Achilles' Verse Sag mir, was Du wirklich willst

Wenige Tage vor dem Hamburg-Marathon sind bei Achim die Zweifel ausgebrochen. Wird er die Qualen wirklich überstehen? Kurzfristig hat er sogar daran gedacht, den Lauf abzusagen. Aber ein Achilles gibt nicht auf. Auch wenn er eigentlich gar keine Lust auf einen Start hat.


Der Zweifel ist eine Ratte. Nagt hier, verschwindet wieder, nagt da, versteckt sich. Unsichtbar. Und doch immer da. Schnuppert, giftet, ätzt, überträgt Krankheiten. Ich fühl' mich wie Luther. Mein Glaube an die Religion Laufen ist erschüttert. Ich weiß nicht warum. Das heißt, natürlich weiß ich es: Es hat mit dem Marathon in Hamburg zu tun. Je näher dieser verdammte Sonntag rückt, desto achterbahniger rauschen die Gefühle. Die Zweifelfrage heißt: Was soll der Quatsch? Eigentlich habe ich überhaupt keine Lust auf 42 Kilometer. Es ist anstrengend. Es ist ungesund.

Läufer an einer Versorgungsstation: "Den Jubel hören"
DDP

Läufer an einer Versorgungsstation: "Den Jubel hören"

Der Halbmarathon Anfang April war gerade noch okay. Aber längst nicht so gut, wie er nach dem Training den ganzen Winter über hätte laufen müssen. In Wirklichkeit lief es beschissen. Drei Wochen ohne Training hatten mich stärker zurückgeworfen, als ich wahrhaben wollte. Warum sollte ich mich in Hamburg quälen? Um nach vier Stunden und 32 Sekunden ins Ziel zu schleichen. Ich will in drei Stunden irgendwas ankommen. Alles andere wäre idiotisch und würde mich noch viel mehr quälen.

Außerdem ist die Wade immer noch nicht in Ordnung. Um ehrlich zu sein: Sie ist genauso schlimm wie im März. Quäle ich mich durch das Hamburger Martyrium, ist sie womöglich völlig kaputt, und ich kann dieses Jahr gar nicht mehr laufen. Soll ich auf Klemmbrett hören, oder auf den Osteo-Paten oder Doc Dimeo? Erzählt sowieso jeder was anderes. Wahrscheinlich haben sie alle Recht hat, und ich weiß nur nicht, dass ich eine multiple Persönlichkeit bin. Ich sollte Hamburg sausen lassen, um Berlin im September zu gewinnen.

Niemals. Seit fünf Monaten hechte ich durch Eis und Schnee, nur für diesen dämlichen 23. April. Schlappmachen geht nicht. Na gut, die fünf Monate waren nicht umsonst. Der Dalai Lama würde sagen: Betrachte jedes Training als das wichtigste Rennen Deines Lebens. Denke nicht an Morgen. Ich denke aber an Morgen. Vor allem an Überüberübermorgen. Da ist Marathon. Wie verkauft man eigentlich seinen Startplatz auf eBay?

Vielleicht sind Zweifel völlig normal vor dem zweiten Marathon. Der zweite ist viel schwieriger als der erste. Beim ersten denkt man sich: Och, tüdelü, alles easy. Nix ist easy. Weil man weiß, was kommt, hegt man beim zweiten vorauseilende Selbstschutzgedanken, die Verletzungen größer machen, als sie sind. Die Form wird in Grund in Boden gegrübelt. Was aber ist, wenn diese Gedanken am Ende Fakten schaffen? Weil man sich schlecht fühlt, ist man es wirklich. Der Kopf macht das Rennen. Ist doch wahr.

Mona hat mal ein Seminar gemacht, das hieß: "Auch Frauen können sich entscheiden". Die zentrale Übung ging so: Zwei Frauen standen sich gegenüber, die eine fragte: "Was willst du wirklich?" Die andere antwortete irgendwas, zum Beispiel: "Reich sein." Fragt die erste wieder: "Was willst du wirklich?" Sagt die andere: "Glücklich sein." Fragt die erste wieder: "Was willst du wirklich?" Schluckt die zweite und sagt: "Dass mein Mann mit mir redet." Fragt die erste wieder: "Was willst du wirklich?" Sagt die zweite mit Tränen in den Augen: "Dass mich jemand lieb hat." Und so weiter. Das Spiel funktioniert mit erschreckender Sicherheit. Es endet immer in Tränen. Und damit, dass die Befragten sich am Ende ganz kleine warme Dinge wünschen. Einen Moment der Ruhe, der Einkehr, der Drucklosigkeit.

Was willst du wirklich, Achilles? Marathon unter vier Stunden. Was willst du wirklich, Achilles? Dass es nicht nicht wehtut. Was willst du wirklich, Achilles? Nicht irgendwelchen Sekunden hinterher rennen. Was willst du wirklich, Achilles? Die verdammten Zwänge von Pulsuhren und Kilometerschildern und Zeitvorgaben und Erwartungen loswerden, vor allem die selbstgemachten.

Was willst Du wirklich, Achilles? Nicht all den Druck und Stress, den man sowieso schon überall hat, auch noch in die paar Stunden Freizeit am Sonntag mitnehmen. Was willst Du wirklich, Achilles? Leistungsfetischismus und Sekundengeilheit abschwören und zwar jetzt. Was willst Du wirklich, Achilles? Na klar, Letzter werden. Mich mit einem netten älteren Herren am Ende des Feldes und mit dem Krankenwagen an den Hacken über den Sinn des Lebens unterhalten. Zeit haben an den Verpflegungsständen. Den Jubel hören, auch wenn er mir nicht gilt.

Ich will die ganzen sechs oder sieben Stunden auskosten. Ohne Uhr. Ist ja auch viel billiger, bei 70 Euro Startgeld. Dann kostet das Rennen nur einen Zehner die Stunde. Die Kenianer zahlen 35. Völlig überteuert. Ich werde eine Ein-Mann-Demonstration. Was die Slow-Food-Bewegung beim Essen ist Slow-Foot beim Marathon. Schnell laufen kann jeder. Langsamlaufen dagegen erfordert maximale mentale Beherrschung. Hamburg wird meine Zen-Übung. Entspannung, zum ersten Mal seit Monaten.



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Paulizei, 11.04.2005
1. Thema gestorben?
Hallo liebe Laufsportfanatiker, Walker-Hasser oder -Anwälte, Spiegelleser oder sonstige Ehrgeizlinge! Hat diese herrliche Thema den Umzug ins neue Forum nicht überlebt oder seid Ihr in Woche 2 vor dem Olympus Marathon alle so intensiv im Lauftraining, dass keine Zeit mehr für weltliche Angelegenheiten wie das Internet bliebt? Es grüsst Euch Eure Startnummer 16781
seductive, 12.04.2005
2. Pillen-Anleitung
also, ich find ja den Beitrag von Achilles sehr lustig. Leider glauben echt viele Leute dran, dass das Zeug was hilft. Ich muss gestehen, einige Sachen muss ich auch nehmen, allerdings nach Anraten des Arztes. Dass Eisen stopft, hab ich selbst noch nie bemerkt. Magnesium gegen die Krämpfe - wenn ich das mal einige Wochen nicht nehme, weiß ich genau, dass ich beim Spitzentanz nach einigen Minuten wieder fiese Krämpfe in den Fußsohlen kriege, die mir schwerelose Drehungen und minutenlange Balance unmöglich machen. Vitamine etc. nehme ich mit der Nahrung genug auf, nur an Magnesium und Eisen fehlt es mir oft. dass die sich gegenseitig aufheben, ist klar. Zink gegen die Erkältung, das ist doch auch selbstverständlich. Man sollte nicht jedes Mittelchen verteufeln. Aber wahre Sportler greifen sowieso lieber zur altbekannten ACE-Mischung (Kenner wissen, was ich meine). Ob man dann evtl. weit vor der Zeit einen Herzkasperl kriegt und vielleicht mit 25 tot umfällt, ist ja egal - denn man trainiert ja effektiver...
Carmen Cienfuegos, 19.04.2005
3.
---Zitat von sysop--- Jogging, obwohl eine fast schon archaische Form des Fitnesstrainings, bleibt nach wie vor angesagt. Unser Kolumnist Achim Achilles ist ein Durchschnittssportler, aber einer mit Ambitionen. Er läuft, weil er will und muss. Er kämpft um Kondition und gegen die Bequemlichkeitsverfettung. Sind Sie auch ein "heimlicher Achim"? Wie halten Sie es mit dem Training? Joggen wie Achilles? Oder was ist Ihr Rezept gegen Bauch und Trägheit? ---Zitatende--- Dem Marathon Achim rate ich: Creme alle Koerperteile die wundlaufen oder heisslaufen koennen mit Calendula Babycreme ein. Lass die billige Vaseline weg. Keine Chemie oder Drogen schlucken. Doping ist fuer loser. Mental stark antreten. Hoer dir volle Lautstaerke per Headset die Musik: We are the Champions oder Like a rock oder Against the Wind etc. an. Harte Sohlen fressen (wie beim Auto) weniger Energie. Alles andere ist Gummizelleneffekt. Das Abrollen der Sohlen macht den Lauf weich, elegant und elastisch. Das kann man sich antrainieren. Viel Glueck und Willenstaerke.
robbatberlin 26.04.2005
4.
Find ich ja doch ganz schön schade, daß Achim so gelitten hat bei seinem ersten Marathon, daß er jetzt nie wieder will... Aber vielleicht legt sich dieser Wunsch ja wieder. Denn 4.20 ist ja keine schlechte Zeit fürs erste Mal! Das ist ausbaufähig! :)
Paulizei, 26.04.2005
5. Herzlichen Glückwunsch
---Zitat von robbatberlin--- Find ich ja doch ganz schön schade, daß Achim so gelitten hat bei seinem ersten Marathon, daß er jetzt nie wieder will... Aber vielleicht legt sich dieser Wunsch ja wieder. Denn 4.20 ist ja keine schlechte Zeit fürs erste Mal! Das ist ausbaufähig! :) ---Zitatende--- Ist doch normal, oder? Ich jedenfalls bin bisher zwar erst 2 Marathons gelaufen, falle danach aber offenbar immer in ein psychisches Loch. Spätestens bei Kilometer 30 kommt die Einsicht, wie schwachsinnig es ist, im dritten Jahrtausend noch 42km zu laufen. So schlimm sind die Benzinpreise nun auch wieder nicht. Nach Überschreiten der Ziellinie stand dann beide Male fest: Nie wieder! Wo ich letztes Mal noch in 48stündige Bewusstlosigkeit fiel, konnte ich diesmal nach einem langen heißen Bad wenigstens schon wieder ohne fremde Hilfe gehen, was mich zu dem Schluß wird, dass die körperlichen Konsequenzen von Mal zu Mal weniger schlimm ausfallen. Das psychische "Down" bleibt aber vermutlich. Sorgen würde ich mir an Achims Stelle nur machen, wenn er nicht von allein scharf drauf wird, seine eigene Bestzeit zu knacken, nachdem die Schmerzen erstmal verflogen sind... In dem Sinne :-)
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