Achilles' Verse Massaker im Kleiderschrank

Für viele Läufer ist das Wichtigste an einem Rennen, ein T-Shirt heimzubringen. Als Arbeitsnachweis oder Erinnerungsstück. Irgendwann jedoch ist der Schrank voll, dann muss ausgemistet werden. Nur wer entscheidet, was weg soll? Bei Achim macht Mona ordentlich Druck.


Eine der düstersten Regionen jedes Ausdauersportlers ist der T-Shirt-Friedhof. Meine historische Sammlung beläuft sich auf einen knappen Kubikmeter. Seit Jahren gelingt es mir, immer neue Leibchen dazuzustopfen. Physikalisch ist das kaum möglich, da objektiv kein Platz mehr dazwischen ist. Aber es muss sein. Man bekommt ja bei jedem Feld- und Waldrennen ungefragt ein Hemd, meist in miesen Farben, oft mit peinlichen Aufdrucken, immer in lausiger Qualität. Aber wegwerfen? Niemals.

Schickes Shirt: Wie ein Fotoalbum
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Schickes Shirt: Wie ein Fotoalbum

T-Shirts sind wie Kaninchen - sie vermehren sich wie wild. Ich vermute, dass sich die Rückwand vom Schrank schon besorgniserregend beult; womöglich hat sie sich durch die Wohnungswand gearbeitet und die meisten meiner T-Shirts liegen beim Nachbarn. Aber er hat sich noch nicht gemeldet. Ich schaue nicht nach. Bloß keine schlafenden T-Shirts wecken.

Dabei bin ich seit Jahren entschlossen, dieses schwarzbunte Loch aufzuräumen. Aber es geht nicht. Wenn ich nur eines herausziehe, werden mir alle entgegenpurzeln. Und ich bekomme sie nie wieder so kunstvoll gestopft. Als Mona neulich Stauraum suchte für ihre beträchtliche und von mir finanzierte Wintergarderobe, wurde ich wieder mal auf mein textiles Endlager hingewiesen.

Sie (fordernd): "Du wolltest doch da aufräumen."
Ich (kleinlaut): "Ja, klar, aber nicht jetzt, ich muss zum Training."
Sie (tückisch): "Kein Problem. Ich mach das. Wenn Du zurückkommst, wirst Du den Schrank nicht wieder erkennen."
Ich (panisch): "Aber Schatz, das ist doch nicht nötig. Ich kümmere mich darum, ehrlich."
Sie (lauernd): "Und wann?"
Ich (überzeugend): "Nächstes Wochenende."
Sie (ärgerlich): "Ich brauche den Platz jetzt."
Ich (verzweifelt): "Na gut, heute Abend."
Sie (herrisch): "Wenn Du Dich drückst, werde ich aufräumen."
Ich (flötend): "Du kannst Dich auf mich verlassen, Hase."
Sie: Knurrt.

Abends war es soweit. Ich hatte auf Zeit gespielt, die Spülmaschine ausgeräumt, Laufsocken gebügelt, die Wochenendzeitungen gelesen, sogar den Kulturteil. Ich hatte Mona auf schöne TV-Schnulzen hingewiesen. Aber sie ließ sich nicht ablenken. Für eine Frau ist Mona bemerkenswert ausdauernd.

Gegen 21 Uhr gab es kein Entkommen mehr. Sie stand hinter mir wie Olga, die kasachische Gefängnisaufseherin. "Hol mal alle raus", riet sie mit trügerischem Kumpelton, "ich helfe Dir beim Zusammenfalten." Als ich am ersten zog (Berliner Halbmarathon 2004), kamen vier oder fünf ungebeten hinterher, darunter die unter Kennern sehr geschätzten Modelle "Volkstriathlon 2001" und "HEW-Cyclassics 2003".

Der Schrank sah unverändert übervoll aus. Insgeheim hatte ich gehofft, durch geschicktes Ziehen ein Baumwollgewölbe im unteren linken Eck zu schaffen, einen Hohlraum, in den Mona dann einen ihrer Pullover hätte hineinstopfen können. Es wäre die letzte Chance gewesen, das nahende T-Shirt-Massaker abzuwenden.

Die Gattin spürte meine Unlust, weitere Hemden ans Licht zu ziehen. Jedes Loch in meinem T-Shirt-Lager würde ein Loch in meinem Leben bedeuten. Was Frauen nie kapieren werden: T-Shirts besitzt man nicht, um sie zu tragen. Wann auch? Zum Laufen nimmt man Fortschrittsfaser. Unterm Oberhemd sieht ein T-Shirt eher grenzwertig aus. Und die Sommertage sind rar, an denen man ganz auf locker eins überwirft. Soll man das lappige Ding vom Grünwalder Burgtriathlon 1989 anziehen zur Gartenparty? Die Botschaft würde ja lauten: Meine letzte Großtat datiert aus dem Jahr des Mauerfalls. Außerdem ist das Hemd viel zu eng. T-Shirts neigen dazu, gleichzeitig auszuleiern und zu schrumpfen.

T-Shirts soll man ruhen lassen. Der Schrank ist wie ein Fotoalbum. Es sind Erinnerungen. Jedes Stück Stoff erzählt eine Geschichte, von wenigen Siegen und ungezählten Niederlagen. Jedem Hemd kann man eine Frau zuordnen, eine Wohnung, ein Wetter, ein Gefühl. Auf meiner Beerdigung soll jemand mein Leben anhand meiner T-Shirts nacherzählen.

Vorsichtig zog ich die nächste Wurst heraus. Mona musterte das Textil. "Kein einziges Mottenloch", murmelte sie. Sie hatte offenbar auf Schützenhilfe von Insekten gehofft. "Motten haben Respekt vor den Zeugnissen eines Sportlerlebens", sagte ich mit leiser Bitternis. Ich war bereit, ein oder zwei meiner baumwollenen Freunde zu opfern.

Plötzlich klingelte das Telefon. Monas beste Freundin Hildegard. Sie wollte ihre jüngste Trennung noch mal durchsprechen. Ich trennte mich von drei teuren Sweatshirts, um der Gattin neuen Platz anzubieten. Die T-Shirts stopfte ich mit zarter Gewalt zurück. Das war knapp. Wir hatten noch mal Aufschub bekommen.



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Paulizei, 11.04.2005
1. Thema gestorben?
Hallo liebe Laufsportfanatiker, Walker-Hasser oder -Anwälte, Spiegelleser oder sonstige Ehrgeizlinge! Hat diese herrliche Thema den Umzug ins neue Forum nicht überlebt oder seid Ihr in Woche 2 vor dem Olympus Marathon alle so intensiv im Lauftraining, dass keine Zeit mehr für weltliche Angelegenheiten wie das Internet bliebt? Es grüsst Euch Eure Startnummer 16781
seductive, 12.04.2005
2. Pillen-Anleitung
also, ich find ja den Beitrag von Achilles sehr lustig. Leider glauben echt viele Leute dran, dass das Zeug was hilft. Ich muss gestehen, einige Sachen muss ich auch nehmen, allerdings nach Anraten des Arztes. Dass Eisen stopft, hab ich selbst noch nie bemerkt. Magnesium gegen die Krämpfe - wenn ich das mal einige Wochen nicht nehme, weiß ich genau, dass ich beim Spitzentanz nach einigen Minuten wieder fiese Krämpfe in den Fußsohlen kriege, die mir schwerelose Drehungen und minutenlange Balance unmöglich machen. Vitamine etc. nehme ich mit der Nahrung genug auf, nur an Magnesium und Eisen fehlt es mir oft. dass die sich gegenseitig aufheben, ist klar. Zink gegen die Erkältung, das ist doch auch selbstverständlich. Man sollte nicht jedes Mittelchen verteufeln. Aber wahre Sportler greifen sowieso lieber zur altbekannten ACE-Mischung (Kenner wissen, was ich meine). Ob man dann evtl. weit vor der Zeit einen Herzkasperl kriegt und vielleicht mit 25 tot umfällt, ist ja egal - denn man trainiert ja effektiver...
Carmen Cienfuegos, 19.04.2005
3.
---Zitat von sysop--- Jogging, obwohl eine fast schon archaische Form des Fitnesstrainings, bleibt nach wie vor angesagt. Unser Kolumnist Achim Achilles ist ein Durchschnittssportler, aber einer mit Ambitionen. Er läuft, weil er will und muss. Er kämpft um Kondition und gegen die Bequemlichkeitsverfettung. Sind Sie auch ein "heimlicher Achim"? Wie halten Sie es mit dem Training? Joggen wie Achilles? Oder was ist Ihr Rezept gegen Bauch und Trägheit? ---Zitatende--- Dem Marathon Achim rate ich: Creme alle Koerperteile die wundlaufen oder heisslaufen koennen mit Calendula Babycreme ein. Lass die billige Vaseline weg. Keine Chemie oder Drogen schlucken. Doping ist fuer loser. Mental stark antreten. Hoer dir volle Lautstaerke per Headset die Musik: We are the Champions oder Like a rock oder Against the Wind etc. an. Harte Sohlen fressen (wie beim Auto) weniger Energie. Alles andere ist Gummizelleneffekt. Das Abrollen der Sohlen macht den Lauf weich, elegant und elastisch. Das kann man sich antrainieren. Viel Glueck und Willenstaerke.
robbatberlin 26.04.2005
4.
Find ich ja doch ganz schön schade, daß Achim so gelitten hat bei seinem ersten Marathon, daß er jetzt nie wieder will... Aber vielleicht legt sich dieser Wunsch ja wieder. Denn 4.20 ist ja keine schlechte Zeit fürs erste Mal! Das ist ausbaufähig! :)
Paulizei, 26.04.2005
5. Herzlichen Glückwunsch
---Zitat von robbatberlin--- Find ich ja doch ganz schön schade, daß Achim so gelitten hat bei seinem ersten Marathon, daß er jetzt nie wieder will... Aber vielleicht legt sich dieser Wunsch ja wieder. Denn 4.20 ist ja keine schlechte Zeit fürs erste Mal! Das ist ausbaufähig! :) ---Zitatende--- Ist doch normal, oder? Ich jedenfalls bin bisher zwar erst 2 Marathons gelaufen, falle danach aber offenbar immer in ein psychisches Loch. Spätestens bei Kilometer 30 kommt die Einsicht, wie schwachsinnig es ist, im dritten Jahrtausend noch 42km zu laufen. So schlimm sind die Benzinpreise nun auch wieder nicht. Nach Überschreiten der Ziellinie stand dann beide Male fest: Nie wieder! Wo ich letztes Mal noch in 48stündige Bewusstlosigkeit fiel, konnte ich diesmal nach einem langen heißen Bad wenigstens schon wieder ohne fremde Hilfe gehen, was mich zu dem Schluß wird, dass die körperlichen Konsequenzen von Mal zu Mal weniger schlimm ausfallen. Das psychische "Down" bleibt aber vermutlich. Sorgen würde ich mir an Achims Stelle nur machen, wenn er nicht von allein scharf drauf wird, seine eigene Bestzeit zu knacken, nachdem die Schmerzen erstmal verflogen sind... In dem Sinne :-)
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