Achilles' Verse Mit 40 fängt der Irrsinn an

Es ist eine Entzauberung: Die geheimen Tagebücher der Mona Achilles sind aufgetaucht. Exklusiv veröffentlicht SPIEGEL ONLINE Auszüge der schonungslosen Abrechnung einer Läufergattin. Der Inhalt wird die Walkerszene jubeln lassen, Männer über 40 sollten sich vorsehen.


Wir Frauen müssen uns wohl damit abfinden, dass unsere Partner ab einem gewissen Lebensalter nicht mehr zurechnungsfähig sind. Bei meinem Achim begann es kurz nach seinem 40. Geburtstag: Er begann zu laufen. Nicht einfach so, aus Spaß, sondern manisch, nach Trainingsplänen, denen er aber leider nicht gewachsen war.

Golfer beim Schlag: Alberner Sport
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Golfer beim Schlag: Alberner Sport

Er wollte sich, mir, der Welt was beweisen. Härte, Stärke, Männlichkeit. Was ein Irrsinn. Warum können Männer nicht einfach nur gelassen werden mit den Jahren? Offenbar müssen sie plötzlich alles kompensieren, die schwindende Libido, den ausbleibenden Haarwuchs, ihre kontinuierlich wachsende Plauze.

Zuerst dachte ich: Ist ja toll, wenn sich der faule Hund ein bisschen bewegt. Jahrelang hatte er schlechtlaunig auf dem Sofa gelümmelt und sich schon toll gefühlt, wenn er mit Karl Vokabeln gelernt hat. Laufen verschiebt den Infarkt hoffentlich um ein paar Jahre, dachte ich. Inzwischen glaube ich das Gegenteil: Seine blöde Lauferei erzeugt soviel Stress, dass er dem Friedhofsgärtner noch entgegeneilt. Aber wehe, ich sage mal was. Du hast ja keine Ahnung, entgegnet er dann nur. Meint, er weiß alles, nur weil er jede Ausgabe von "Runners' World" auswendig lernt.

Warum kann er nicht einfach locker joggen, wie andere Menschen auch. Warum muss er für den Marathon oder andere Kindereien trainieren, sich schinden, quälen, verletzen, mich und alle anderen Menschen terrorisieren mit seiner neuen Religion und nach seinem Training stöhnend durch die Wohnung kriechen. Gutherzig wie ich bin, sage ich dann manchmal sogar was Mitleidiges. Kein Wochenende, an dem er nicht mindestens drei Stunden verschwunden ist.

Überall liegen seine gammeligen Klamotten herum. Bald ist es wieder so weit, dann hängt sein Neoprenanzug wieder über dem Balkon, in dem er aussieht wie eine altfränkische Presswurst. Das Auto stinkt wie ein Iltiskäfig, seitdem er mit seinen durchgeschwitzten Klamotten darin fährt. Er bestellt sich die aberwitzigsten Wunderpillen aus dem Internet und glaubt, ich würde es nicht mitkriegen. Wenn er noch einmal über meine Cremes meckert, dann kann er was erleben.

Andererseits: Vielleicht ist Laufen noch eines der kleineren Übel, mit denen Männer einem Leben entfliehen wollen, das sie als weitgehend gelebt betrachten. Andere Kerle kaufen sich eine Harley, ziehen Lederjacken mit Fransen an und knattern durch die Reihenhaussiedlung. Das ist mindestens so peinlich.

Oder sie fangen an, auf Lebensart zu machen und nuckeln nächtelang abwechselnd an Rotweingläsern und Zigarrenstummeln. Kein Wunder, dass man diese Monstren nicht mehr küssen mag. Grausam sind Angler, die ihre schleimigen Fische in der Küche ausweiden. Der Gipfel allerdings, das sind die Golfer. Sie haben sich diesen albernen Sport nur ausgesucht, damit sie möglichst lange von zu Hause wegbleiben können. Sie hoffen damit, noch ein Weilchen verschleiern zu können, dass sie vollständig impotent sind.

Bis vor kurzem hat Achim wenigstens mich in Ruhe gelassen mit seinem Lauffimmel. Dann bin ich unvorsichtigerweise angefangen zu walken, mit einer guten Freundin. Sicher, es gibt elegantere Sportarten. Aber keine, bei der man sich kaum anstrengt, viel quatschen kann und nicht völlig fertig nach Hause fährt.

Aber was macht Herr Achilles? Mobbt blindwütig gegen alle Walker, also auch gegen mich, seine Frau. Männer über 40 haben dieses unbedingte Bedürfnis, sich immer über irgendwen erheben zu müssen, um sich selber besser zu fühlen. Wie billig.



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