Roland und der Rotwein holten Luft. "Du kennst dich doch mit Laufen aus", sagte Roland schließlich, "ich will jetzt auch laufen."

Hoho. Deswegen hatte mein feiner Nachbar so herumgedruckst. Seit Jahren hatte sich Roland über mich und meinen Titanensport lustig gemacht. Er fühlte sich überlegen, weil er alle Fitnessstudios der Stadt ausprobiert hatte, Bodytoning und Ayurveda und ich immer nur lief. Als ich ihn eines Tages mit dem Pilates-Buch von Barbara Becker auf der Treppe erwischt hatte, drehte sich das Kräfteverhältnis. Vorsichtshalber verschwieg ich meine Yoga-Stunde neulich auf Mallorca. Ich mochte struppig und verstunken sein, aber immerhin hatte mein Treiben noch entfernte Ähnlichkeit mit Sport.

Roland dagegen war ein postmoderner Anstrengungsvermeider, ein durchgestylter Sport-Poser. Zur Strafe war er die vergangenen Jahre immer moppeliger geworden, auf jeden Fall mehr als ich. Und jetzt saß er wie eine Uschi auf unserer Küchenbank und wollte laufen lernen, ausgerechnet von mir. Ich stürzte den Wein in die Kehle und guckte wie Mickey Goldmill. "Kannst du dich quälen?", fragte ich. Roland nickte. "Willst du alles geben?" Roland nickte. "Bist du bereit für ein neues Leben?" Roland nickte. Ich sagte ihm natürlich nicht, dass er damit mental deutlich weiter war als ich.

Die Rolle als Coach gefiel mir. Ich würde Roland herumkommandieren wie Mona sonst mich. "Es wird wehtun, oder?", flüsterte Roland. Ich nickte düster. "Morgen um halb sieben unten an der Haustür", befahl ich. Roland stand auf und reichte mir die Hand. "Abgemacht." Mist. Damit hatte ich nicht gerechnet. Als Roland gegangen war, genehmigte ich mir noch ein Glas Wein. Nicht nur Roland hatte ein Chance, sondern auch ich. Neustarts kann es in einem Läuferleben nie genug geben.

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Paulizei, 11.04.2005
1. Thema gestorben?
Hallo liebe Laufsportfanatiker, Walker-Hasser oder -Anwälte, Spiegelleser oder sonstige Ehrgeizlinge! Hat diese herrliche Thema den Umzug ins neue Forum nicht überlebt oder seid Ihr in Woche 2 vor dem Olympus Marathon alle so intensiv im Lauftraining, dass keine Zeit mehr für weltliche Angelegenheiten wie das Internet bliebt? Es grüsst Euch Eure Startnummer 16781
seductive, 12.04.2005
2. Pillen-Anleitung
also, ich find ja den Beitrag von Achilles sehr lustig. Leider glauben echt viele Leute dran, dass das Zeug was hilft. Ich muss gestehen, einige Sachen muss ich auch nehmen, allerdings nach Anraten des Arztes. Dass Eisen stopft, hab ich selbst noch nie bemerkt. Magnesium gegen die Krämpfe - wenn ich das mal einige Wochen nicht nehme, weiß ich genau, dass ich beim Spitzentanz nach einigen Minuten wieder fiese Krämpfe in den Fußsohlen kriege, die mir schwerelose Drehungen und minutenlange Balance unmöglich machen. Vitamine etc. nehme ich mit der Nahrung genug auf, nur an Magnesium und Eisen fehlt es mir oft. dass die sich gegenseitig aufheben, ist klar. Zink gegen die Erkältung, das ist doch auch selbstverständlich. Man sollte nicht jedes Mittelchen verteufeln. Aber wahre Sportler greifen sowieso lieber zur altbekannten ACE-Mischung (Kenner wissen, was ich meine). Ob man dann evtl. weit vor der Zeit einen Herzkasperl kriegt und vielleicht mit 25 tot umfällt, ist ja egal - denn man trainiert ja effektiver...
Carmen Cienfuegos, 19.04.2005
3.
---Zitat von sysop--- Jogging, obwohl eine fast schon archaische Form des Fitnesstrainings, bleibt nach wie vor angesagt. Unser Kolumnist Achim Achilles ist ein Durchschnittssportler, aber einer mit Ambitionen. Er läuft, weil er will und muss. Er kämpft um Kondition und gegen die Bequemlichkeitsverfettung. Sind Sie auch ein "heimlicher Achim"? Wie halten Sie es mit dem Training? Joggen wie Achilles? Oder was ist Ihr Rezept gegen Bauch und Trägheit? ---Zitatende--- Dem Marathon Achim rate ich: Creme alle Koerperteile die wundlaufen oder heisslaufen koennen mit Calendula Babycreme ein. Lass die billige Vaseline weg. Keine Chemie oder Drogen schlucken. Doping ist fuer loser. Mental stark antreten. Hoer dir volle Lautstaerke per Headset die Musik: We are the Champions oder Like a rock oder Against the Wind etc. an. Harte Sohlen fressen (wie beim Auto) weniger Energie. Alles andere ist Gummizelleneffekt. Das Abrollen der Sohlen macht den Lauf weich, elegant und elastisch. Das kann man sich antrainieren. Viel Glueck und Willenstaerke.
robbatberlin 26.04.2005
4.
Find ich ja doch ganz schön schade, daß Achim so gelitten hat bei seinem ersten Marathon, daß er jetzt nie wieder will... Aber vielleicht legt sich dieser Wunsch ja wieder. Denn 4.20 ist ja keine schlechte Zeit fürs erste Mal! Das ist ausbaufähig! :)
Paulizei, 26.04.2005
5. Herzlichen Glückwunsch
---Zitat von robbatberlin--- Find ich ja doch ganz schön schade, daß Achim so gelitten hat bei seinem ersten Marathon, daß er jetzt nie wieder will... Aber vielleicht legt sich dieser Wunsch ja wieder. Denn 4.20 ist ja keine schlechte Zeit fürs erste Mal! Das ist ausbaufähig! :) ---Zitatende--- Ist doch normal, oder? Ich jedenfalls bin bisher zwar erst 2 Marathons gelaufen, falle danach aber offenbar immer in ein psychisches Loch. Spätestens bei Kilometer 30 kommt die Einsicht, wie schwachsinnig es ist, im dritten Jahrtausend noch 42km zu laufen. So schlimm sind die Benzinpreise nun auch wieder nicht. Nach Überschreiten der Ziellinie stand dann beide Male fest: Nie wieder! Wo ich letztes Mal noch in 48stündige Bewusstlosigkeit fiel, konnte ich diesmal nach einem langen heißen Bad wenigstens schon wieder ohne fremde Hilfe gehen, was mich zu dem Schluß wird, dass die körperlichen Konsequenzen von Mal zu Mal weniger schlimm ausfallen. Das psychische "Down" bleibt aber vermutlich. Sorgen würde ich mir an Achims Stelle nur machen, wenn er nicht von allein scharf drauf wird, seine eigene Bestzeit zu knacken, nachdem die Schmerzen erstmal verflogen sind... In dem Sinne :-)
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