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Ski alpin Akzentfrei im Idyll

Weltcup-Favoritin Martina Ertl könnte eine zweite Rosi Mittermaier werden. Doch die Oberbayerin wehrt sich gegen ihr Image als Bauerntochter.
aus DER SPIEGEL 48/1996

Den Ertl-Hof im oberbayerischen Lenggries belagern seltsame Besucher. Gemeinschaftlich sind sie der hier ansässigen blonden Bauerntochter auf der Spur. Fotografen schleichen um das Anwesen, ein Fernsehteam erwägt gar, ihr im Kuhstall des Gehöfts aufzulauern.

Das Objekt der Beschattung ist die Skirennläuferin Martina Ertl, 23. Sie war im vorigen Winter die Zweitbeste im Weltcup und die Erfolgreichste im Riesenslalom, aber diesen Einbruch in die Privatsphäre findet sie dann doch reichlich übertrieben. »Manchmal frage ich mich, was eigentlich los ist«, sagt Martina Ertl erkennbar mißgelaunt.

Rummel wie in diesem Herbst ist sie nicht gewohnt. Bislang war die formal beim Bundesgrenzschutz angestellte Polizeihauptmeisterin im Team des Deutschen Skiverbandes (DSV) immer die Nummer zwei, sogar körperlich etwas

kleiner als das Übertalent Katja Seizinger, 24, das im März als erste Deutsche nach Rosi Mittermaier (1976) den Weltcup gewonnen hat. Doch nun, im sechsten Winter als Profi im Skizirkus, zählen die Experten sie zu den Favoritinnen auf die kristallene Weltcup-Kugel. 15 Interviews mußte Martina Ertl in den vergangenen Wochen geben, dreimal trat sie live im Fernsehen auf, einmal mit Fußballprofi Jürgen Klinsmann, der ihr gleich ein Trikot des FC Bayern als Glücksbringer vermachte.

Sollte Martina Ertl ihre Teamkollegin Seizinger als weltbeste Rennläuferin beerben, würde ein von der teutonischen Skination herbeigewünschtes Wintermärchen wahr: Die Draufgängerin taugt ideal, die Ära charismatischer Pistenprinzessinen wie Rosi Mittermaier oder Christa Kinshofer fortzuführen.

Katja Seizinger, die in Recklinghausen geborene Tochter eines Stahlmanagers, stand schon immer für nüchternen Leistungsbetrieb - zwischen Olympia und Weltcup zieht die introvertierte Karrierefrau noch ein Betriebswirtschaftsstudium an der Fern-Uni Hagen durch. Mit Martina Ertl, der energiegeladenen Frohnatur aus dem Isarwinkel, soll dagegen jetzt das Alpenglühen in den deutschen Skisport zurückkehren.

Martina Ertl, die vergangene Woche in Park City (Utah) verspätet ins Geschehen eingriff, weil sie den Auftakt in Sölden wegen eines Innenbandrisses im Knie verpaßt hatte, bereitet der Druck, dem sie sich plötzlich ausgesetzt fühlt, allerdings ein »bisserl Angst«. Etwas verspannt sitzt sie am Tisch. Den Rücken durchgedrückt, die Hände artig auf den Oberschenkeln plaziert, mutet sie eher an wie Frau Konsul beim Fünfuhrtee als die Reinkarnation alpiner Romantik.

Aber das ist Absicht. »Das Madl im Dirndl beim Melken im Kuhstall bin ich nicht«, sagt sie und wähnt sich als Opfer medialer Phantasien: »Ich bin seit Jahren nicht mehr im Stall gewesen.«

»Deutschlands Antwort auf Alberto Tomba« (Bunte) wurde sie genannt wegen ihrer kraftvollen Fahrweise. Zum »Ski-Kamikaze« (Bild) mutierte Martina Ertl gar, als sie im zweiten Durchgang des olympischen Riesenslaloms in Lillehammer alles auf eine Karte setzte und von Rang fünf auf zwei vorpreschte.

Die Hasardeurin vom Dienst zu sein, damit kann das 1,62 Meter große Kraftpaket leben. »Wenn ich auf Technik fahre, bin ich eine Sekunde langsamer als die anderen.« Daß allerdings ihre »harte Kindheit auf dem Bergbauernhof (55 Kühe)« (Bild) ihren Stil geprägt haben soll und nach jeder gelungenen Schußfahrt auch gleich die Anzahl der Nutztiere im elterlichen Stall kolportiert werde, das gehe »nun wirklich auf die Nerven«.

Im Ringen um ihre Persönlichkeit verweigert sie inzwischen rustikale Home-Storys. Das heimische Idyll hat sie zur Sperrzone erklärt.

Wohl ist ihr dabei nicht. Daß sie sich eine Geheimnummer zugelegt hat und als Autogrammanschrift ein anonymes Postfach angibt, sind Attitüden, die Martina Ertl bereits als Verlust an Natürlichkeit deutet. Und »normal sein« ist ihr ein hohes Gut. Nirgendwo sonst konnte sie das besser als in Lenggries, wo der Umgang mit Skistars zum Dorfalltag gehört wie das Mittagsläuten.

Als die Winter noch echte Winter waren, fuhr Martina Ertl zusammen mit Bruder Andreas, auch ein Rennläufer, auf Skiern zur Schule. Hilde Gerg, ihre heutige Kollegin im DSV-Kader, die droben auf dem Brauneck wohnt, brachte der Vater mit der Pistenraupe zum Unterricht. Am Nachmittag trainierten sie alle zusammen mit der etwas älteren Michaela Gerg-Leitner, die es 1989 sogar zu einer Weltmeisterschafts-Medaille gebracht hat.

»Vereinsmeisterin im SC Lenggries zu werden«, meint Michaela Gerg-Leitner, »ist fast so schwer wie ein Weltcup-Rennen zu gewinnen.« Die letzten Meisterschaften gewann Martina Ertl, gefolgt von Hilde Gerg. Dritte wurde deren Cousine Annemarie, die ebenfalls im Nationalkader steht.

Der Skiklub Lenggries ist die ergiebigste Erfolgsschmiede des mit Nachwuchs nicht gerade üppig gesegneten Skiverbandes. Bei soviel Gleichgesinnten »kommt kein Boris-Becker-Syndrom auf«, sagt der Lenggrieser Trainer Karl Haider - niemand werde im Ort wegen der erfolgreichen Sportlerinnen hysterisch.

Dennoch scheint der einstige Friede auf dem Ertl-Hof in Gefahr. Wie schwer es ist, bajuwarische Heimatverbundenheit und bundesweite Popularität in Einklang zu bringen, erfuhr die Siegerin von mittlerweile sieben Weltcup-Rennen im vergangenen Jahr, als der Absender eines anonymen Briefes ihr oberbayerisches Idiom beklagte: »Dräng dich nicht so in den Vordergrund, wenn du nicht richtig Deutsch kannst.«

Betroffen bemühte sich die Rennläuferin fortan bei Interviews um eine akzentfreiere Aussprache - mit dem Ergebnis, daß sich Mutter Anneliese beim Einkaufen in Lenggries fragen lassen mußte: »Wos red'' jetzt die so hochdeutsch daher?«

Martina Ertl hat daraus gelernt, daß es zwecklos ist, es jedem recht machen zu wollen. Dem Fanklub, der neulich von ihr verlangte, an den wöchentlichen Vereinssitzungen teilzunehmen, riet sie, sich eine andere Sportlerin zu suchen.

»Ich bin doch auch nur ein Mensch«, entschuldigt sie sich aber prompt für ihre Rigorosität und beschwört in einem Atemzug den Kontakt zur Basis, der »wahren Welt«, wie sie es nennt.

In dieser Welt spielt Martina Ertl bei der Weihnachtsfeier des Skiklubs die Figur des Krampus, rührt Cocktails beim alljährlichen Vereinsgelage und freut sich, wenn sie abends in der Disko »nicht aufs Skifahren angesprochen wird«.

Dann, sagt ihr Förderer Haider, sei sie die »bodenständige Martina«; eine, die sich nicht anstecken läßt vom Ruhm und all den Geschichten und Gerüchten, die sich um das DSV-Frauenteam ranken.

Oft schon wurde ihr ein gestörtes Verhältnis zur Konkurrentin Seizinger unterstellt. Um Harmonie zu demonstrieren, wohnen die beiden großen Kontrahentinnen auch dieses Jahr in einem Zimmer. Sie teilen nicht nur die Trainer, sondern auch den Servicemann - der prompt in die Schußlinie gerät, wenn die Ski der einen mal besser gleiten als die der anderen. »Alles Schmarrn«, wiegelt sie angebliche Eifersüchteleien ab, »Berührungsängste gibt es nicht.«

Den Zustand, die größte Widersacherin im eigenen Team zu wissen, empfinde sie sogar »als Vorteil«. Wer könne ihr besser Tips geben, wie sie ihre übermäßige Innenlage im Riesenslalom beheben kann, als die Ästhetin Seizinger? Wer könne ihr besser helfen, im Slalom weicher zu belasten, damit sich die Ski nicht bremsend eingraben, als die geschmeidige Kollegin? »Wir arbeiten als Team«, behauptet Martina Ertl, »das ist unsere Stärke.«

Sie weiß, daß das wie auswendig gelernt klingt. Aber es stört sie nicht. Früher habe sie gern »drauflos geplaudert«, nun sei »diese Unbekümmertheit weg«. Sie gehöre jetzt zu den Älteren, »ich weiß, was läuft«.

Beispielsweise, daß sie keine Milde zu erhoffen braucht, wenn sie die Erwartungen nicht erfüllt. Spätestens nach »zwei, drei Rennen« sei der Bonus, den man ihr wegen der Innenbandverletzung zugestehen muß, aufgezehrt. Und das Handicap, die ersten fünf Wochen mit einer Schiene fahren zu müssen, die das lädierte Knie stabilisiert, zähle »sowieso nicht«.

Bis Weihnachten muß Martina Ertl den Trainingsrückstand wettgemacht haben. Bei der Weltmeisterschaft im Februar in Sestriere ist sie im Riesenslalom auf die Goldmedaille gebucht.

Nicht die letzte Prüfung im bislang härtesten Skiwinter ihrer Laufbahn: Am Ostermontag steht in Lenggries noch die Klubmeisterschaft des SC an. Da heißt es: »Unbedingt gewinnen.« Sonst, so ahnt sie, lästern wieder alle im Dorf: »Da schau her, den Weltcup will sie holen - und gewinnt nicht mal hier.«

* Beim Riesenslalom in der Sierra Nevada am 22. Februar.

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