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25. Juli 2006, 10:21 Uhr

Achilles' Verse

Oh Stuttgart, du heiße Hexe

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Der Berliner läuft gern in Berlin. Denn dort gibt es viele Berliner. Das ist gut, denn der Berliner mag kein Gehetze. Achim Achilles aber liebt Herausforderungen. Deshalb startete er unlängst in Stuttgart. Ein Horror: Selbst Kinder sind im Ländle erschreckend fit.

Stuttgart ist ja die Sporthauptstadt der Republik. In Schwaben sind eben Kompetenz, Charisma und Jubel zu Hause. Jürgen Klinsmann stammt von hier, Dieter Baumann und Volker Kauder. Die Stuttgarter haben unserer WM-Elf zum dritten Platz eine sensationelle Party beschert. Historiker wissen: Rad- und Leichtahletik-WM in Stuttgart, das waren legendäre Partys. Das Publikum ist das beste der Welt, was daran liegt, dass etwa ein Viertel der Stuttgarter hauptberufliche Jubelkräfte sind, die die Stadt auf Kommando in Hochstimmung versetzen. Zwischen den Großveranstaltungen werden diese Profi-Jubler ins künstliche Koma befördert. Das spart Unterhalt und hält die Arbeitslosigkeit niedrig.

Fleißige Läuferin: Zahnpasta mit Maultaschengeschmack?
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Fleißige Läuferin: Zahnpasta mit Maultaschengeschmack?

Stuttgart, das ist Leischtung und Begeischterung, und der hiesige Halbmarathon die brutalschte Prüfung für den Läufer und sein Kühlungsvermögen. Hitzeschlacht. Jedes Jahr ein Toter, mindestens. Läufer leiden. Menschen jubeln. Oh Stuttgart, du heiße Hexe. Schon am Tag zuvor flirrt schwäbischer Ehrgeiz durch die Stadt. An der U-Bahn-Station "Rathaus" betrachtet eine Gruppe Viertklässler interessiert eine große Reklame für die Männer-Zeitschrift "Penthouse", während eine hochnervöse Mutter letzte Instruktionen für den Kinderlauf verteilt.

Stuttgarter Mütter sind vor allem praktisch orientiert: kompakt gebaut wie die neue B-Klasse, die pflegeleichte Gardinenfrisur von Mireille Mathieu und dazu die hocherotische Teva-Sandale. "Verlassed den Zielbereich nicht ohne Medaille", befiehlt die Schwaben-Mireille und prüft den Sitz der Startnummern. "Auch der hundertschte kann noch Sieger sein, isch ja Einzelzeitmessung." Sie deutet auf den Chip an den Kinderfüßen. "Ihr müssed taktisch klug laufen." Die Kleinen machen sich fast in die Hose vor Angst. Ich auch.

Leistungswillen ist dem Berliner unheimlich. Und es wird noch schlimmer. "Die Strecke isch Mischt", sagt die Startnummernfee, "kein Schatten, viele Anstiege." Na prima. Perfekte Panikmache auch vom Ernährungsexperten Feil. Er rät beim Gesundheitssymposium zur Extraportion Backpulver, für den Natriumhaushalt. Mischt! Woher am Samstagabend Backpulver kriegen? Ich tröste mich mit Schwaben-Epo: der Maultasche. Die hat den Dieter auch schnell gemacht. Gibt es eigentlich Zahnpasta mit Maultaschengeschmack?

Unruhige Nacht. Tonnen von Mineralstoffen in Stuttgarts nächtlicher Schwüle austranspiriert. Wilde Träume von Backpulver, durch gerollte 100-Euro-Noten konsumiert. Schwitzend zum Start. Ich höre im Dixi-Klo, wie der Dieter sein taktisches Konzept erklärt: die ersten zehn Kilometer mit Gefühl, dann fünf verhalten und "den Rescht volle Kischte". Die Stuttgarter Dixis sind eine zartorange Zierde des öffentlichen Sanitärwesens.

Tausende Berliner WG-Klos sehen nicht so rein aus. Der Sprecher weist noch einmal drohend auf den alljährlichen Todesfall hin. Seien wir ehrlich: Der finale Infarkt bei Kilometer 19 ist für den Breitensportler die einzige Chance, Laufsport-Geschichte zu schreiben. Und welche Strategie nehmen wir jetzt? "Volle Kischte" oder einfach nur Überleben? Im Startblock schwitzen wir uns schweigend an. Ich spüre spontanes Unwohlsein. Last-Minute-Atteste sind eine prima Marktlücke.

Start. Auf zur Hitzeschlacht im Hexenkessel. Schweißbäche noch vor der Startmatte. Es geht durch die anmutigen Industriegebiete Untertürkheims. In ein paar Jahren beschäftigt Deutschlands großer Automobilbauer hier nur noch ein paar Show-Arbeiter in einer Art Freilichtmuseum. Die ersten beiden Kilometer erstmal ganz ruhig. In Tritt kommen. Hauptsache, unter 10 Minuten. Der Blick auf die Uhr ist niederschmetternd. Über 11 Minuten. Die haben sich bei der Strecke vermessen.

Bei Kilometer 4 die erste Wasserstelle. Viel zu spät. Die Zeit rennt unerbittlich gegen mich. Der Plan, bei Kilometer 10 unter 50 Minuten zu sein, ist dahin und mithin jegliche Bestzeitpläne. Eigentlich könnte ich aussteigen und Maultaschen frühstücken. Füße schmatzen in Schuhen. Sind die Sohlen so weich oder der Asphalt? Wasserstellen alle zwei, drei Kilometer, dazu Rasensprenger der Anwohner. Immer wieder kurze gemeine Anstiege. In Berlin ginge die Route als Hochalpin-Strecke durch. Gekochtes Hirn.

Zwischen Kilometer 15 und 16 überlege ich, wann der Zeitpunkt für "volle Kischte" gekommen ist. Heute gar nicht. Am Straßenrand liegen Läufer auf Rotkreuz-Tragen und starren ins Leere. Die anderen taumeln vor sich hin. Zieleinlauf ins Daimler-Stadion. Menschen knien auf der Laufbahn, die Hände gefaltet zum Himmel gereckt. Tiefe Dankbarkeit durchfährt den Läufer. Wir haben Stuttgart überlebt.

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