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Alle sind verrückt auf Bobele, the wunderkind

SPIEGEL-Reporter Erich Wiedemann über den Boris-Becker-Boom in den Vereinigten Staaten *
Von Erich Wiedemann
aus DER SPIEGEL 37/1985

Julio, der Portier im »Drake''s«, hat es kommen sehen, daß Boris Becker scheitern würde. »Boy, oh boy«, hat er gesagt, »der Typ hat Beine wie Eichen, aber solche Beine sind zu schwer für einen siebzehnjährigen Tennis-Champion, der Körper muß erst nachwachsen.«

Zwei Stunden später stampft Boris, the Babyboomer, wie die amerikanischen Fans ihn nennen, geschlagen vom Platz. Der Nachrichtensprecher der Fernsehgesellschaft NBC kommentiert nicht ohne Häme: »Boom, boom, boom, boing ... Das war''s.«

Der Spott geht nicht gegen Boris Becker, sondern gegen die Konkurrenz von CBS, die das Turnier komplett gekauft und das Mittwochabendprogramm für die Live-Übertragung des erwarteten Schlagerspiels zwischen Becker und Titelverteidiger John McEnroe geräumt hat. CBS bleibt auf stornierter Primetime-Werbung für ein paar Millionen Dollar sitzen.

Ist die Luft raus aus dem Tennis-Tornado? Nein, was »Time« vor Flushing Meadow schrieb, das gilt - mit regionalen Einschränkungen - noch immer: »Alle sind verrückt nach Bobele.« Im internationalen Tenniszirkus bleibt Boris ganz vorn an der Rampe. Darüber sind sich Julio und die US-Tennis-Szene einig.

Der Flop im »US Open« war ein Betriebsunfall. McEnroe war ja auch nicht gleich am Ende, nur weil er in Wimbledon mal einen schlechten Tag hatte. Und im »US Open« ist sogar Björn Borg jedesmal gescheitert.

»Wenn dieser Bursche ganz vorn erst einmal richtig Fuß gefaßt hat«, sagt Julio, »dann schmeißt ihn keiner mehr um, dann bleibt er die Nummer eins für viele, viele Jahre - bei diesen Beinen.« Im »Drake''s« logiert alles, was im internationalen Tennis einen Namen hat. Deshalb kennt Julio die meisten großen Cracks ganz persönlich und ganz aus der Nähe. Und deshalb, so sagt er, dürfe er auch in aller Bescheidenheit von sich behaupten, daß er mehr vom Tennis verstehe als irgendein anderer Hotelportier in New York.

Die von den Medien proklamierte »Beckermania« ist ungebrochen. Die T-Shirts mit dem Aufdruck »I am a Boris-Becker backer« (Ich bin ein Boris-Becker-Förderer) sind vergriffen. In »Wooley''s Cafe« in Brooklyn kann man noch immer den »Special Bobele German Dish« für 6,80 Dollar bestellen. Ed Fabricius vom Vorstand des US-Tennisverbandes hat noch mal unterstrichen, was er schon nach Beckers glanzvollem Auftritt in Cincinnati und dem nicht ganz so glanzvollen in Indianapolis gesagt hat: »Diesem Jungen liegt ganz Amerika zu Füßen.«

Nur in der Bronx, in Brooklyn und Queens kleben sich die Nachwuchscracks noch immer McEnroe-Bilder auf die Schläger, weil Mac New Yorker ist und weil ihm deshalb ein Pflichtteil Solidarität zusteht.

Boris, »the wunderkind«, verkörpert so viele gute amerikanische Eigenschaften, daß auch patriotische Amerikaner es nicht als unpatriotisch empfanden, ihm den Sieg über die alten Männer im US-Tennis-Big-Business zu wünschen. Er ist groß, stark, mutig und sauber. Er wirkt selbst dann noch sauber, wenn er mit blutigen Knien und dreckigem Hemd vom Platz kommt. Es heißt, daß er zweimal am Tag duscht, sogar wenn er gar nicht spielt.

Boris ist der Typ, mit dem eine amerikanische Mutter ihre Tochter bedenkenlos zum Abschluß-Ball schicken würde, weil sie weiß, daß er sie wieder nach Hause bringt, ohne ihr unter den Rock gefaßt zu haben. Er ist das Vorbild, das amerikanische Väter sich für ihre Söhne wünschen, ein Junge, der noch nicht wählen und noch nicht Autofahren darf, aber der die großen Vier im Tennis - McEnroe, Lendl, Connors, Wilander - schon das Fürchten gelehrt hat.

Er ist erst Siebzehn und hat es zu was gebracht. Verständlich, daß so ein Energiebolzen unter Erziehungsberechtigten mehr Fans hat als unter den männlichen Amerikanern der eigenen Altersstufe.

Manager Ion Tiriac aus Transsylvanien spielt den Kontrastpartner. Er ist ständig bissig und finster - selbst wenn Boris gewonnen hat - und erzählt überall, er sei mit Graf Dracula verwandt. Die Absicht ist nicht zu belegen, aber Tatsache ist: Neben einem solchen Düsterling erstrahlt eine Lichtgestalt wie Boris natürlich noch heller.

Neuerdings läßt Tiriac sogar verbreiten, Boris sei ein Freund der amerikanischen Küche. Dabei hat Boris noch in Indianapolis den befremdeten US-Fans gestanden, daß er keine Hamburger mag.

Weil Becker typologisch so indifferent wirkt, ist er als Sympathieträger für breiteste Schichten verwendbar. Auf so einen Universalprachtkerl kann beinahe jeder seinen Idealtyp projizieren. Für den Sportberichterstatter von CBS sieht er aus wie ein Eton-Schüler, für die »Chicago Tribune« wie »der Sohn eines Kartoffelbauern aus Idaho« - was gleichfalls _(Beim »US Open« in New York. )

als Kompliment zu verstehen ist. Nur typisch deutsch finden ihn offenbar die wenigsten, obwohl er doch aus »Leimen near Heidelberg« kommt. Die Deutschen müssen damit fertigwerden, daß ihr Bobele ihnen nicht mehr allein gehört, weil die Tennis-Supermacht Amerika dringend neue Helden braucht.

Trotzdem fällt von dem Becker-Boom auch für die deutsche Allgemeinreputation was ab, die in letzter Zeit unter dem Einfluß politischer Vorgänge etwas gelitten hat. Seit Zeppelin und Max Schmeling hat in Amerika nicht mehr soviel Gutes über die Deutschen in der Zeitung gestanden. Selbst am Tag nach Beckers Niederlage hängt am Waldorf Astoria Hotel noch die bundesdeutsche Fahne als einzige neben dem Sternenbanner. Nicht mal Franz Beckenbauer, »the soccer kaiser«, hatte eine so donnernde Resonanz in New York.

Den richtigen Schub hat der Becker-Boom erst durch die Konfrontation mit John McEnroe bekommen, dem (26jährigen) »dirty old man« des US-Tennissports, dem auch neutrale Beobachter eine »gewisse Straßenköter-Mentalität« attestieren. Tennis ist in Amerika ein Gentlemansport - trotz 25 Millionen Spielern. Aber McEnroe ist im Dschungel von Manhattan groß geworden. Sein einziger Wertmaßstab ist der Erfolg.

McEnroe erlaubt es sich, mit Flaschen zu schmeißen, wenn er die Entscheidungen des Schiedsrichters nicht teilt, und Journalisten, die er als feindselig empfindet, unter Androhung von Gewalt aus seinen Pressekonferenzen zu entfernen. In Boston hat er einer Lady ins Gesicht gespuckt, weil sie angeblich über seine verpatzten Aufschläge gelacht hatte.

Vor dem Turnier in Wimbledon mahnte ihn John Newcombe, ein ehemaliger Wimbledon-Sieger: »Ich hoffe, du demonstrierst die Würde, die dem Tennisspiel zusteht. Sonst bitte ich dich, schnell abzureisen, am besten mit der Concorde.« Doch die Mahnung war vergeblich. Nachdem McEnroe die britische Öffentlichkeit bis hinauf zum Unterhaus gegen sich aufgebracht hatte, forderte ihn der »Queen''s Club« in Wimbledon auf, seine Mitgliedschaft niederzulegen.

Einem solchen Lümmel haben die guten Amerikaner gern den »German blitz« aufs Haupt gewünscht. Viele haben nur Karten für das Turnier in Flushing Meadow gekauft, um »Ugly Big Mac« verlieren zu sehen. Doch der Showdown zwischen »the kid and the brat«, sehr frei übersetzt: zwischen Jung-Siegfried und dem Drachen, mußte vertagt werden.

Boris Becker hat schnell gelernt, wo Demut gefragt ist und wo sich forsche Jungenhaftigkeit besser verkauft. Er beklagt nicht, wie sein Wimbledon-Finalgegner Kevin Curren, die stickige Luft, das unfaire Publikum oder die tieffliegenden Flugzeuge über dem Stadion, wenn er verliert, sondern bekennt - wie nach dem verlorenen Match gegen Joakim Nyström: »Ich war schlecht, wirklich schlecht, ich habe in den ersten zwei Sätzen eigentlich gar nicht Tennis gespielt.«

Das Publikum liebt Helden, die in der Niederlage tragische Größe zeigen. Boris scheidet aus Flushing Meadow beinahe wie ein Sieger. Das Photo des im Schmerz erstarrten Tennis-Titanen, der mit priesterlich erhobenen Armen einen stummen Schrei über den verkorksten zweiten Satz gen Himmel schickt, beherrscht am nächsten Tag die Sportseiten der Zeitungen.

Boris kann auch anders. Einen Sportreporter, der ihn zu jovial annimmt, knurrt er an: »Don''t call me Boom Boom, I am Boris Becker.« Nach seinem mühsamen Sieg über den sieben Jahre älteren Neuseeländer Kelly Evernden gibt er altklug bekannt: »Der Junge ist eigentlich nicht schlecht. Wenn er sich anstrengt, kann was aus ihm werden.«

In der Johnny Carson Show fragt ihn der Talkmaster: »Jetzt müssen doch scharenweise die Girls auf dich scharf sein, eh?«

»Well«, sagt Boris ein wenig präpotent auf amerikanisch, »nach meinem Sieg in Wimbledon gibt es natürlich mehr Mädchen als vorher.«

Dabei spielt sich zwischen Boris und den Mädchen in Amerika überhaupt nichts ab, soweit sich das aus der Hotelportiersperspektive beurteilen läßt. Draußen auf dem Grand Stand in Flushing Meadow ist er ein paarmal den Knutschangriffen weiblicher Fans nur um Haaresbreite entgangen. Aber im Hotel ist ihm noch keine zu nahe gekommen. Nicht businessdienliche Gefühlsäußerungen sind im Tagesablauf von Boris nicht vorgesehen.

Boris Superstar bummelt abends drei, vier Blocks die Park Avenue rauf und runter, hört dann in seinem Zimmer noch ein bißchen Pop aus dem Walkman und geht schlafen. Kaum glaublich, aber wahr: Der berühmteste Teenager der Welt ist mindestens ein halbes dutzendmal durch Midtown-Manhattan spaziert, ohne überhaupt zur Kenntnis genommen zu werden. Die Klatschblätter sind ganz verzweifelt über seinen soliden Lebenswandel.

Prominenz ist in der US-Topsport-Manufaktur ein leicht verderblicher Rohstoff. Die Werbekampagnen, die das wirklich große Geld bringen, folgen den Popularitätskurven, nur weniger spontan. Die Agenturen sind es gewöhnt, vorsichtig und langfristig zu disponieren. Boris Beckers Marktwert als Werbeträger muß sich erst stabilisieren.

Boris hat trotz seiner Niederlage noch einen ganz passablen Schnitt gemacht. Er hat in den drei Turnieren in Cincinnati, Indianapolis und New York rund 270 000 Mark verdient. Dazu kommen die laufenden Einnahmen aus PR-Verträgen mit BASF, Puma, des Schweizer Uhrenwerkers Ebel und der Sportmodenfabrik ellesse im geschätzten Gesamtvolumen von gut anderthalb Millionen Mark.

Und Boris hat Optionen auf nochmal mindestens anderthalb Millionen. Er spielt auf dem US-Medienklavier wie ein alter Showbiz-Profi. Wenn sein Schlagarm, wie Trainer Günter Bosch sagt, fünf Jahre älter ist als der Rest-Boris, dann ist sein Marketing-Talent mindestens zehn Jahre reifer.

Wenn er sich bewährt, kommt er vielleicht mal als Coverboy bei Wheaties in Frage. Ein Titelbild auf Wheaties'' Haferflocken-Schachteln ist der Grandprix im US-Sportwerbe-Business. Wimbledon, Flushing Meadow, Davis Cup, Wheaties - das ist für einen Tennisstar die Traumkarriere. Die Werbe-Wölfe von Madison Avenue lauern schon.

Beim »US Open« in New York.

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