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JAPAN Alles gewagt

aus DER SPIEGEL 44/1965

Vor 30 Jahren filmten sie die besten Europäer, um sie emsig zu kopieren. Vor elf Jahren stellten sie ihren ersten Weltmeister, vor neun Jahren den ersten Olympiasieger. Seit drei Jahren hatte keine Nationalmannschaft der Welt eine Siegchance mehr: gegen Japans Kunstturner.

Um von der neuen Turner-Weltmacht nicht einzeln deklassiert zu werden, einigten sich die Turn-Europäer sogar auf eine Europariege. Doch die vereinigten Europaturner sind selbst gegen eine Mannschaft ohne die besten Japaner am 26. (in Essen) und am 30. Oktober (in Zürich) nur Außenseiter.

»Europa wird von der asiatischen Turner-Lawine überrollt«, schrieb die Münchner »Sport-Illustrierte«. Selbst eine japanische zweite Riege halten die Experten für stärker als alle ausländischen Equipen. Erst gegen die dritte Garnitur hätten die Russen - das zweitbeste Turnervolk - Siegesaussichten.

Die ersten Riesenwellen für Japan in der weiten Turnerwelt vollführte 1932 bei den Olympischen Spielen in Los Angeles ein Einzelkämpfer: Der Japaner Kakuta wurde Fünfter. Doch vollendeter als Reck und Ringe beherrschten die Turnbrüder aus Japan ihre Filmkameras. Die Kamerariegen aus dem Fernen Osten hielten jahrelang jeden Übungsteil der europäischen Spitzenturner sorgsam in Zeitlupe fest.

Dank der Zelluloid-Kopien arbeiteten sich die Japaner an ihre europäischen Vorbilder heran. 1952 wurde ihre Riege bei den Olympischen Spielen in Helsinki Fünfte. Zwei Jahre später hatte sie bei der Weltmeisterschaft bis auf die siegreichen Russen die traditionsreichen Turn-Nationen, wie Deutschland und die Schweiz, bereits überflügelt. Bei der Weltmeisterschaft 1958 entging den Japanern in Moskau der Sieg nur deshalb, weil fünf ihrer Turner von einer Fischvergiftung befallen worden waren.

Doch beim Olympia 1960 in Rom wurden die Russen in der Mannschafts-Wertung endgültig von den Japanern überflügelt. Um die Goldmedaille in der Gesamtwertung aller Geräte wurde der Japaner Ono lediglich durch den russischen Kampfrichter Tschukarin betrogen, der seinen Landsmann Schaklin durch geschickte Manipulationen an die Spitze punktete. Zum letztenmal unterlag die japanische Riege 1962 in Kiew den Russen. 1964 gewannen die Japaner in Tokio fünf von acht möglichen Goldmedaillen. In der Einzelwertung errangen Jukio Endo und Schuji Tsurumi Gold und Silber.

Aus den kopierenden Japanern waren kopierte Japaner geworden: Wo die gummigeschmeidigen Asiaten auftraten, wurden sie am Barren und Boden, an Reck und Ringen zu Lehrzwecken gefilmt. Europäische Trainer und Turner studierten Technik und Training des Kunstturnens in Japan. Ihre Erfolge dankten die Japaner jedoch außer überlegener Technik und Kondition besonders ihrer unüblichen Taktik. Sie riskierten im Wettkampf mehr als die Konkurrenz.

Während beispielsweise die Russen ausschließlich Übungen vorführten, die sie roboterhaft sicher beherrschten, überraschten die Japaner selbst in entscheidenden Wettkämpfen mit waghalsigen Übungsteilen, an die sich vor ihnen niemand herangetraut hatte. So vollführte Olympiasieger Endo in Tokio bei den Olympischen Spielen beim Abgang vom Reck einen Hechtsprung zugleich mit einer vollen Körperdrehung

- einer sogenannten Schraube. Pferdsprung-Olympiasieger Jamaschita verband eine Schraube mit einem Überschlag am Längspferd.

Zwar laufen die Japaner durch diese riskante Taktik Gefahr, eine Übung zu verpatzen und so - wie es Endo in Tokio passierte - an einem Gerät eine Medaille zu vergeben. Andererseits erreichen sie häufiger höchste Punktwertungen als etwa die auf perfekte Sicherheit bedachten Russen. Zudem werden nur die Noten der besten fünf Turner einer Sechser-Riege für die Mannschaftswertung herangezogen. Eine Fehlleistung sprengt noch keine Riege.

In ganz Turn-Europa gibt es allerdings keine Riege mit so ausgeglichenen Leistungen, wie sie die Japaner aufbieten können. Dabei trainieren in Japan nur knapp 10 000 Turner (der Deutsche Turner-Bund hat rund 1,6 Millionen Mitglieder).

Der Turnunterricht ist in Japan auf spezielle Klubs in höheren Schulen und Universitäten beschränkt. Schon auf der Schule verpflichten sich die Turnschüler, täglich drei Stunden zu trainieren. Erfüllen sie ihr Soll an Pferd und Barren nicht, müssen sie aus der Trainingsgemeinschaft ausscheiden.

Für die Japaner ist das Kunstturnen nicht allein ein Sport, sondern »ein Weg der Askese«, wie der deutsche Turn-Ideologe Professor Dr. Josef Göhler schrieb, »ganz im Sinne des Zen, der japanischen Form des Buddhismus«. Jedes; turnt für sich - und nicht, wie vielfach noch in Deutschland, innerhalb einer Riege nach Kommandos. Aber auch die Weltmeister und Olympiasieger bitten noch, bevor sie ein Gerät benutzen, höflich darum, mitturnen zu dürfen. Anschließend bedanken sie sich mit der Formel »Arigato gosaimaschita«.

»Die Turnhalle«, meldete der deutsche Nachwuchsturner Jürgen Bischof aus Japan, »ist das zweite Zuhause der Studenten.« Sogar nachts werden die Hallen nicht verschlossen. Selbst im Freien stehen zusätzlich Geräte bereit. Sie werden auch im Winter benutzt. Neben vielen Geräten sind Gruben ausgehoben, die mit Sägemehl ausgefüllt werden. Die federnden Fallgruben sollen den Turnern die Furcht vor gefährlichen Stürzen nehmen.

Auch die Furcht vor Niederlagen versuchen die japanischen Trainer ihren Turnern auszutreiben. Sie bewerten in Training und Wettkampf weniger die erzielten Noten, sondern beurteilen, ob ein Turner »alles gewagt und das Beste gegeben« (so der japanische Turn-Professor Akitomo Kaneko) hat. In ständigen Ausscheidungen im eigenen Lande treffen die besten Japaner auf die stärkste Konkurrenz.

Die kostspieligen Flugreisen der Japaner zu Länderkämpfen gegen die besten Europäer finanzieren die Gastgeber mühelos: Japans Turner garantieren fast überall volle Kassen und lukrative Fernsehhonorare.

Von den Europäern droht den japanischen Barren- und Boden-Artisten vorerst keinerlei Gefahr. Künftige Rivalen erwarten sie eher aus China, Korea und Indonesien.

Denn die meisten Asiaten sind gegenüber den turnenden Europäern von Natur aus bevorzugt: Sie sind im Durchschnitt kleiner und leichter und verfügen somit über günstigere Hebelverhältnisse. Turnern wird »die Kondition eines Gewichthebers« (so der deutsche Turn-Experte Karl-Heinz Gieseler) abverlangt. Der leichte, kleine Japaner Takuji Hajata (Größe: 1,60 Meter, Gewicht: 58 Kilo) braucht mithin bei jeder Stemmübung zwölf Kilo Körpergewicht weniger zu liften als der russische Reck-Olympiasieger Boris Schaklin (1,72 Meter, 70 Kilo).

Bei Salto oder Welle wirkt auf kürzere Turner geringere Zentrifugalkraft ein als auf längere: Bei einer Riesenwelle zerrt am größeren Schaklin eine um vier Prozent stärkere Zentrifugalkraft als an Hajata.

Um Anschluß an die Asiaten zu finden, verpflichtete der Deutsche Turner-Bund erstmals seit Turnvater Jahn einen vollbezahlten Trainer für die deutsche Nationalriege. Doch vor Anforderungen nach japanischem Muster resignierten bereits einige Turner. »Das ist Schinderei«, schimpfte Nachwuchsturner Helmut Baum. »Das mache ich nicht mit.«

Olympiasieger Endo

Gegen Japans Turner...

Olympiazweiter Tsurumi

... hat keine Mannschaft eine Chance

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