Achilles' Verse Oh Stuttgart, du heiße Hexe

Der Berliner läuft gern in Berlin. Denn dort gibt es viele Berliner. Das ist gut, denn der Berliner mag kein Gehetze. Achim Achilles aber liebt Herausforderungen. Deshalb startete er unlängst in Stuttgart. Ein Horror: Selbst Kinder sind im Ländle erschreckend fit.


Stuttgart ist ja die Sporthauptstadt der Republik. In Schwaben sind eben Kompetenz, Charisma und Jubel zu Hause. Jürgen Klinsmann stammt von hier, Dieter Baumann und Volker Kauder. Die Stuttgarter haben unserer WM-Elf zum dritten Platz eine sensationelle Party beschert. Historiker wissen: Rad- und Leichtahletik-WM in Stuttgart, das waren legendäre Partys. Das Publikum ist das beste der Welt, was daran liegt, dass etwa ein Viertel der Stuttgarter hauptberufliche Jubelkräfte sind, die die Stadt auf Kommando in Hochstimmung versetzen. Zwischen den Großveranstaltungen werden diese Profi-Jubler ins künstliche Koma befördert. Das spart Unterhalt und hält die Arbeitslosigkeit niedrig.

Fleißige Läuferin: Zahnpasta mit Maultaschengeschmack?
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Fleißige Läuferin: Zahnpasta mit Maultaschengeschmack?

Stuttgart, das ist Leischtung und Begeischterung, und der hiesige Halbmarathon die brutalschte Prüfung für den Läufer und sein Kühlungsvermögen. Hitzeschlacht. Jedes Jahr ein Toter, mindestens. Läufer leiden. Menschen jubeln. Oh Stuttgart, du heiße Hexe. Schon am Tag zuvor flirrt schwäbischer Ehrgeiz durch die Stadt. An der U-Bahn-Station "Rathaus" betrachtet eine Gruppe Viertklässler interessiert eine große Reklame für die Männer-Zeitschrift "Penthouse", während eine hochnervöse Mutter letzte Instruktionen für den Kinderlauf verteilt.

Stuttgarter Mütter sind vor allem praktisch orientiert: kompakt gebaut wie die neue B-Klasse, die pflegeleichte Gardinenfrisur von Mireille Mathieu und dazu die hocherotische Teva-Sandale. "Verlassed den Zielbereich nicht ohne Medaille", befiehlt die Schwaben-Mireille und prüft den Sitz der Startnummern. "Auch der hundertschte kann noch Sieger sein, isch ja Einzelzeitmessung." Sie deutet auf den Chip an den Kinderfüßen. "Ihr müssed taktisch klug laufen." Die Kleinen machen sich fast in die Hose vor Angst. Ich auch.

Leistungswillen ist dem Berliner unheimlich. Und es wird noch schlimmer. "Die Strecke isch Mischt", sagt die Startnummernfee, "kein Schatten, viele Anstiege." Na prima. Perfekte Panikmache auch vom Ernährungsexperten Feil. Er rät beim Gesundheitssymposium zur Extraportion Backpulver, für den Natriumhaushalt. Mischt! Woher am Samstagabend Backpulver kriegen? Ich tröste mich mit Schwaben-Epo: der Maultasche. Die hat den Dieter auch schnell gemacht. Gibt es eigentlich Zahnpasta mit Maultaschengeschmack?

Unruhige Nacht. Tonnen von Mineralstoffen in Stuttgarts nächtlicher Schwüle austranspiriert. Wilde Träume von Backpulver, durch gerollte 100-Euro-Noten konsumiert. Schwitzend zum Start. Ich höre im Dixi-Klo, wie der Dieter sein taktisches Konzept erklärt: die ersten zehn Kilometer mit Gefühl, dann fünf verhalten und "den Rescht volle Kischte". Die Stuttgarter Dixis sind eine zartorange Zierde des öffentlichen Sanitärwesens.

Tausende Berliner WG-Klos sehen nicht so rein aus. Der Sprecher weist noch einmal drohend auf den alljährlichen Todesfall hin. Seien wir ehrlich: Der finale Infarkt bei Kilometer 19 ist für den Breitensportler die einzige Chance, Laufsport-Geschichte zu schreiben. Und welche Strategie nehmen wir jetzt? "Volle Kischte" oder einfach nur Überleben? Im Startblock schwitzen wir uns schweigend an. Ich spüre spontanes Unwohlsein. Last-Minute-Atteste sind eine prima Marktlücke.

Start. Auf zur Hitzeschlacht im Hexenkessel. Schweißbäche noch vor der Startmatte. Es geht durch die anmutigen Industriegebiete Untertürkheims. In ein paar Jahren beschäftigt Deutschlands großer Automobilbauer hier nur noch ein paar Show-Arbeiter in einer Art Freilichtmuseum. Die ersten beiden Kilometer erstmal ganz ruhig. In Tritt kommen. Hauptsache, unter 10 Minuten. Der Blick auf die Uhr ist niederschmetternd. Über 11 Minuten. Die haben sich bei der Strecke vermessen.

Bei Kilometer 4 die erste Wasserstelle. Viel zu spät. Die Zeit rennt unerbittlich gegen mich. Der Plan, bei Kilometer 10 unter 50 Minuten zu sein, ist dahin und mithin jegliche Bestzeitpläne. Eigentlich könnte ich aussteigen und Maultaschen frühstücken. Füße schmatzen in Schuhen. Sind die Sohlen so weich oder der Asphalt? Wasserstellen alle zwei, drei Kilometer, dazu Rasensprenger der Anwohner. Immer wieder kurze gemeine Anstiege. In Berlin ginge die Route als Hochalpin-Strecke durch. Gekochtes Hirn.

Zwischen Kilometer 15 und 16 überlege ich, wann der Zeitpunkt für "volle Kischte" gekommen ist. Heute gar nicht. Am Straßenrand liegen Läufer auf Rotkreuz-Tragen und starren ins Leere. Die anderen taumeln vor sich hin. Zieleinlauf ins Daimler-Stadion. Menschen knien auf der Laufbahn, die Hände gefaltet zum Himmel gereckt. Tiefe Dankbarkeit durchfährt den Läufer. Wir haben Stuttgart überlebt.



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Paulizei, 11.04.2005
1. Thema gestorben?
Hallo liebe Laufsportfanatiker, Walker-Hasser oder -Anwälte, Spiegelleser oder sonstige Ehrgeizlinge! Hat diese herrliche Thema den Umzug ins neue Forum nicht überlebt oder seid Ihr in Woche 2 vor dem Olympus Marathon alle so intensiv im Lauftraining, dass keine Zeit mehr für weltliche Angelegenheiten wie das Internet bliebt? Es grüsst Euch Eure Startnummer 16781
seductive, 12.04.2005
2. Pillen-Anleitung
also, ich find ja den Beitrag von Achilles sehr lustig. Leider glauben echt viele Leute dran, dass das Zeug was hilft. Ich muss gestehen, einige Sachen muss ich auch nehmen, allerdings nach Anraten des Arztes. Dass Eisen stopft, hab ich selbst noch nie bemerkt. Magnesium gegen die Krämpfe - wenn ich das mal einige Wochen nicht nehme, weiß ich genau, dass ich beim Spitzentanz nach einigen Minuten wieder fiese Krämpfe in den Fußsohlen kriege, die mir schwerelose Drehungen und minutenlange Balance unmöglich machen. Vitamine etc. nehme ich mit der Nahrung genug auf, nur an Magnesium und Eisen fehlt es mir oft. dass die sich gegenseitig aufheben, ist klar. Zink gegen die Erkältung, das ist doch auch selbstverständlich. Man sollte nicht jedes Mittelchen verteufeln. Aber wahre Sportler greifen sowieso lieber zur altbekannten ACE-Mischung (Kenner wissen, was ich meine). Ob man dann evtl. weit vor der Zeit einen Herzkasperl kriegt und vielleicht mit 25 tot umfällt, ist ja egal - denn man trainiert ja effektiver...
Carmen Cienfuegos, 19.04.2005
3.
---Zitat von sysop--- Jogging, obwohl eine fast schon archaische Form des Fitnesstrainings, bleibt nach wie vor angesagt. Unser Kolumnist Achim Achilles ist ein Durchschnittssportler, aber einer mit Ambitionen. Er läuft, weil er will und muss. Er kämpft um Kondition und gegen die Bequemlichkeitsverfettung. Sind Sie auch ein "heimlicher Achim"? Wie halten Sie es mit dem Training? Joggen wie Achilles? Oder was ist Ihr Rezept gegen Bauch und Trägheit? ---Zitatende--- Dem Marathon Achim rate ich: Creme alle Koerperteile die wundlaufen oder heisslaufen koennen mit Calendula Babycreme ein. Lass die billige Vaseline weg. Keine Chemie oder Drogen schlucken. Doping ist fuer loser. Mental stark antreten. Hoer dir volle Lautstaerke per Headset die Musik: We are the Champions oder Like a rock oder Against the Wind etc. an. Harte Sohlen fressen (wie beim Auto) weniger Energie. Alles andere ist Gummizelleneffekt. Das Abrollen der Sohlen macht den Lauf weich, elegant und elastisch. Das kann man sich antrainieren. Viel Glueck und Willenstaerke.
robbatberlin 26.04.2005
4.
Find ich ja doch ganz schön schade, daß Achim so gelitten hat bei seinem ersten Marathon, daß er jetzt nie wieder will... Aber vielleicht legt sich dieser Wunsch ja wieder. Denn 4.20 ist ja keine schlechte Zeit fürs erste Mal! Das ist ausbaufähig! :)
Paulizei, 26.04.2005
5. Herzlichen Glückwunsch
---Zitat von robbatberlin--- Find ich ja doch ganz schön schade, daß Achim so gelitten hat bei seinem ersten Marathon, daß er jetzt nie wieder will... Aber vielleicht legt sich dieser Wunsch ja wieder. Denn 4.20 ist ja keine schlechte Zeit fürs erste Mal! Das ist ausbaufähig! :) ---Zitatende--- Ist doch normal, oder? Ich jedenfalls bin bisher zwar erst 2 Marathons gelaufen, falle danach aber offenbar immer in ein psychisches Loch. Spätestens bei Kilometer 30 kommt die Einsicht, wie schwachsinnig es ist, im dritten Jahrtausend noch 42km zu laufen. So schlimm sind die Benzinpreise nun auch wieder nicht. Nach Überschreiten der Ziellinie stand dann beide Male fest: Nie wieder! Wo ich letztes Mal noch in 48stündige Bewusstlosigkeit fiel, konnte ich diesmal nach einem langen heißen Bad wenigstens schon wieder ohne fremde Hilfe gehen, was mich zu dem Schluß wird, dass die körperlichen Konsequenzen von Mal zu Mal weniger schlimm ausfallen. Das psychische "Down" bleibt aber vermutlich. Sorgen würde ich mir an Achims Stelle nur machen, wenn er nicht von allein scharf drauf wird, seine eigene Bestzeit zu knacken, nachdem die Schmerzen erstmal verflogen sind... In dem Sinne :-)
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