Achilles' Verse Liebe auf blutigen Fußsohlen

Achims Türkei-Trip verläuft nicht ganz nach Plan: Die anderen Urlauber halten ihn für metrosexuell, Mona lässt sich nicht vom Synchronschwitzen überzeugen und dann sind da noch der lange Dünne und die kleine Dünne. Die sind schneller. Und laufen zusammen durchs Ziel.


Für eine Läufer-Ehefrau ist Mona eigentlich ganz verträglich. Sie hat meine Laufschuhe schon lange nicht mehr nachgezählt. Den technologischen Zuwachs am Rennrad hat sie auch noch nicht bemerkt. Die neue Freundin von Klaus Heinrich ist dagegen eine echte Problempartnerin. Sie teilt meinem Laufpartner seit Wochen seine Sportzeiten minutengenau zu. Das hat sie in einem Seminar für Zeit-Management gelernt. So gewinne man "Quality time", behauptet sie, jene nur in der Phantasie von Frauen existierenden Momente ungestörten, innigen Partnerglücks. Männer definieren "Quality time" völlig anders. Frauen spielen da bestenfalls eine kurze untergeordnete Rolle.

Läuferbeine: Das ausdrucksvolle Spiel der Muskelfasern
DDP

Läuferbeine: Das ausdrucksvolle Spiel der Muskelfasern

In unserem Frühlingsurlaub hatten wir viel "Quality time", vor allem, wenn die Kinder verschwunden waren und mir andere Männer interessiert auf die Beine starrten. Ich fühlte mich wie Alice und Ellen Kessler. Es war eine gute Idee gewesen, mit der Nagelschere die Beinhaare zu stutzen, so dass das ausdrucksvolle, von Babyöl optisch noch unterstützte Spiel der Muskelfasern in der Abendsonne Blicke auf sich zog, die ich als puren Neid interpretierte.

Karl sei gestern Abend beim Billard gefragt worden, ob ich wirklich sein Vater sei, erzählte Mona aus der Tiefe ihrer Pool-Liege, während ich meine Wade in die Sonne hielt. "Wieso denn das?", fragte ich. "Du sähest metrosexuell aus mit Deinen Beinen", erklärte Mona. Metrosexuell? Ist das gut oder schlecht? Würde es frischen Pfeffer in unsere Ehe bringen, jene nicht unproblematische Beziehung eines Athleten und einer Quartalssportlerin, die an Bauch-Peine-Bo glaubt?

"Guck mal, die da, die sind richtig rasiert", sagte Mona und deutete mit dem Strohhalm ihres Schirmchengetränks auf ein Paar, das seit etwa 70 Minuten einträchtig nebeneinander durchs Becken kraulte. Ein langer Dünner und eine kleine Dünne. Gemeinsam Schwimmen ist definitiv Quality Time. Man trainiert, man muss nicht reden, man macht dennoch was zusammen. Und hinterher hat man auch noch saubere Fußnägel. Perfekt.

Abends an der Bar schob ich die maulende Mona unauffällig zum Sportlerpaar hinüber. Von Ferne sah ich, dass sie wenig Sekt auf viel Eis trank, er Cola. "Das sind die Hilles", wisperte der Kellner. Na klar, die Hilles, Claudia und Arnd, ein Triathletenehepaar.

Warum habe ich sie nicht gleich erkannt? Claudia hat 22 Ironmänner hinter sich, die meisten unter den Top Ten. Sie gaben Urlaubern Laufunterricht. Vorher gingen sie aber noch richtig trainieren. Oder schwimmen. Und hinterher stretchen. Oder Stabilisationsverrenkungen machen. Oder noch mal laufen, aber diesmal länger. Und schneller.

Zuhause in der Garageneinfahrt hatten sie eine Wechselzone unterm Carport aufgebaut, um den Übergang vom Rad zum Laufen zu üben. Die Nachbarn hatten längst von Kopfschütteln auf mildes Lächeln umgestellt.

Mona schob mich zurück: "Mit denen reden wir jetzt nicht", sagte sie. "Warum nicht", fragte ich. "Zu dünn", sagte Mona. "Wir sind zu dick", entgegnete ich. "Die haben doch gar keine Zeit füreinander", sagte Mona. "Doch, erst recht. Die laufen, schwimmen und radeln den ganzen Tag nebenbeinander her." Mona guckte unwillig. Sie wollte noch nie neben mir her laufen. "Die konzentrieren sich gar nicht aufeinander", sagte Mona. "Wenn Du mich zum Kartoffelschälen abkommandierst, um mit Sybille zu telefonieren, ist das auch keine Quality time", erwiderte ich. "Das sind Leistungssportler", sagte meine Gattin abrupt. Fast wäre mir ein "Ich auch" entfleucht. Aber das wäre etwas gemogelt gewesen. Obwohl es objektiv eine Leistung ist, 20 Kilogramm mehr Körpergewicht durch die Gegend zu wuchten.

Den ganzen Tag bewegten sich Claudia und Arnd zusammen, manchmal sogar rhythmisch. Wo ein Hille ist, ist auch ein Weg. Den Marathon schaffen sie zusammen in sechs Stunden, einen Ironman in 20. Im Oktober auf Hawaii wollen sie Hand in Hand ins Ziel laufen. Happy end. Wahre Sportromantik. Liebe auf blutigen Fußsohlen.

Sind Sportlerehen glücklicher als gemischt aktive? Zu gern würde ich mich mit Mona der Erotik des Synchronschwitzens hingeben. "Willst Du als Walker enden wie Rosi Mittermaier und Christian Neureuther?", fragte Mona drohend, während sie meine Gedanken las. Okay, okay, Du hast gewonnen, Gattin. Ich werde auch in Zukunft allein durchs Ziel laufen.



insgesamt 1475 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Paulizei, 11.04.2005
1. Thema gestorben?
Hallo liebe Laufsportfanatiker, Walker-Hasser oder -Anwälte, Spiegelleser oder sonstige Ehrgeizlinge! Hat diese herrliche Thema den Umzug ins neue Forum nicht überlebt oder seid Ihr in Woche 2 vor dem Olympus Marathon alle so intensiv im Lauftraining, dass keine Zeit mehr für weltliche Angelegenheiten wie das Internet bliebt? Es grüsst Euch Eure Startnummer 16781
seductive, 12.04.2005
2. Pillen-Anleitung
also, ich find ja den Beitrag von Achilles sehr lustig. Leider glauben echt viele Leute dran, dass das Zeug was hilft. Ich muss gestehen, einige Sachen muss ich auch nehmen, allerdings nach Anraten des Arztes. Dass Eisen stopft, hab ich selbst noch nie bemerkt. Magnesium gegen die Krämpfe - wenn ich das mal einige Wochen nicht nehme, weiß ich genau, dass ich beim Spitzentanz nach einigen Minuten wieder fiese Krämpfe in den Fußsohlen kriege, die mir schwerelose Drehungen und minutenlange Balance unmöglich machen. Vitamine etc. nehme ich mit der Nahrung genug auf, nur an Magnesium und Eisen fehlt es mir oft. dass die sich gegenseitig aufheben, ist klar. Zink gegen die Erkältung, das ist doch auch selbstverständlich. Man sollte nicht jedes Mittelchen verteufeln. Aber wahre Sportler greifen sowieso lieber zur altbekannten ACE-Mischung (Kenner wissen, was ich meine). Ob man dann evtl. weit vor der Zeit einen Herzkasperl kriegt und vielleicht mit 25 tot umfällt, ist ja egal - denn man trainiert ja effektiver...
Carmen Cienfuegos, 19.04.2005
3.
---Zitat von sysop--- Jogging, obwohl eine fast schon archaische Form des Fitnesstrainings, bleibt nach wie vor angesagt. Unser Kolumnist Achim Achilles ist ein Durchschnittssportler, aber einer mit Ambitionen. Er läuft, weil er will und muss. Er kämpft um Kondition und gegen die Bequemlichkeitsverfettung. Sind Sie auch ein "heimlicher Achim"? Wie halten Sie es mit dem Training? Joggen wie Achilles? Oder was ist Ihr Rezept gegen Bauch und Trägheit? ---Zitatende--- Dem Marathon Achim rate ich: Creme alle Koerperteile die wundlaufen oder heisslaufen koennen mit Calendula Babycreme ein. Lass die billige Vaseline weg. Keine Chemie oder Drogen schlucken. Doping ist fuer loser. Mental stark antreten. Hoer dir volle Lautstaerke per Headset die Musik: We are the Champions oder Like a rock oder Against the Wind etc. an. Harte Sohlen fressen (wie beim Auto) weniger Energie. Alles andere ist Gummizelleneffekt. Das Abrollen der Sohlen macht den Lauf weich, elegant und elastisch. Das kann man sich antrainieren. Viel Glueck und Willenstaerke.
robbatberlin 26.04.2005
4.
Find ich ja doch ganz schön schade, daß Achim so gelitten hat bei seinem ersten Marathon, daß er jetzt nie wieder will... Aber vielleicht legt sich dieser Wunsch ja wieder. Denn 4.20 ist ja keine schlechte Zeit fürs erste Mal! Das ist ausbaufähig! :)
Paulizei, 26.04.2005
5. Herzlichen Glückwunsch
---Zitat von robbatberlin--- Find ich ja doch ganz schön schade, daß Achim so gelitten hat bei seinem ersten Marathon, daß er jetzt nie wieder will... Aber vielleicht legt sich dieser Wunsch ja wieder. Denn 4.20 ist ja keine schlechte Zeit fürs erste Mal! Das ist ausbaufähig! :) ---Zitatende--- Ist doch normal, oder? Ich jedenfalls bin bisher zwar erst 2 Marathons gelaufen, falle danach aber offenbar immer in ein psychisches Loch. Spätestens bei Kilometer 30 kommt die Einsicht, wie schwachsinnig es ist, im dritten Jahrtausend noch 42km zu laufen. So schlimm sind die Benzinpreise nun auch wieder nicht. Nach Überschreiten der Ziellinie stand dann beide Male fest: Nie wieder! Wo ich letztes Mal noch in 48stündige Bewusstlosigkeit fiel, konnte ich diesmal nach einem langen heißen Bad wenigstens schon wieder ohne fremde Hilfe gehen, was mich zu dem Schluß wird, dass die körperlichen Konsequenzen von Mal zu Mal weniger schlimm ausfallen. Das psychische "Down" bleibt aber vermutlich. Sorgen würde ich mir an Achims Stelle nur machen, wenn er nicht von allein scharf drauf wird, seine eigene Bestzeit zu knacken, nachdem die Schmerzen erstmal verflogen sind... In dem Sinne :-)
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.