Achilles' Verse Helden namens Paula, Haile und Mona

Schon wieder ein Jahr zu Ende, zwölf Monate voller Entbehrungen, Enttäuschungen und Rückschläge. Gab es auch Höhepunkte, private wie globale? Aber sicher. Achim Achilles blickt zurück auf Radcliffes Kampfgeist, Gebrselassies Weltrekord und Monas Standhaftigkeit.


Persönlichkeit des Jahres:

Ohne Frage Paula Radcliffe. Die Britin erlitt in der Olympiasaison einen Ermüdungsbruch, ging mit Trainingsrückstand in Peking an den Start, musste sich auf halber Strecke in den Rinnstein hocken, wurde von brutalen Krämpfen geplagt, hatte den Anschluss an die Spitze verloren und lief trotzdem tapfer bis ins Ziel. Der Beweis, dass zwischen Phelps und Bolt auch richtige Menschen bei den Roboterspielen teilnahmen. Achim verneigt sich vor der großen Dame des Marathons.

Läuferin Radcliffe: Feier mit Tochter nach Sieg in New York
REUTERS

Läuferin Radcliffe: Feier mit Tochter nach Sieg in New York

Persönlicher Triumph des Jahres:

Halbmarathon-Bestzeit um ein paar Sekunden verbessert. Eigentlich sollten es Minuten werden. Mögliche Erklärungen: Falsche Schuhe, Gegenwind, Lysin-Mangel, fehlende mentale Unterstützung von Mona.

Wettkampf des Jahres:

Haile gegen Achim. Der heiße Atem des Wunderläufers im Nacken trieb Haile Gebrselassie beim Berlin-Marathon zum neuen Weltrekord. Nicht mal mit U-Bahn und Vespa hatte Achilles eine Chance gegen den Äthiopier, der obendrein auch noch ein netter Kerl ist. Trainingstipp von Haile: "Einfach jeden Tag laufen."

Schweinehund-Niederlage des Jahres:

Beim unspektakulärsten Halbmarathon Deutschlands in Berlin-Reinickendorf ging Achilles lustlos und untrainiert an den Start. Doch dank eines Hasen, der sich zugleich als Einpeitscher betätigte, kam Achilles gut und überraschend zügig ins Ziel. Ein geschlagener Schweinehund jaulte. Danke, René Hiepen.

Die Medaille des Jahres:

Jan Frodeno beim Olympischen Triathlon. Trainingstipp vom Goldmedaillengewinner: viermal täglich trainieren. Morgens vorm Frühstück ein paar Kilometer Schwimmen, dann ein gutes Stündchen Lauftraining, aber nicht langsamer als 3:20 Minuten pro Kilometer. Nach der Mittagsruhe zwei, drei Stunden aufs Rad und abends zur Entspannung Sprints in der Halle.

Die Selbsterkenntnis des Jahres:

Die lästige Frühjahrsbronchitis ist gar keine, sondern Heuschnupfen. Die Pillen dagegen machen todmüde. Aber immerhin ist Apriltraining nächstes Jahr möglich.

Das Event des Jahres:

Der Strongmanrun in Weeze. Obwohl im Heimatort von Spaßbremse Ronald Pofalla ausgerichtet, macht der Hindernislauf mit Matschgarantie irren Spaß. 5000 erwachsene Menschen suhlen sich um die Wette.

Die Krankheit des Jahres:

Windpocken im August, ausgerechnet im Alpenurlaub auf 2000 Metern Höhe, wo endlich mal rote Blutkörperchen gezüchtet werden sollten. Stattdessen eitrige Punkte überall. Sogar zwischen den Zehen. Laufen vier Wochen praktisch unmöglich. Danke, Kinder.

Die bitterste Niederlage des Jahres:

Kuddel vom Lauftreff läuft zehn Kilometer unter 45 Minuten. Ich werde ihm Glasscherben mit Chilipulver in die Laufschuhe streuen.

Die Überraschung des Jahres:

Christoph läuft. Ausgerechnet Christoph, der mich seit Jahren zum Vollidioten erklärte, weil ich meine Wochenenden mit Laufen verbrachte. Jetzt ist er selber der Laufsucht verfallen. Und Wendelin auch. Früher oder später kriegen wir alle.

Der Dank des Jahres:

Geht an die Finanzkrise. Die Auftragslage wird dünner in 2009, also bleibt mehr Zeit zum Trainieren. Dem Sparzwang werden reihenweise Fitnessstudioverträge zum Opfer fallen, stattdessen besinnt sich die bewegungsbedürftige Hälfte der Republik wieder auf die einfachste und effektivste Art des Sports: Laufen.

Der schönste Wettkampf des Jahres:

Ist und bleibt der Berliner Volkstriathlon von den Weltraumjoggern.

Die Tiergeschichte des Jahres:

Tempo 50 auf der Abfahrt vom Grunewaldturm. Rausch der Geschwindigkeit, Achilles stimmt randvoll mit Endorphinen die "Ode an die Freude" an. Kaum war der Mund geöffnet, flog ein mittelgroßes Insekt direkt bis in den Rachen. Schreckschlucken. Das Tier steckt irgendwo zwischen Mund und Magen. Bitter, sehr bitter. Bewegt sich. Zum Glück keine Wespe. Das Biest zu ertränken versucht, mit großen Schlucken aus der Wasserflasche. Etwa 48 Stunden lang widerlicher Nachgeschmack.

Der emotionalste Lauf des Jahres:

Training mit den Wunderläufern des SV Bad Westernkotten Samstagmorgen kurz vor Sonnenaufgang.

Die Bekanntschaft des Jahres:

Jürgen Drews. Läuft deutlich langsamer als Mickie Krause, aber ausdauernd. Kämpfer. Angenehmer Plauderpartner, überhaupt nicht doof. Großes Potential in der Klasse M 60.

Die Lesungen des Jahres:

Zwei Feste der Hochkultur: im Oktober kuschelig nett auf Palma, im November vor großem Galapublikum auf der Erfurter Herbstlese.

Der Sieg des Jahres:

Wieder ist es Mona nicht gelungen, eines meiner Finisher-Hemden zu entsorgen.



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Paulizei, 11.04.2005
1. Thema gestorben?
Hallo liebe Laufsportfanatiker, Walker-Hasser oder -Anwälte, Spiegelleser oder sonstige Ehrgeizlinge! Hat diese herrliche Thema den Umzug ins neue Forum nicht überlebt oder seid Ihr in Woche 2 vor dem Olympus Marathon alle so intensiv im Lauftraining, dass keine Zeit mehr für weltliche Angelegenheiten wie das Internet bliebt? Es grüsst Euch Eure Startnummer 16781
seductive, 12.04.2005
2. Pillen-Anleitung
also, ich find ja den Beitrag von Achilles sehr lustig. Leider glauben echt viele Leute dran, dass das Zeug was hilft. Ich muss gestehen, einige Sachen muss ich auch nehmen, allerdings nach Anraten des Arztes. Dass Eisen stopft, hab ich selbst noch nie bemerkt. Magnesium gegen die Krämpfe - wenn ich das mal einige Wochen nicht nehme, weiß ich genau, dass ich beim Spitzentanz nach einigen Minuten wieder fiese Krämpfe in den Fußsohlen kriege, die mir schwerelose Drehungen und minutenlange Balance unmöglich machen. Vitamine etc. nehme ich mit der Nahrung genug auf, nur an Magnesium und Eisen fehlt es mir oft. dass die sich gegenseitig aufheben, ist klar. Zink gegen die Erkältung, das ist doch auch selbstverständlich. Man sollte nicht jedes Mittelchen verteufeln. Aber wahre Sportler greifen sowieso lieber zur altbekannten ACE-Mischung (Kenner wissen, was ich meine). Ob man dann evtl. weit vor der Zeit einen Herzkasperl kriegt und vielleicht mit 25 tot umfällt, ist ja egal - denn man trainiert ja effektiver...
Carmen Cienfuegos, 19.04.2005
3.
---Zitat von sysop--- Jogging, obwohl eine fast schon archaische Form des Fitnesstrainings, bleibt nach wie vor angesagt. Unser Kolumnist Achim Achilles ist ein Durchschnittssportler, aber einer mit Ambitionen. Er läuft, weil er will und muss. Er kämpft um Kondition und gegen die Bequemlichkeitsverfettung. Sind Sie auch ein "heimlicher Achim"? Wie halten Sie es mit dem Training? Joggen wie Achilles? Oder was ist Ihr Rezept gegen Bauch und Trägheit? ---Zitatende--- Dem Marathon Achim rate ich: Creme alle Koerperteile die wundlaufen oder heisslaufen koennen mit Calendula Babycreme ein. Lass die billige Vaseline weg. Keine Chemie oder Drogen schlucken. Doping ist fuer loser. Mental stark antreten. Hoer dir volle Lautstaerke per Headset die Musik: We are the Champions oder Like a rock oder Against the Wind etc. an. Harte Sohlen fressen (wie beim Auto) weniger Energie. Alles andere ist Gummizelleneffekt. Das Abrollen der Sohlen macht den Lauf weich, elegant und elastisch. Das kann man sich antrainieren. Viel Glueck und Willenstaerke.
robbatberlin 26.04.2005
4.
Find ich ja doch ganz schön schade, daß Achim so gelitten hat bei seinem ersten Marathon, daß er jetzt nie wieder will... Aber vielleicht legt sich dieser Wunsch ja wieder. Denn 4.20 ist ja keine schlechte Zeit fürs erste Mal! Das ist ausbaufähig! :)
Paulizei, 26.04.2005
5. Herzlichen Glückwunsch
---Zitat von robbatberlin--- Find ich ja doch ganz schön schade, daß Achim so gelitten hat bei seinem ersten Marathon, daß er jetzt nie wieder will... Aber vielleicht legt sich dieser Wunsch ja wieder. Denn 4.20 ist ja keine schlechte Zeit fürs erste Mal! Das ist ausbaufähig! :) ---Zitatende--- Ist doch normal, oder? Ich jedenfalls bin bisher zwar erst 2 Marathons gelaufen, falle danach aber offenbar immer in ein psychisches Loch. Spätestens bei Kilometer 30 kommt die Einsicht, wie schwachsinnig es ist, im dritten Jahrtausend noch 42km zu laufen. So schlimm sind die Benzinpreise nun auch wieder nicht. Nach Überschreiten der Ziellinie stand dann beide Male fest: Nie wieder! Wo ich letztes Mal noch in 48stündige Bewusstlosigkeit fiel, konnte ich diesmal nach einem langen heißen Bad wenigstens schon wieder ohne fremde Hilfe gehen, was mich zu dem Schluß wird, dass die körperlichen Konsequenzen von Mal zu Mal weniger schlimm ausfallen. Das psychische "Down" bleibt aber vermutlich. Sorgen würde ich mir an Achims Stelle nur machen, wenn er nicht von allein scharf drauf wird, seine eigene Bestzeit zu knacken, nachdem die Schmerzen erstmal verflogen sind... In dem Sinne :-)
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