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»ALLES VON GOTT SO VORGESEHEN«

aus DER SPIEGEL 8/1968

Wo Benzinraffinerien, Gummifabrikanten und Bierbrauer die alpine Kombination mit den olympischen Ringen erstrebten, konnte das Christentum nicht beiseite stehen. Es war in Grenoble mit am Start der Geschäftigen, es gab sich ganz sportlich, und wie der Sport war es vertreten durch Amateure, hinter deren Rücken sich Profis und Profit nicht völlig verbargen.

»Auf, dem Ziel entgegen!«, forderte der Titel eines bunten Winter-Westentaschenbuches, das sich vorne mit einem Skifahrerbild, auf der Rückseite mit einer symbolischen Marke aus Kreuz und fünf Ringen schmückte: ein Fahrplan der ACO ("Action Chrétienne Olympique"), der auf den Straßen von Grenoble freigebig verteilt wurde. Wer da kleinmütig aufblickte zu den gigantischen Werbeskiern der Firma Rossignol (Killys Marke), die sich, vier Stock hoch, an der Fassade des Kaufhauses »Nouvelles Galeries« erhoben, wer fliegende Nougathändler, Souvenir-Photographen, Sandwich-Männer im Eisbärfell und Sammler des französischen Kriegsblinden-Werkes passiert hatte, der erfuhr schließlich von der ACO' wer die olympische Fackel in Wahrheit emporhält. Unter so aktuellen Stichworten wie »Licht«, »Wettlauf«, »Ziel« und »Preis« waren in dem Büchlein Stichworte aus einem Werk zusammengestellt, das wie Slalombretter' Keilhosen und Stärkungsmittel seine Händler und Hersteller nährt: die Bibel.

Die »Gesellschaft zur Verbreitung der Heiligen Schrift«, in der die Bibelhersteller eine gewisse Rolle spielen, hat sich hinter diese Werbung gestellt. Doch auch der Taschenbibelbund kämpfte um olympischen Gewinn und streute das Evangelium Johannis unter die Gäste der schneefreien Stadt. Auf der vorletzten Seite: ein »Entschluß zur Übergabe an den Herrn«, den man, zwischen zwei sportlichen Konkurrenzen, nur schnell mit Datum und Unterschrift zur Gültigkeit erheben mußte. Auf der letzten Seite dann: Beitrittserklärung zum Taschenbibelbund.

Evangelist Anton Schulte, der Rundfunkmissionar, ließ Grenobles Gästen, die sich, mit Avery Brundage, wohl vor allem fragten, ob an der totalen Industrialisierung der Winterspiele noch etwas zu ändern sei, das Heft zugehen: »Kann sich mein Leben ändern?« Letzte Seite: ein Bestellschein für Zeitschriften und Bekehrungsmaterial des Missionswerkes »Neues Leben e. V.«.

Ein- bis zweimal täglich brachten die vier amerikanischen »World Singers« etwas Swing in das unbeschwingte Herz der olympischen Provinzhauptstadt' in der Orwell in vieler Hinsicht schon begonnen hatte. Diese Sänger und ein kluges Opfer der Poliomyelitis, das hundert Meter entfernt mit Erfolg drei dressierte Dackel mit Körbchen für sich sammeln ließ, verrieten profundes Geschick im Umgang mit dem olympischen Geist. Der kranke Mann hielt seine leidgekrümmte Gestalt bewußt im Hintergrund und vertraute lieber auf die Intensität der christlichen Tierliebe. Die Sänger erwärmten den Kreis der um sie stehengebliebenen Passanten erst eine Weile mit elektrisch verstärktem Beat -- die Kabel ihrer Gitarren konnten den Strom leider nur aus einer nahen Bedürfnisanstalt herleiten -, ehe sie damit herauskamen, wes Lied sie eigentlich sangen. »Ach ja«, seufzten sie melodisch am Ende, »der Herr ist mit uns!«

Sie taten das für Gottes Lohn und die Reisespesen von der »Billy Graham Society«. Und sie taten es mit jener technischen Vollkommenheit, die dem missionarischen Musical aus den USA eignet.

Billy Graham sprach im Cinéma de Paris von Grenoble gegen Eintritt zu den Olympiamenschen (deren Gottheit vorwiegend Killy zu heißen schien). Er hatte nicht selber, sondern nur in Form eines Filmes kommen können. Dazu wurden zwei in seinem Sinne gedrehte abendfüllende Moralreißer aus Hollywood abgespult: Filme, die »der Welt die Wahrheit erzählen«.

Bei dieser Olympiade der Werberekorde und der Sportskandale, der Sexualtests und Dopingkontrollen, der deutschen und der internationalen Verstimmungen, diesem Superlativ an räumlichen und menschlichen Entfernungen, war Gott einschlägig vertreten. Trotzdem: Publikum stellte sich zu den religiösen Darbietungen noch spärlicher ein als auf den Wettkampftribünen der Fernseholympiade von 1968. Als ich das Cinéma de Paris verließ, hörten nur noch acht Personen auf die Empfehlungen von Billy Graham.

Keiner der Gottesmänner beschäftigte sich mit dem Krieg, der synchron zur X. Winterolympiade in seine blutigste Krise geraten war. Es hätte nicht gut in den sportlichen Rahmen gepaßt. Ein auf diese Unterlassung angesprochener Diener Billy Grahams reagierte mit einem Lächeln aus Zuckerguß: »Vietnam und so, das ist alles von Gott so vorgesehen ...« Amen.

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