Achilles' Verse Höllenduell gegen den Hulk

Das hat Achim nun davon. Auf der Weihnachtsfeier nicht aufgepasst, schon hat er ein heißes Date an der Backe. Dumm nur, wenn der Gegner ein Vorgesetzter ist und auch noch irre fit wirkt. Aber unser Wunderläufer weiß sich zu wehren.


Warum hatte ich mich auf diesen Irrsinn eingelassen? Wie kann man so dämlich sein, sich spät nachts auf einer Weihnachtsfeier für den Morgen danach zum Laufen zu verabreden? Und dann noch mit "Hulk" Kurze, Chef der Finanzbuchhaltung, jenem Zerberus, der mich mit einem Klick pro Monat stracks in die Armut befördern kann?

Hulk: Ein harter Gegner
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Hulk: Ein harter Gegner

Ich hatte den Wecker mehrfach geschlagen, als Mona mir einen nassen Waschlappen um die Ohren schlug. "Steh auf", knurrte meine Gattin: "Du hättest heute morgen um halb acht den Lauf deines Lebens, hast du heute Nacht gelallt, als du auf dem Boden lagst, weil du mal wieder an deinen Socken gescheitert bist."

Ich versuchte, zu antworten, aber es kam nur Gurgeln. Glühweinreste hatten Mund und Hirn verklebt. Ich zog mir die Decke über den Kopf. "Viel Spaß", hörte ich Mona durch die Daunen sagen, "du hast bestimmt noch zwei Promille – und 20 Minuten bis zum Start." Ach du Schreck! "Halb acht, Tiergarten", dröhnte es durch meinen Schädel. Es war die Stimme von "Hulk" Kurze. Er wollte mich zum Duell fordern, unter verschärften Bedingungen.

Aufrichten in Superzeitlupe. Ich hasse die Schwerkraft. Und schon wieder Sockenkampf. Mir war übel. Der Glühwein hatte einen Nachgeschmack von Batteriesäure hinterlassen, mit einer Spur Katzen-Urin. Hatte ich wirklich mit der alten Walter Lambada getanzt? Oder war es nur ein Alptraum gewesen? Und was klebte unter meinem Gaumen? Fühlte sich an wie ein Lebkuchen vom vergangenen Jahr.

Als ich vor die Tür trat, war es 7.19 Uhr. Bei vollem Tempo brauche ich 13 Minuten bis zum Tiergarten. In meinem Zustand locker das Doppelte. "Du riechst", hatte Mona zum Abschied gesagt. Ich schnupperte, aber mir fiel nichts auf. Frauen riechen viel zu detailliert. Schweißnass erreichte ich den Treffpunkt, höchstens fünf Minuten nach Zielzeit. Kein Kurze. Verdammtes Großmaul. Die Arroganz des Kassenwartes.

"Achilles, alte Partyschlampe", dröhnte es aus dem Gebüsch. Kurze. "Erst mal Stange Wasser weggestellt", brummte er und reichte mir die Hand. Urgh. Das glühweinsaure Aufstoßen beim Herlaufen hatte mir ohnehin schon höchste mentale Körperkontrolle abgerungen. Kurze sah aus wie die Fußballer-Ikone Manfred "Manni" Burgsmüller: ehemals blaue Trainingshose mit Steg, Adidas Samba in Schwarz, Kapuzenpullover mit Schweißrändern seit dem Pleistozän. "Zwei Stunden locker und dann noch ein paar Sprints", befahl Kurze grinsend. "Sonst gern", log ich, "aber muss um halb neun arbeiten."

Kurze trabte wie ein Rauhaardackel. Er stampfte auf den Boden als wollte er ihn bestrafen. "Früh gegangen gestern, wa?", begann Kurze. Ich nickte. Es war deutlich nach zwei gewesen und meine Magenschleimhaut weinte schon Blut. "Wir sind noch weiter gezogen", prahlte Kurze, "die Azubine wollte mich ja gar nicht mehr loslassen." Komisch, ich hatte bei dem armen Mädchen einen völlig anderen Gesichtsausdruck in Erinnerung.

Beim Laufen machte Kurze Geräusche jenseits des Atmens. Kann sein, dass es die Kunstfasern seiner Hose waren, die scheuerten. Kann aber auch sein, dass er ungeniert seine Magenwinde an die frische Luft ließ. Warum trottete ich neben diesem ungehobelten Gnom zu nachtschlafender Zeit durch den Tiergarten? Ich wollte nicht mit ihm reden, kaufen, gesehen werden. Es war nur seine Macht, als Herr der Überweisungsträger.

Kurze brüllte: Sprint bis zur Bank! Mir war Schnellerlaufen völlig unmöglich. Dann hätte ich mich für einen der beiden Wege entscheiden müssen, die sich unablässig vor meinen Augen kreuzten. "Erster", brüllte Kurze. "Schön, dass ich Ihnen eine Freude machen konnte", dachte ich. Die frische Luft holte mich langsam aus dem Hades zurück. Zum Glück roch ich meinen Schweiß nicht. Hinter uns fielen bestimmt reihenweise Eichhörnchen und Rabenkrähen bewusstlos von den Bäumen.

Kurze schwieg auffallend lange. Ich blickte vorsichtig hinüber. Er war leichenblass und keuchte. Das war meine Chance. Behutsam zog ich das Tempo an, jede Minute einen Viertelschritt. Kurze stöhnte. Ich drückte vorsichtig weiter. Kurze röchelte. Ich verschärfte. Kurze fiel ab. Ich lief weiter.

Kaum hundert Meter später hörte ich einen erbärmlichen Schrei. Kurze stand vornübergebeugt, die Hände auf die Knie gestützt. Er war fertig. Gemächlich drehte ich um. "Alles klar?", fragte ich. "Kreislauf", japste Kurze. Ich brachte ihn zur nächsten Haltestelle, spendierte ihm ein Ticket und winkte dem Bus hinterher. Federnden Schritts lief ich nach Hause. Die Hierarchie des Unternehmens hatte sich neu geordnet.

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insgesamt 2 Beiträge
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cansan 18.12.2007
1. einfach nur Köstlich
Musste mich grade extra anmelden um ihnen mitzuteilen: "Einfach nur Köstlich" Vielen Dank für diesen amüsanten Nachmittag.
Springbock 18.12.2007
2. (H)ulk
Wenn der Kampf- zum Gartenzwerg mutiert, er nicht länger nach dem Siege giert, ein Lehrstück in nonverbaler Kommunikation, Achilles, Axel, der versteht es schon. Viele Grüße aus dem sonnigen Berlin-Halensee!
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