80. Geburtstag des Superstars Noch einmal für Ali wach bleiben

Am Montag wäre Muhammad Ali 80 geworden, die ARD würdigt ihn mit einer fulminanten Filmnacht. Die Strahlkraft des größten Sportlers, den es je gab, wird sofort wieder greifbar.
Muhammad Ali mit einer seiner berühmten Gesten

Muhammad Ali mit einer seiner berühmten Gesten

Foto: STRINGER/ REUTERS

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Na, klar, es gibt mittlerweile Mediatheken, man kann sich TV-Beiträge zu jeder Tageszeit und noch Monate nach der Ausstrahlung anschauen – aber wer es ernst meint mit dem Erbe Muhammad Alis, der steht heute Nacht auf und schaut Fernsehen.

Er war der Mann, der in Europa die Nächte zu Tagen machte, wenn Millionen den Wecker stellten, um gegen drei oder vier Uhr morgens seine Kämpfe aus Übersee zu sehen. Und sein 80. Geburtstag am Montag ist noch einmal ein Anlass dafür, denn in der ARD wird eine lange Muhammad-Ali-Nacht mit drei brillanten Beiträgen gezeigt. Für diesen Mann kann man nicht oft genug aufstehen.

Muhammad Ali ist die größte Ikone, die der Weltsport je hervorgebracht hat, ein Mensch, größer als alle Anderen, den Titel The Greatest trug er mit völliger Selbstverständlichkeit. Dieser Mann, der Künstler, Intellektuelle, Filmemacher und Schriftsteller fasziniert, inspiriert hat – sie wurden von ihm angezogen wie die Motten durch das Licht. Seiner Aura konnte sich niemand entziehen, er war ein Idol in so vieler Hinsicht.

Die Magie des Muhammad Ali

Seine Magie entfaltet sich in ganzer Fülle gleich in der ersten Dokumentation dieser vom SWR kuratierten Filmnacht. Wenn Ali der Größte war, dann ist »When we were Kings« von Regisseur Leon Gast, der Film über das Boxdrama von Kinshasa, den Rumble in the Djungle zwischen Ali und George Foreman, wahrscheinlich der Größte unter den Sportfilmen.

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Muhammad Ali, Kinshasa 1974

Foto: Titan Comics

Die flirrende Atmosphäre der Siebzigerjahre, der Irrsinn, diesen Kampf in das Herz der Diktatur des Mobuto Sese Seko nach Zaire zu verlegen, die politische Kraft, mit der Ali diesen Kampf zur Sache der Schwarzen machte, das Konzert mit James Brown, Miriam Makeba und den anderen großartigen Künstlern, die Farben, die damals immer bunter, greller waren als heute, dazu die Kommentare von Spike Lee und Norman Mailer – was für ein Film.

So wie Ali ein Gesamtkunstwerk war, so ist dieser Film auch eines. Sport, Politik, Kunst, alles kam zusammen in jenem Boxring, in dem Ali sich erst schwerfällig wie ein alter Bär gab, ein vermeintlich williges Opfer des Schlägers Foreman. Dann aber wurde er zum Schmetterling, dann stach er zu wie eine Biene. Und den Ruf Boma Ye, Töte ihn, man bekommt ihn nie mehr aus dem Kopf.

Einen Felsen getötet

Dieser Mann hat mit Alligatoren gerungen, er hat einen Felsen getötet, er brachte den Donner zum Schweigen, und als er im Hotelzimmer das Licht ausgemacht hat, war er schneller wieder im Bett, als dass es dunkel wurde. Ali hat all dies damals behauptet, ohne groß eine Miene zu verziehen. Weil man ihm das alles zugetraut hat. Er war nicht nur der größte Sportler, er war eben auch der größte Showman.

Sich Ali wirklich zu nähern, das haben vielleicht nur diejenigen geschafft, die ihm auch körperlich am nächsten kamen: seine Gegner. Die Geschichte Alis ist auch immer die Geschichte seiner Kontrahenten, Joe Frazier, Foreman, Ken Norton, Leon Spinks, Larry Holmes. Die von ihm verprügelt wurden, oder die ihn selbst verprügelten wie Holmes in jenem Fight 1981, in dem Ali nur noch Mitleid erregte.

Die zweite Dokumentation der Nacht »Facing Ali« von Pete McCormack ist erstmals im deutschen Fernsehen zu sehen. Sie zeigt den Boxer aus dem Blick seiner Gegner, berührende Interviews jener, die es noch Jahrzehnte später als Ehre betrachteten, gegen Ali im Ring gestanden zu haben. Auch sie wurden durch ihn zu Denkmälern des Sports.

»Ali was all about Love«

Ron Lyle, der 1975 gegen Ali boxte, sagt den Satz: »Ali was all about love«, es ist ein Satz als Quersumme des Lebens von Muhammad Ali. Gesagt von einem, der wegen Totschlags mehr als sieben Jahre im Gefängnis saß. Das Gefängnis, auch ein Ort, an dem sich Leben und Wirken Alis verdichtet hat: Der Mann, der lieber in den Knast ging und auf all seine Titel verzichtete, als sich für die Vereinigten Staaten im Vietnamkrieg verheizen zu lassen. In jenen Jahren, als aus Cassius Clay Muhammad Ali wurde.

Ali ist 2016 gestorben, Lyle schon fünf Jahre früher. Die Doku über seine Gegner bekommt auch dadurch etwas Bewegendes, weil man weiß, dass fünf der zehn Befragten nicht mehr leben: Das ist der Preis des Profiboxens, einer Sportart, deren Faszination sich mit ihrer Unbarmherzigkeit immer die Waage hielt.

Wenn der Morgen schon graut, schließt die ARD die Ali-Nacht mit »Soul Power« ab, dem Film über das Musikfestival, das den Rahmen zum »Rumble in the Jungle« bildete. Das Chaos jener Zeit, gepaart mit dem Gefühl, dass in diesem Jahrzehnt alles möglich scheint, der Kampf um die Wertschätzung der Schwarzen, ihr demonstratives Selbstbewusstsein, das sie in diesen Jahren entwickelten – all das bündelt sich, wenn James Brown sich die Seele aus dem Leib brüllt: »I wanna get under your skin If I get there I've got to win.«

Dass die ARD diese Filmnacht an genau jenem Tag zeigt, an dem sich die Causa Novak Djoković  endlich dem Ende neigt, ist ein schöner Zufall. Besser kann man die Fallhöhe von Ali zu den heutigen Sport-Idolen nicht deutlich machen. Kann man sich vorstellen, dass dieser Novak Djoković, statt mit den australischen Behörden zu streiten, mit einem Alligator ringt?

Die lange Muhammad-Ali-Nacht, in der ARD von Sonntag auf Montag ab 0.05 Uhr

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