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24. April 2007, 08:32 Uhr

Achilles' Verse

Total bielefeldisch, einfach schmerzfrei

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Achim hatte sich in seinem herbstlichen Übermut zu viele Läufe im Frühjahr vorgenommen. Absagen geht nicht, der Gesichtsverlust wäre zu groß. Am Wochenende steht trotz körperlicher Krise der berüchtigte Hermannslauf an. Unser Wunderathlet leidet schon mal vor.

Gestern rief Katharina an. "Watt macht datt Training?", bellte sie mit ostwestfälischer Herzlichkeit in mein Ohr. "Supersupi", log ich. Am Wochenende hatte ich mich über 20,2 oder 19,8 oder vielleicht auch nur 18,9 Kilometer gequält. Tausende von langlaufenden Marathonvorbereitern waren an mir vorbeigefedert. Mir tat alles weh. Unter meinem Gaumen hatte sich eine fensterkittartige Substanz gesammelt, die geschmacksneutral zu sein schien. Meine Zunge lag ja auch seit zwei Stunden lahm. Kam das klebrige Zeug von innen oder über die eingesogene Luft von draußen herein? Beide Möglichkeiten machten mir Angst. Nach diesem Gewaltlauf hatte ich praktisch zwei Tage am Stück geschlafen. Katharina war in dieser Zeit etwa 48 Kilometer gelaufen. Sie ist Ostwestfälin, nicht schnell, aber zäh.

Laufgott Achim: Nur noch ein Schatten seiner Selbst
AFP

Laufgott Achim: Nur noch ein Schatten seiner Selbst

Im letzten Spätherbst hatte sie mich an der Ehre gepackt. "Kommse mit aufn Hermann?", hatte sie keck gefragt,"oder trauste Dich nicht?" Spätherbste sind die Pest. Der Läufer leidet an Morbus Großmaulis. Man nimmt sich vor, das kommende Jahr viel konzentrierter und fleißiger anzugehen, träumt sich einen stolzen Rennkalender zusammen und schickt seine Anmeldungen durch die Welt.

Spätestens im März bereut man dann jede einzelne. "Jo, ähm, nee, klar", hatte ich souverän geantwortet. 24 Stunden später hatte ich per Mail die Anmeldung. Zwei Wochen darauf dann die Mitteilung, dass die Tour de France Ostwestfalens komplett ausgebucht sei. Beim Hermannslauf sind die Berge zwar nicht so hoch wie in den Pyrenäen, dafür gibt es auch keine Fahrräder.

Nächsten Sonntag ist es so weit. Während die Asphalt-Uschis beim Hamburg-Marathon wieder Kindergeburtstag feiern, ziehe ich in die Schlacht vom Teutoburger Wald. Zwar nur 31 Kilometer, dafür mit etwa vier Millionen Höhenmetern, Katharina sowie Sand, Kopfsteinpflaster und Wurzelwerk, das Lahme wie mich ab Kilometer 20 gern mal hinhaut. Dazu wilde Tiere, Wildschweine, Wölfe, Walker.

Noch nie haben ich den Kindern und Mona so viele Krankheiten gewünscht. Nur eine verrotzte, diarrhöerende, fiebernde Familie könnte mich vor dem läuferischen Massaker von Hermann noch retten. Aber meine Sippe machte einen pudelwohlen Eindruck – bis auf mich. Mir tat alles weh. Ich war müde und ausgebrannt. Fühlte sich an wie Übertraining. Konnte es aber beim besten Willen nicht sein. "Also, ich bin echt fit", trötete Katharina durchs Telefon.

Mit ihrer hochfeinen Witterung hatte Mona sofort erschnüffelt, dass das Telefonat nicht dienstlich war. Ich verzog mich mit dem Hörer vom Schlafzimmer ins Kinderzimmer und dann aufs Klo. Alle möglichen Privatsphären werden geschützt. Nur meine nicht. Unter billigsten Vorwänden folgte mir meine Gattin, Sie konnte es nicht ertragen, dass ich mit Katharina das Hobby des Superathletentums teilte.

Mona verdächtigte mich offenkundig triebhafter Tendenzen. Was ein Quatsch. Wer läuft, hat keinen Sex. Vorher nicht, weil es die Form ruiniert, während des Laufes nicht, weil es die Zeit verdirbt. Außerdem sind Tannennadeln in der Laufhose was für masochistische Feinschmecker, die es satt haben, sich mit dem Hammer auf den Daumen zu schlagen. Und nach dem Laufen geht schon gar nichts mehr, weil es eben unmöglich ist. Und dann ist schon wieder der nächste Lauf.

Bis es mir durch Flucht auf unseren Mikro-Balkon endlich gelungen war, meine eifersüchtige Gattin abzuschütteln, hatte mir Katharina in ihrer melodischen Diktion bereits all ihre Trainingsstrecken, –zeiten und –zipperlein aufgezählt, ohne dass ich zugehört hätte. Wenn ich über eine Stärke verfüge, dann die mentale Kraft, die Realität auszublenden. Diesen Hermanns-Lauf musste ich mental laufen, eine andere Chance gab es nicht. "Volle Pulle anfangen, langsam wirste dann von ganz alleine", erläuterte Katharina ihre ausgefeilte Renntaktik, mit der sie mich zu demütigen gedachte. Ich hörte einfach weg.

Ich entschied mich für die Cherusker-Taktik: ohne Hirn, aber mit Herz. So hatte Arminius die Römer verjagt, so stürmt die Arminia stracks zurück in die Zweite Liga, so hatte es Bielefeld in vielen Bereichen bis kurz vor die Weltspitze gebracht. Es war wichtig, sich für das Rennen in die geistige Verfassung eines Bielefelders zu versetzen. In einer Gegend, die Flitzer Ernie, August Oetker, Kai Diekmann und Ingo Oschmann hervorgebracht hatte, in der Herwig Birg und Niklas Luhmann zu Höhenflügen ansetzen, da muss ein mentales Mikroklima herrschen, dass Wunder möglich und die Menschen zugleich schmerzfrei macht. Angst? Was war das noch? Wadenschmerzen? Kenne ich nicht? Der Hermann wird ein Spaß. Ich fühle mich schon total bielefeldisch.

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