Zur Ausgabe
Artikel 73 / 112

Arithmetik im Labor

Der Kokain-Prozess gerät zum Gutachter-Duell: Daum hat den Rechtsmediziner Herbert Käferstein verklagt.
aus DER SPIEGEL 43/2001

Er ist Angeklagter - und Kläger zugleich. In Koblenz steht er ab Dienstag vor einer Strafkammer, rheinabwärts in Köln ist eine Zivilkammer mit der Causa Daum befasst. Hier wie dort geht es um Haare und Drogen.

Dass der Fast-Bundestrainer mal kokste, ist durch sein eigenes spätes Geständnis belegt. Wie oft und wie intensiv, ist das Ergebnis justizieller Arithmetik: Daum habe, so der Vorwurf von Staatsanwalt Jörg Angerer, in 63 Fällen zwischen »drei und fünf Gramm Kokain« gekauft und darüber hinaus seinen Lieferanten »angestiftet«, ihm auf Vorrat 100 Gramm zu besorgen. Die Anstiftung zum Drogenhandel ist ein Verbrechenstatbestand, Mindeststrafe im Regelfall: ein Jahr Gefängnis.

Die Staatsanwaltschaft glaubt, einen Trumpf in der Hand zu haben: eine Haaranalyse aus dem renommierten Labor des Kölner Rechtsmediziners Herbert Käferstein. Daum selbst hatte damals, zum Beweis seiner angeblichen Unschuld ("Es war nie etwas, und es wird nie etwas sein"), die Untersuchung seiner Haupthaare bei Käferstein in Auftrag gegeben. Der Kokswert war ein Rekordwert: 72 Nanogramm pro Milligramm, »+/-13«. Dieses Messergebnis legte Angerer seiner Berechnung zu Grunde und folgerte, Daum müsse »täglich« konsumiert haben.

Fünf Tage nach den Kopfhaaren, der Coach war mittlerweile in die USA geflüchtet, untersuchte der Toxikologie-Professor auch Schamhaare, die von Daum stammen sollten. Hier konstatierte Käferstein lediglich 2,1 Nanogramm pro Milligramm, eine Riesendifferenz.

Der Koblenzer Kammervorsitzende Bernd Christoffel, der über Daum und seine vier Mitangeklagten zu Gericht sitzen wird, ließ Käfersteins Arbeit vom Münchner Rechtsmediziner Hans Sachs überprüfen; und Sachs spekuliert, dass jene Schamhaare nach diesem Wert eigentlich von einer anderen Person stammen müssten.

Ein interessanter Hinweis. Denn frühere Daum-Vertraute berichteten, Daum habe versucht, die Haarprobe zu manipulieren. Nicht seine Kopfhaare hätten getestet werden sollen, sondern die »von meinem Bruder« (SPIEGEL 34/2001). Sollte die Zeugenschilderung zutreffen, müsste beim Haaraustausch etwas schief gelaufen sein.

Der Manipulationsversuch ist strafrechtlich eigentlich bedeutungslos, dennoch könnte er im Koblenzer Prozess eine Rolle spielen - ebenso wie im Kölner Zivilprozess, den Daum parallel dazu angestrengt hat. Sein Anwalt Rolf Stankewitz will beweisen, dass Käfersteins Expertise »wissenschaftlich nicht haltbar« und »rein spekulativ« sei. Daum könne gar nicht der Kokser gewesen sein, als der er hingestellt werde. Als Kronzeugen führt Stankewitz einen Kollegen Käfersteins an - den Rechtsmediziner Burghard Madea. Ihm gegenüber soll Käferstein am Rande eines Biologenkongresses in Greifswald vor fünf Monaten »offen zugestanden« haben, bei der Analyse seien »Fehler« passiert.

Madea wird als Zeuge benannt, und nach seiner Aussage muss er damit rechnen, auch in Koblenz einvernommen zu werden. Doch Käferstein wehrt sich: Genau anders herum sei es gewesen, sagt sein Anwalt Alexander Hellwig. Madea habe seinem Mandanten »ausdrücklich versichert«, er habe »lege artis gearbeitet«, lediglich »bei einer Petitesse« sei Madea anderer Meinung gewesen. Käfersteins Methoden, so Hellwig, seien »aus wissenschaftlicher Sicht valide« und »technisch einwandfrei«, schließlich gehöre er »zu den Besten seiner Zunft«. Pro Jahr führt Käferstein 280 Haaranalysen durch.

Am 26. Februar 2002 will die 3. Kammer des Kölner Landgerichts die Klage 3 O 544/01 verhandeln. Dann steht vermutlich schon fest, was für Daum in Koblenz herauskam: Freispruch, Geldstrafe - oder Gefängnis. GEORG BÖNISCH

Mehr lesen über

Zur Ausgabe
Artikel 73 / 112
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.