Achilles' Verse Packt die Bäuche wieder ein

Achim Achilles sehnt den Winter herbei. Die kalte Jahreszeit, weiß unser Dauerläufer, hat ja auch ihre guten Seiten. Zum Beispiel, dass man sich automatisch lange Klamotten anzieht. Denn die Nabelschau im Sommer hat unserem Autor schon manchen Grillabend verdorben.

Der erfahrene Griller weiß um den geschmacklichen Wert von Bauchfleisch. Erst wenn das Fett in großen Tropfen in die glühende Holzkohle fällt und ein kleines kanzerogenes Feuerwerk entfacht, dann bekommen die verbleibenden schmalen Fleischstege ihr unvergleichliches Aroma. In ihrer unendlichen Weisheit und zur Freude des fortgeschrittenen Grillmeisters hat die Schöpfung ein Ideechen Fett an den Bauch gepflanzt. Das sieht nicht immer schön aus, aber es ist lecker. Zudem schützt die weiche Schicht die dahinter angebrachten Organe. Und wärmt im Winter. Außerdem liegen die Kinder gern darauf. Und Mona auch. Glaube ich jedenfalls.

Die Anbieter von Lauf-Fashion haben sich viele Jahrzehnte an das ungeschriebene Gesetz gehalten, dass ein Bauch zwar da sein darf, aber nicht unbedingt zu sehen sein muss. Großzügig geschnittene Hemden in allen Farbtönen umspielten luftig jene Körpergegend, in denen sich gleich mehrere Problemzonen trafen: nicht nur der Bauch, sondern auch jener heikle Horizontal-Canyon, den das Laufhosen-Bündchen trotz aller Elastizität ins Hüftgewebe riss, dazu partiell behaarte Regionen, die vom Bauchnabel bis an die Knie reichten. Mit XL-Hemd und Overknee-Hose jedenfalls war man als Läufer, der weder die Paris-Hilton-Diät machte noch naturepiliert war, immer gut angezogen.

Die unbekleidete Wade repräsentierte gleichsam den Rest des Leibes, was in den meisten Fällen schmeichelhaft war und insofern dem läuferischen Selbstbewusstsein half. Wie alle Männer verfüge auch ich über ein prima Sixpack, das allerdings derzeit gerade mal vorübergehend schlecht zu sehen ist.

Für diese immer länger geratenden Lebensphasen habe ich weite Hemden. Bislang war luftige Bekleidung auch gesamtgesellschaftlich toleriert. Der Bauch wurde allenfalls unfreiwillig entblößt, von sehr umfänglichen Herren, die ein Zweimann-Zelt hätten tragen müssen, um ihre Schwarte vollständig zu bedecken. Das war nicht ansehnlich, hatte sich aber nach ein zwei Laufjahren meist erledigt.

Seit diesem Sommer ist alles anders. Eine wachsende Gruppe von Ausdauersportlern meint, sich unbedingt an einen Teenie-Trend hängen zu müssen: Man trabt bauchfrei. Je nach Laufgegend hat sich bereits jeder zweite Freizeitathlet die Sporthose auf maximal niedrig gezupft und in das Hemd vom preisgünstigen XXS-Grabbeltisch gezwängt. Offenkundig finden sich die Freunde dieses textilen Notstands extrem schick.

Der entgegenkommende Läufer dagegen schnappt nach Luft, vor Entrüstung über soviel grundloses Selbstbewusstsein. Die wenigsten, die glauben, sie könnten sich bauchfrei präsentieren, sollten es auch wirklich tun. Entweder kommt eine grätig-grimmige Mittfünfzigerin des Weges, ein schnaufendes Nilpferd oder eine Walkerin beim dritten Ausgang ihres Lebens. Sie alle denken von sich, sie seien fast so muskelstramm und fettarm wie David Hasselhoff und Pam Anderson, als sie in ihren besseren Jahren am Strand entlang wetzten. Die bittere Wahrheit ist: es stimmt fast nie. Stattdessen hüpft und lappt das Bauchfleisch gut sichtbar vor sich hin. Der unfreiwillige Beobachter weiß nicht, ob das Gefühl von Ekel oder Fremdschämen überwiegt. Aber Weggucken geht ja auch nicht.

Meinetwegen dürfen Mädchen zwischen 13 und 17, Jahren die vor Unterzuckerung dreimal am Tag kollabieren, zwischen T-Shirt und Hüfthose einen fünfzehn Zentimeter breiten Streifen Bauch spazieren tragen, bevor sie sich mit einer Nierenbeckenentzündung ins Bett legen. Warum aber müssen plötzlich auch mittelalte Laufrösser ihre Ranzen zeigen? Was da alles woppert und wabbelt und flappt, muss man beileibe nicht der ganzen Welt vorführen.

Zumal das Laufen die denkbar ungünstigste Gelegenheit zur Bauch-Show ist. Steht man entspannt in Badehose am Strand, kann man sich auf die Körpermitte konzentrieren und den Bauch durch Atemkontrolle und konzentrierte Muskelkontraktionen unmerklich fast zum Verschwinden bringen, was sogar bei vorsichtigem Schreiten funktioniert, zumindest ein paar Atemzüge lang. Beim Laufen dagegen gibt es kein Halten. Die Schwerkraft katapultiert die weiche Masse rhythmisch auf und ab. Manchmal meint man, ein leichtes Klatschen zu hören, den Bauchwellenschlag. Höchste Zeit, dass der Winter wieder kommt.

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