Achilles' Verse WM-Spezial Humangebirge am Lippenstiftstand

T-Träger zum Frühstück, Spaß in der Unterwäsche-Abteilung und Freak-Fans: Wunderläufer Achim Achilles besucht die Leichtathletik-WM und hat erstaunliche Einblicke gewonnen - doch manche hätte er sich wohl lieber erspart.

Kugelstoßerin Vili: Sportgerät wirkt wie Champagner-Trüffel
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Kugelstoßerin Vili: Sportgerät wirkt wie Champagner-Trüffel


Der geheimnisvolle Bus mit den verdunkelten Scheiben hält einmal in der Stunde auf dem Parkplatz des Mommsenstadions. Normalerweise transpirieren hier Berlins Hobby-Sportler. Doch wenn WM ist in der Hauptstadt, wird das Stadion zum Trainingsgelände: Hier laufen magersüchtige Männer, werfen Frauen mit dem Umfang von Altglas-Containern, grummeln Monstren von Trainern ihre Schützlinge an.

Als erstes stolpert ein würfelförmiges Wesen aus der Tür, schlecht rasiert, mit dem glasig-rotwangigen Antlitz eines holländischen Fußballlehrers, aber der roten Kordel des Teilnehmers um den Hals. Wer mag das sein? Ein Schöneberger Realschulehrer, der sich als Reiseführer ein Zubrot verdient? Der bulgarische Cheftrainer? Oder eine kubanische Hammerwerferin? Im gleichen Moment läuft ein australischer Mittelstreckler am Bus vorbei. Das magere Männchen erschrickt. Denn wenn die Hammerwerferin tief Luft holt, klebt ihr der Zwerg quer unter der Nase.

Leichtathletik-WM ist eine prima Sache: Hunderttausende bizarrer Figuren in der Hauptstadt und kein einziger sieht auch nur annähernd normal aus. Der Menschenzoo gastiert in Berlin. Und noch bunter als die Athleten sind die Zuschauer. Menschen in Trainingsanzügen sind in Berlin ja nicht weiter ungewöhnlich. Was dem Münchner die Lederhose und dem Hamburger das Tweed-Jacket, das ist dem Neuköllner die Sportkombi, gern in knisteriger Ballon-Seide aus einer Kollektion der frühen neunziger Jahre. Nun droht allerdings Verwechslungsgefahr.

Wen man bis vergangene Woche für einen Schranzen aus Bushidos Hofstaat hielt, ist womöglich eine Nachwuchshoffnung über 10.000 Meter und verkauft gar keine Drogen. Und das Humangebirge am Lippenstiftstand im KaDeWe ist keine Transe, sondern eine weißrussische Kugelstoßerin, die nach einem Lipgloss in Rostrot fahndet. Wirklich lustig wird es aber erst am Unterwäscheständer.

Die Kugelstoßerin ist ja ohnehin ein Fall für sich. Weltmeisterin Valerie Vili wiegt 123 Kilogramm; das Sportgerät sieht in ihrer Hand aus wie ein Champagner-Trüffel. Deutschlands Silbermedaillengewinnerin Nadine Kleinert wirkt zierlich dagegen. Dafür spuckt sie auf ihre Kugel, was nicht sehr damenhaft aussieht. Aber wahrscheinlich hat sie noch ein Stück T-Träger vom Frühstück zwischen den Zähnen.

Die Hammerwerfer sind auch nicht viel besser. Noch vor dem WM-Start hatten sich einige ins Olympiastadion geschlichen, um dort zu trainieren. Zufällig und sehr verwundert sah Hertha-Manager Michael Preetz, wie die starken Männer Herthas Heiligen Rasen umpflügten. Wer je Hammerwerfer im Garten hatte, sehnt sich nach Wühlmäusen und Schützenpanzern.

Für Flurschäden eher ästhetischer Art sorgen dagegen die Horden von Leichtathletik-Fans, die sich zwischen den Wettbewerben shoppenderweise durch die Stadt bewegen. Wie bei einer Messe unterteilt sich die Schar in Fachpublikum und Laufkundschaft. Den Experten erkennt man am T-Shirt mit der Aufschrift "WM Stuttgart 1993", das offenbar seither auch nicht mehr gewaschen wurde.

Die Leichtathletik bietet den Freaks vielfältige Möglichkeiten, um ihre Solidarität mit den Athleten zu demonstrieren. Manche wandern in Kompressionsstrümpfen durch die Stadt, andere haben sich bunte Tape-Streifen auf Arme und Beine geklebt oder eine schmucke Knie-Bandage angelegt. Vereint im Leid ist Fan-Sein noch mal schöner.

Kennerschaft lässt sich auch durch das lässige Mitführen von Sportgeräten beweisen. Walking-Stöcke gehören ja längst zur Grundausstattung des untertourigen Spaziergängers. Aber auch ein Staffelstab macht sich nicht schlecht oder eine schlichte Getränkeflasche mit einem leckeren Amino-Pangasius-Drink. Jede Wette: Schon bald wird der erste Speer auf dem Ku'dammm gesichtet.

Kärcher und Kammerjäger sind schließlich gegen Abend gefragt, wenn die Heerscharen von Fans zehn, zwölf Stunden lang in Sprinterschlappen, Adiletten oder klumpfüssigen Crocs durch die Großstadtsauna marschiert sind. Fällt aber auch nicht weiter auf. Berlin zeichnete sich schon immer durch ein Mikroklima aus, in dem Aliens heranwachsen.

Mehr von Achilles live aus Berlin in Achims WM-Studio.



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