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Amerikas Sweetheart

Nicht Leichtathletik-Superstar Carl Lewis, sondern die Turnerin Mary Lou Retton hat nach den Olympischen Spielen in Los Angeles das große Geld gemacht. *
aus DER SPIEGEL 2/1985

Für »Sports Illustrated« ist sie »a wonder girl«, ein Wundermädchen, und die »New York Times« bemerkte: Ihre braunen Augen glänzen »wie die eines Cocker-Spaniels«.

Mary Lou Retton, 1,44 Meter kleiner und 85 Pfund leichter Turnfloh, ist das »neue Sweetheart« ("Boston Herald") im Sport-Wunderland Amerika.

»Mary Lou hat sich regelrecht in unseren Herzen verankert«, erklärte unlängst TV-Star Phil Donahue in seiner populären Fernsehshow. Sie sei nun »jährlich eine Million Dollar wert« und an ihr werde einmal mehr dokumentiert, »wie unser System arbeitet: dies ist Amerika«.

Eigenartiges, widersprüchliches, unverständliches Amerika, mag Carl Lewis gedacht haben, Gast in der Donahue-Show. Ihn hatten die Reporter schon vor den Olympischen Spielen in Los Angeles zum Supermann erkoren, sein Photo hatte die Titelseiten vieler US-Magazine geschmückt und sein Manager hatte getönt: Ein vierfacher Goldmedaillengewinner Lewis werde mit Werbespots soviel verdienen wie Pop-Sänger Michael Jackson, der allein bei »Pepsi-Cola« für eine PR-Kampagne rund 5,5 Millionen Dollar einsteckte.

Doch nicht Lewis hat nach Olympia das große Geld gemacht, sondern die Turn-Olympiasiegerin Mary Lou Retton - die »Nonstop money making machine«, so die Fernsehgesellschaft NBC.

Vier Tage nachdem die olympische Flamme über Kalifornien verloschen war, brachte der »Bantam«-Verlag »Carl - Die Geschichte eines amerikanischen Helden« in 175 000 Exemplaren in die Buchläden. Dort liegt »Carl« noch immer, »ein Ladenhüter«, wie die Händler registrieren.

Zwar kassiert der BMW-Fahrer und Villenbesitzer Gagen durch einen Kontrakt mit dem Sportartikel-Hersteller »Nike« sowie Start-Honorare, nach Schätzungen jährlich rund 600 000 Dollar. Doch lediglich für ein japanisches Getränke-Unternehmen war Lewis seit den Olympischen Spielen für einen Werbevertrag attraktiv genug. Mit einem Sportler, der gekleidet ist wie nach der neuesten Ausgabe eines avantgardistischen Modejournals, der Kristall und Silber sammelt, seine Residenz nicht mit einer Frau teilt, sondern einem weißen Hündchen, kann sich der Durchschnitts-Amerikaner nicht identifizieren.

»Ganz offensichtlich mag Amerika dich nicht«, hielt Showmaster Donahue dem farbigen Leichtathleten vor. Einige Studiogäste riefen zwar schnell »no, no«, doch Donahue wies die Proteste zurück: »Er weiß, was ich meine, er weiß, was ich damit sagen will.«

Lewis wußte: »Die Presse liebt nur bestimmte Leute.« Donahue: »Ist die Presse gegen dich voreingenommen?« Lewis: »Nein, nein, es sind keine Vorurteile, einfach nur Mißverständnisse.«

»Alle Leute«, hätten erwartet, »daß ich mich so verhalte, wie sie es wollten. Ich habe mich verhalten, wie ich es wollte.«

Lewis, der sich, so US-Reporter, durch einen chirurgischen Eingriff die Nase verschönern ließ, Schauspielunterricht nahm und eine Schallplatte besang, ist dem eigenen Rollenbild vom Supermann aufgesessen. Er hat gemeint, er müsse sich so verhalten, um Eindruck zu machen - das Gegenteil war der Fall.

In Los Angeles wohnte Lewis nicht mit seinen Gefährten aus dem US-Team im Olympischen Dorf, sondern in einer feinen Mietvilla in den Hügeln Hollywoods. Pressekonferenzen mied er, statt dessen ließ er Meldungen über sein Wohlbefinden nach Art von Bulletins verbreiten. Die Folge: Sportreporter qualifizierten den Star als »arrogant«, Mannschaftskameraden verleumdeten ihn als »homosexuell«.

Nach dem 100-Meter-Finale trabte der Sieger Lewis zur Zuschauertribüne und - wie zufällig - saß dort ein Mann mit einer US-Fahne, die sich Lewis scheinbar spontan für die Ehrenrunde auslieh. Samuel Goldwyn, der Hollywood-Produzent, »hätte seine Freude daran gehabt«, höhnte die »New York Times«, und stellte fest, Lewis »überzieht seine Rolle«.

Der Star verstand das Stadion als seine Bühne. Amerikas Olympia aber war zu einem nationalen Volksfest geworden, das nicht einer, auch nicht Carl Lewis,

als eine persönliche Propaganda-Show mißbrauchen durfte.

Lewis nahm den Fans die Illusionen, sie mußten erkennen: Hier kämpft einer nicht um Medaillen für die Nation, sondern um Gold, das zu Geld werden soll. Im Weitsprung, bei dem ihm nach den Regeln sechs Versuche zustehen, verzichtete Lewis nach zwei Sätzen auf weitere Anstrengung, weil er die Goldmedaillen-Weite bereits vorgelegt hatte. Verletzungen wollte Lewis nicht riskieren, einen Weltrekord, vor den Spielen stets versprochen, nicht versuchen.

Kalkül statt Courage, das entsprach nicht den Erwartungen der Olympia-Besucher. Wie vor ihm Jesse Owens 1936 in Berlin hat Lewis viermal Leichtathletik-Gold gewonnen: Über 100 und 200 Meter, in der Sprintstaffel und im Weitsprung. Doch die Popularität, die Owens besaß, wird Lewis nie erreichen.

Amerikas Sport-Fans dürsten nach Emotionalität, wie Mary Lou Retton sie ihnen bei Olympia bot. Ihr fassungslos in die TV-Mikrophone gejubeltes »wonderful«, als der Triumph über die Rumäninnen im Olympischen Achtkampf feststand, der Freudensprung in die Arme ihres Trainers Bela Karoly und die Freudentränen, die sie auf dem Siegespodest weinte: Das entsprach dem Wunschbild der Nation vom »all American girl«.

Als das saubere, energiegeladene Mädchen von nebenan, das kein Kokain schnupfen muß, um »high« zu sein, wird Mary Lou heute vermarktet. Ein Ende der »Rettonisierung Amerikas«, so das Klatsch-Magazin »People«, ist nicht abzusehen: Mit dem Haarmittel-Hersteller Vidal Sassoon, dem Nahrungsmittelkonzern General Mills, amerikanischen und japanischen Mode-Fabrikanten sind langjährige und lukrative Werbeverträge abgeschlossen worden.

Zum 17. Geburtstag am 24. Januar brachte das Teenager-Magazin »Seventeen« Mary Lou auf der Titelseite. »Life« dekorierte eine Sonderausgabe zum Jahresende nicht nur mit Photos von Prinzessin Diana und ihrem Sohn Harry, von Ronald Reagan und seiner Nancy, sondern - natürlich auch - von Mary Lou und ihrem olympischen Gold-Stück.

Wenn Mary Lou, behutsam geleitet von ihren Managern, dann noch öffentlich Geständnisse macht wie: »Ich schwebe wie auf Wolken« oder »Ich lerne gerade, wie man sich schminkt«, würde ihr eine gerührte Nation am liebsten die Zehn, Höchstnote beim Turnen, noch einmal ehrenhalber vermachen.

Derweil plagt sich Carl Lewis arg damit, seine Landsleute wieder gnädiger zu stimmen. Die Kritik trifft den Olympiasieger - angeblich - nicht: »Ich bin ich. Und ich werde bis an das Ende meiner Tage glücklich sein.«

Vater Lewis hingegen, Leichtathletik-Trainer an der »Millbrook Elementary School« im Bundesstaat New Jersey, ist »verärgert, sagen wir irritiert, über die Ungerechtigkeiten, die Carl widerfahren«. »Neid«, so Lewis senior zum SPIEGEL, »spielt dabei sicherlich eine Rolle - ein gut aussehender Kerl, schwarz noch dazu, der reden kann und sich nicht einschüchtern läßt«, dieses alles »paßt einigen Leuten sicherlich nicht«.

Hat etwa Rassismus das Millionen-Ding verhindert? »Nein, nein«, wiederholt der Vater den Sohn, »es waren Mißverständnisse«, Carls Verhalten sei »einfach falsch verstanden worden«.

Am 25. Januar startet Carl Lewis, von »L'Equipe« gerade zum »Weltsportler des Jahres« gekürt, im New Yorker Madison Square Garden. Seine Vorsätze für 1985: Er will mit Top-Leistungen die Amerikaner dazu bringen, ihn wieder so zu feiern wie vor Olympia.

In diesem Monat beginnt auch Mary Lou Retton wieder mit dem Turn-Training, ein Wettkampf-Start ist für März geplant. Die Jung-Millionärin ist ebenfalls mit guten Vorsätzen ins neue Jahr gegangen, doch die sind womöglich leichter zu realisieren: Sie will »vielleicht kein Kaugummi mehr kauen und nicht mehr mit den Fingerknöcheln knacken«.

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