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Alle Menschen drehen mal ein Ding

aus DER SPIEGEL 47/1948

Emil als Persönlichkeit

Wenn die Oberste Sportaufsicht und Hein ten Hoff in ihrem Entschluß fest bleiben, dann wird der deutsche Boxmeister aller Klassen nie wieder in den Ring steigen. »Bis Emil Jung rehabilitiert ist«, sagt Hein ten Hoff, »boxe ich nicht mehr«. Emil Jung, sein Manager, wurde auf Lebenszeit vom deutschen Boxsport ausgeschlossen.

Emil Jung ist nicht nur ten Hoffs Manager, sondern auch sein Schwiegervater. Schon während des Krieges verkehrte Hein ten Hoff in Emil Jungs Metzger-Gasthof »Saselbek« (Hamburg-Sasel) zum Training. Später lernte Fränzi Jung bei ihm das Englische und schließlich mußte das Hauspersonal die Eltern darüber aufklären, daß Fränzi etwas mit dem strammen Boxer habe.

Am 14. November 1947 wurden sie getraut, heute schreit schon ten Hoff-Minor in der Wiege. »Aber Hein und ich sind Freunde geblieben«, sagt der 39jährige Großvater Emil Jung.

Der Spruch der Obersten Sportbehörde »Ausschluß auf Lebenszeit« hat dem Optimismus des Metzgers nichts anhaben können. »Ich werde gegen dieses Urteil selbstverständlich Schritte unternehmen, damit endlich die Wahrheit an den Tag kommt.«

Um die Wahrheit geht es zwischen Emil Jung und der Boxkommission. Ten Hoff sollte auf Anordnung der Sportaufsicht gegen Richard Grupe um den Titel boxen. Ten Hoff war einverstanden, nur wollte er vorher noch rasch jemand ausknocken, der ihm einmal ein Unentschieden abgetrotzt hatte: Jean Kreitz. Manager Jung ging zu Grupe und erledigte die Angelegenheit. Wenig später war Jean Kreitz der neue Herausforderer des Meisters. Die Sportaufsicht war gegen dies Agreement und sperrte Grupe ein Jahr vom Meisterschaftskampf, »wegen Feigheit«.

»Rehabilitiert ihn oder tretet zurück«, stand in Emil Jungs Brief an den Berufsboxverband. Das war im September. Antwort kam nicht. Emil Jung schrieb einen viel dickeren Brief an den britischen Sport-Offizier in Hamburg. Er wurde aber nicht abgeschickt, weil ten Hoff und Halbschwergewichtsmeister Richard Vogt sagten: »Laß den ganzen Dreck nicht an die Oeffentlichkeit kommen.«

Riedel Vogt spielte selbst den Briefträger und trug den Dreck zum Hamburger Boxverband. Es gehe nicht mehr sauber zu im deutschen Berufsboxsport, schrieb Manager Jung, durch Scheinkämpfe werde das Publikum betrogen. Grupe und Kölblin zum Beispiel hätten Kampf und Rückkampf abgeschlossen, mit der Bedingung, Grupe solle sich in Berlin, Kölblin in Hamburg auf die Bretter legen. Allerdings habe Grupe dann plötzlich nicht mehr mitgemacht.

Den Namen Aschbermer nannte Emil Jung auch: Der Box-Veranstalter und Leiter des Norddeutschen Boxrings soll mit dem Ansuchen zu ihm gekommen sein, einen Scheinkampf-Vertrag zwischen ten Hoff und Schmeling zu unterschreiben.

Der Kiefer des Berliners Drägestein, packte Jung weiter aus, sei nicht beim Kampf gegen Schmeling in Kiel, sondern schon im Training gebrochen. Das habe Betreuer Englert dem Ringrichter Pipow und dem Hamburger Journalisten Wolf gestanden.

Ein Ehrengericht konstituierte sich. Emil Jung sagte schriftlich ab: Als Besitzer einer Großschlächterei müsse er hin und wieder geschäftlichen Dingen den Vorrang geben.

Jungs Beweismaterial nahm Hamburgs Vertreter in der Sportaufsicht, Pomfort, mit zum Ehrengericht nach Hannover. Die Oberste Sportaufsicht bestätigte trotzdem das Ehrengerichtsurteil: Ausschluß. Mit vier zu eins (dafür Schmelings Manager Machon, Manager Englert, Ringrichter Pipow, Boxchampion Kölblin; dagegen Pomfort.).

»Ihm (Jung) sind«, schrieb die Fachzeitschrift »Der Boxsport«, »die Erfolge seines Schwiegersohnes zu Kopfe gestiegen, er verlor das Maß für den Anstand«.

Emil Jung sieht den Anstand bei sich. »Alle Menschen drehen irgendwie mal ein Ding«, sagte er. »Ich bin ein reicher Mann, das kann jeder wissen, aber schließlich muß alles in seinen Grenzen bleiben. Sauberkeit will ich im deutschen Berufsboxsport. Die Zuschauer zahlen ehrlich verdientes Geld, sie haben ein Recht auf ehrlichen Kampf.«

Emil Jung weiß den Wert schwer verdienten Geldes zu schätzen. Als Schlachtergeselle fing er selbst mit 20 Mark an, nachdem er mit einem Auswanderungsspleen im Kopf in Hamburg hängengeblieben war, weil gerade kein Schiff fuhr. Heute gehört ihm der Gasthof Saselbek und eine Großschlächterei mit vielen Zweiggeschäften.

Es gibt Leute genug, die ihm nachrechnen wollen, was davon mit Metzgerfleiß erworben und was im Boxring zusammengemanagt wurde. Und von Fränzi Jungs prächtiger Hochzeit kursieren noch heute wundersame Geschichten. Fest steht aber auch, daß sich mancher Boxer in schlechten Jahren seine Kondition im Gasthof Saselbek angefuttert hat. Und wenn man Frau Jung Kompetenzen für die Beurteilung der Manager-Persönlichkeit Emil einräumen will, dann hört man, daß es förmlicher Ueberredungskünste bedarf, ehe sich der reiche Mann einen neuen Anzug machen läßt.

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