Neue Kronzeugenregelung im Kampf gegen Doping Ein stumpfes Schwert?

Dopingsünder sollen durch Straferlass zur Offenlegung der Hinterleute animiert werden. Dafür wird das Anti-Doping-Gesetz um eine Kronzeugenregelung erweitert. Aber es gibt Zweifel, wie Erfolg versprechend das ist.
Eine Dopingkontrolle in Italien

Eine Dopingkontrolle in Italien

Foto: ESPA Photo Agency / imago images/ZUMA Wire

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Als Jörg Jaksche 2007 dem SPIEGEL gestand, jahrelang Blutdoping zur Leistungssteigerung betrieben zu haben, brach er ein Tabu. Er war der erste Radprofi, der Einblicke in die Schattenwelt eines Sports lieferte, in der für alle Beteiligten nach wie vor ein unausgesprochenes Schweigegelübde gilt. So wurde Jaksche zum Gehilfen deutscher Ermittlungsbehörden – und zu ihrem ersten prominenten Kronzeugen.

Heute sagt er dem SPIEGEL: »Es hat nicht geholfen, den Radsport sauberer zu machen.«

Jaksche widerfuhr, was später auch andere geständige Dopingsünder erlebten. Er galt in der Szene als Nestbeschmutzer. Manager, Teamkollegen und Radsportverbände wandten sich von ihm ab. Er fand kein großes Team mehr – anders als andere Dopingsünder wie Alexander Winokurow, der nicht plauderte, alles abstritt und nach dem Skandal noch Erfolge feiern konnte.

Jaksche hingegen gab den Sport auf. »Diejenigen, die das Dopingsystem betreiben, zeigen mit dem Finger auf einen«, sagt er. »Aber diejenigen, die es am Leben halten, kommen meist ungestraft davon.«

Jaksche im Team-Telekom-Trikot (1999)

Jaksche im Team-Telekom-Trikot (1999)

Foto: A3397 Gero Breloer/ dpa

Die Bundesregierung will Geständigen wie Jaksche nun die Hand reichen. Das seit Ende 2015 geltende Anti-Doping-Gesetz wird demnächst um eine Kronzeugenregelung erweitert. Angelehnt an das Betäubungsmittelrecht soll es Täter ermutigen, mit den Ermittlungsbehörden zu kooperieren, um Dopingsünder und Komplizen zu enttarnen, heißt es in einem Gesetzentwurf. Im Gegenzug sollen jene, die auspacken, Strafmilderung oder Straffreiheit erhalten.

Politik und Dopingfahnder erhoffen sich von der Regelung einen großen Wurf. Der sportpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Mahmut Özdemir, sagt dem SPIEGEL, man wolle »nicht nur die dopende Sportlerin oder den dopenden Sportler kriegen, der seine Mitbewerber hörnt, sondern die Strukturen zerschlagen und die Hintermänner erwischen«. Der Chefermittler der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada, Günter Younger, spricht von einem »nützlichen Werkzeug, um Informationen über Dopinganbieter zu sammeln«.

Wada-Chefermittler Günter Younger: »Nützliches Instrument«

Wada-Chefermittler Günter Younger: »Nützliches Instrument«

Foto: Denis Balibouse/ REUTERS

Bislang fällt die Bilanz des Anti-Doping-Gesetzes mager aus. Bereits bestehende Regelungen lieferten dopenden Sportlern »keinen gesetzlichen Anreiz«, eigenes Wissen über Täter und Gehilfen preiszugeben. Das geht aus dem Evaluationsbericht des Anti-Doping-Gesetzes aus dem vergangenen Jahr  hervor.

Dem Bericht zufolge kamen aus dem Umfeld des Spitzensports »keine nennenswerten Informationen von Sportlerinnen und Sportlern über relevante Sachverhalte oder Personen«. Mehr als zwei Drittel der Hinweise auf Verstöße gegen das Gesetz lieferte die Nationale Anti-Doping-Agentur Nada; ein Viertel stammt aus anderen Strafverfahren.

Abgeschottete Parallelwelt

Die Behörden sind bei der Durchleuchtung krimineller Netzwerke auf Insiderwissen angewiesen. Ohne Tipps aus Kreisen der Szene haben sie kaum eine Chance, in der abgeschotteten Parallelwelt an Informationen zu gelangen.

Dass die Kronzeugenregelung daran grundlegend etwas ändert, ist fraglich. Wie schwierig es wird, machte erst jüngst der Strafprozess um den Erfurter Mediziner Mark Schmidt deutlich. Er hatte einem Dutzend Rad- und Wintersportlern beim Eigenblutdoping geholfen. Das Münchner Landgericht II verurteilte ihn im Januar zu vier Jahren und zehn Monaten Haft.

Kronzeuge Johannes Dürr

Kronzeuge Johannes Dürr

Foto: Roland Schlager/ dpa

Als Kronzeuge in dem Prozess war der frühere Langläufer Johannes Dürr aufgetreten. Der Österreicher hatte erst ARD-Journalisten und später den Behörden offenbart, wie ihn Schmidt mit Wachstumshormonen und Blutbehandlungen versorgt hatte. Erst durch Dürrs Aussagen gelang deutschen und österreichischen Ermittlern bei der »Operation Aderlass« ein Schlag gegen das Dopingnetzwerk um Schmidt.

Dürr hat sein Kooperationswille nichts gebracht – im Gegenteil. Von der Wintersportszene wurde er geächtet, der Österreichische Skiverband verbot ihm per einstweiliger Verfügung, über das Thema Doping in den eigenen Reihen zu sprechen. Auch anderen Zeugen, die im Prozess Einblicke in die Betrugsmechanismen des Spitzensports geliefert hatten, erging es nicht besser.

»Athleten Deutschland« fordern umfassenden Zeugenschutz

Ex-Radprofi Jaksche sagt, eine Kronzeugenregelung funktioniere nur, wenn man geständigen Sportlern Anonymität zusichere, um sie vor einer Verbannung aus dem Sport zu schützen. Auch müssten Kronzeugen direkt mit den Ermittlungsbehörden zusammenarbeiten können. Nur so wachse unter Drahtziehern die Angst vor dem Auffliegen.

In eine ähnliche Richtung argumentiert auch der Verein Athleten Deutschland: Man erhoffe sich, dass die Möglichkeit einer Strafmilderung den richtigen Anreiz setze. Der Verein weist aber auch darauf hin, »dass eine Kronzeugenregelung mit umfassendem Zeugenschutz einhergehen sollte, um aussagende Athlet*innen vor möglichen Repressalien zu schützen und vorgelagert die Aussagebereitschaft zu erhöhen«. Eine Kronzeugenregelung ersetze nicht den Ausbau und die Bekanntmachung von Hinweisgebersystemen.

Dopingproben im Labor

Dopingproben im Labor

Foto: FRANCK FIFE / AFP

Ein weiterer Knackpunkt sind für Jaksche die Sportverbände. Sie müssten außen vor bleiben, wenn geständige Athleten mit den Behörden kooperierten. Denn sie seien oft nicht an Aufklärung interessiert, sondern nur am Schutz ihres Images. »Verbände wollen einen spektakulären, aber skandalfreien Sport«, sagt Jaksche. Dafür seien sie finanziell zu sehr vom Erfolg der Teams und ihrer Sponsoren abhängig.

Als Jaksche über seinen Dopingmissbrauch auspackte, habe ihm ein hochrangiger Funktionär des Radsportweltverbands UCI gesagt: Der Radsport sei eine Familie. Und in einer Familie regele man Probleme unter sich. Die Botschaft war klar: Klappe halten, keine Namen nennen, weitermachen.

Der Sport bleibt gern unter sich, daran hat sich wenig geändert. Verbände und Verantwortliche gerieren sich in der Öffentlichkeit gern als Verfechter des sauberen Sports, sortieren Dopingsünder als schwarze Schafe aus. Millionenschwere Werbedeals stehen auf dem Spiel.

SPD-Politiker Özdemir glaubt dennoch an die Kronzeugenregelung: »Kritiker verwehren den Ermittlern ein zusätzliches Instrument, um die Strukturen des Dopings aufzudecken. Je mehr Instrumente die Behörden an der Hand haben, desto besser.« Oberstaatsanwalt Kai Gräber, der die Ermittlungen bei der »Operation Aderlass« geleitet hat, betrachtet die Kronzeugenregelung als eine Art Chancengleichheit . So könnte sich mithilfe des Gesetzes nicht nur der Hintermann Straffreiheit erkaufen, sondern auch der geständige Athlet.

Ex-Radprofi Jaksche bezweifelt, dass er heute noch einmal an die Öffentlichkeit gehen würde. Er klingt ernüchtert. »Es hat niemandem etwas gebracht. Der Sport ist nicht sauberer geworden, und ich wurde ausgeschlossen«, sagt er. Betrogen werde im Radsport weiter, da hat er keine Zweifel. Die Dopingaffären um das ehemalige britische Team Sky, heute Ineos Grenadiers, seien dafür ein Beleg.

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