Karriereende von Radstar Greipel Der scheue Gorilla

André Greipel ist der erfolgreichste deutsche Radprofi, den es bislang gab. Trotzdem ist er für die Öffentlichkeit kein großer Star geworden. Typisch ist die Wahl seines letzten Rennens: Münster statt Paris.
André Greipel jubelt im Sprint – ein über Jahre gewohntes Bild

André Greipel jubelt im Sprint – ein über Jahre gewohntes Bild

Foto: AP/dpa

Mit Paris verbindet André Greipel so vieles. Auf den Champs Élysées hat er zweimal die Schlussetappe der Tour de France gewonnen, unaufhaltsam auf der Zielgeraden, unwiderstehlich, Tempo wie ein TGV, bejubelt von zigtausend Fans auf Frankreichs Prachtboulevard. Hier zu gewinnen, das ist das Größte, was ein Sprinter im Radsport erreichen kann.

Jeder könnte also nachvollziehen, hätte Greipel seinen letzten Karriereauftritt dort beginnen lassen, beim Eintagesrennen Paris-Roubaix, dem Klassiker des Radsports schlechthin, eigentlich im Frühjahr terminiert, durch Corona auf den morgigen 3. Oktober verlegt. Es wäre eine angemessene Hommage auf eine große Radsportlaufbahn.

Aber Greipel startet in Münster.

Den Münsterland Giro hat er sich für das Ende seiner Laufbahn ausgesucht. Und so fährt der Mann, der elfmal bei der Tour de France als Erster über die Ziellinie fuhr, der beim Giro d'Italia siebenmal triumphierte, vierfach bei der Vuelta a España, an diesem Sonntag durch Stadtlohn, Gescher, Billerbeck, Schöppingen und Nottuln.

»Dann will ich meine Ruhe haben«

Er würde wahrscheinlich dazu sagen: »So bin ich eben.« So, wie er auch keine große Party zu seinen Ehren wünscht nach 17 Jahren Profilaufbahn, nach 158 Siegen, so viel wie kein anderer deutscher Radprofi je errang. »Ich fahre mein Rennen, und will dann auch meine Ruhe haben.« So ist er eben.

158 Siege, das sind mehr Erfolge, als sie Bernard Hinault hatte, mehr als Fausto Coppi und Francesco Moser, mehr als Indurain und Contador.

Es gibt auf dieser Welt nur vier Radprofis, die mehr Siege auf ihrem Konto haben als der heute 39-jährige Mecklenburger. Das sind die drei belgischen Radsport-Ikonen Eddie Merckx, Rik van Looy und Roger De Vlaeminck und Italiens Sonnyboy Mario Cippolini. Alle vier werden in ihren Heimatländern verehrt, es sind Superstars ihres Sports. Wenn man in Deutschland eine Straßenumfrage machen würde, bei denen die Leute berühmte deutsche Radfahrer aufzählen sollen, dann würde man Jan Ullrich hören, Erik Zabel, Jens Voigt, Rudi Altig, Didi Thurau, Klaus-Peter Thaler, Gregor Braun, Olaf Ludwig, Täve Schur. Und irgendwann würde wohl jemand auch André Greipel erwähnen. Vielleicht.

Er wird das nie als Nachteil betrachtet haben, selbst in der Zeit seiner größten Erfolge hat er gerne, wenn es um die Interviews ging, seinen alten Kumpel Marcel Sieberg vorgeschickt. Sieberg, der für ihn im belgischen Lotto-Team über Jahre die Lokomotive gegeben hat, den Anfahrer, den die Sprinter so dringend brauchen, um kurz vor dem Ziel in die beste Position zu kommen, aus der sie dann loslegen können, alles geben bis zur Ziellinie. Greipel und Sieberg – das war tatsächlich ein Traumpaar. Greipel vollendete die Arbeit, die Sieberg und seine Mitstreiter bei Lotto geleistet hatten.

Ein Traumpaar: André Greipel und Marcel Sieberg 2017 beim Eintagesklassiker Paris-Roubaix

Ein Traumpaar: André Greipel und Marcel Sieberg 2017 beim Eintagesklassiker Paris-Roubaix

Foto: Panoramic International / IMAGO

Die sechs Jahre beim Lotto-Team, das sind die Jahre, die man auf immer mit Greipel verbinden wird. Da passte alles zusammen, die Zeit, in denen er sich mit den Sprinter-Rivalen Mark Cavendish und Peter Sagan Duelle lieferte, dass die Funken sprühten. Es sind die Jahre, in denen sich Greipel den Spitznamen Gorilla verdient. Weil er so muskelbepackt ist, so eine breitschultrige Haltung auf dem Rad hat. Sein Kollege Rick Zabel hat mal gesagt, dass man Greipel im Sprint überall im Feld sofort herauserkennen kann, so wie er auf dem Rad sitzt. Eine Art wie kein anderer.

Zuletzt war es mit dem Siegen weniger geworden. Neben ihm sprinteten jetzt die Jungen, noch waghalsiger, noch wagemutiger, tollkühner, rücksichtsloser auch als Greipel, Risiken, die der Familienvater nicht mehr eingehen wollte. Vor 2021 hatte Greipel sogar zwei Jahre ohne einen Einzelerfolg, doch so wollte er nicht aufhören. In diesem Jahr kamen im Dienst seines neuen Teams Israel Start-up Nation dann doch noch zwei Erfolge dazu. Als er aber merkte, »das hat mich nicht mehr besonders angemacht«, da wusste er, dass es Zeit wird zum Aufhören.

Als Greipel zum Radsport kam, war die Sportart ganz unten, zutiefst diskreditiert durch Doping, Greipel hat das in seiner Anfangszeit noch aus nächster Nähe mitbekommen, er fuhr ab 2006 für das deutsche Team T-Mobile. 2006, das war das Jahr, in dem T-Mobile Jan Ullrich suspendiert hat, ein Jahr später wurde Patrik Sinkewitz des Dopings überführt. Das Odium des Verdachts schwingt bis heute mit.

In einem Porträt, das die ARD im Sommer über ihn ausgestrahlt hat,  erzählt Greipel, wie Menschen ihn am Straßenrand als Doper beschimpft haben, weil er Radprofi ist. Es war nicht die beste Zeit, um in Deutschland als Radfahrer zum Superstar aufzusteigen.

»Es ist ihm gar nicht bewusst, wie erfolgreich er wirklich gewesen ist«, hat seine Frau Kristina über Greipel gesagt. Wenn er das Trikot des Profis nun auszieht, will er künftig, so sagt er, die Tour de France »mal auf dem E-Bike begleiten und am Straßenrand Würstchen grillen«. So ist er eben.

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