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Arsch beiseite

Mit vereinten Kräften hat sich das Team Deutsche Telekom gegen das Thema Doping zur Wehr gesetzt. Jan Ullrichs Einbruch kam wie gerufen.
aus DER SPIEGEL 32/1998

Nach 149 Kilometern im Vierteltempo rollt Jan Ullrich auf eine Problemzone zu: den Zielstrich in Aixles-Bains. Als habe er einen Elektroschalter an seinem Lenker umgelegt, öffnet sich für Ullrich eine Gasse durch den Wall von Menschen; einen halben Kilometer lang und einen halben Meter breit. Erst vor dem Mannschaftsbus steigt er vom Rad. Zuvor entledigt sich Ullrich seiner Rennutensilien: Handschuhe, Kappe, Wasserflasche.

Der deutsche Held mag nicht mehr. Es ist zum Heulen: Der Italiener Pantani ist diesmal besser, und die Welt drum herum auch nicht mehr, wie sie vor einem Jahr noch war. »Was soll denn der Sport noch«, mault Ullrich und wischt sich den Schweiß von der Stirn, »wenn die Sportler alle abgeführt werden?«

Vom besudelten Image der Radsportler abzulenken lag Mitte der letzten Tour-Woche ohnehin im Zuständigkeitsbereich des Teams Deutsche Telekom - denn über Nacht war Ullrichs Ko-Käpt'n Bjarne Riis zur Stimme der Bummelstreiker ernannt worden. Und der verfügte gleich im Namen aller Kollegen: »Keine Fragen mehr zum Thema Doping.«

So könnte es eigentlich auch im Telekom-Hausbrauch formuliert sein. Denn ganz oben auf der internen Doping-Liste der Bonner Funker steht der Begriff Doping, Schmuddel ist Sache der anderen und damit auch deren Problem: Beim deutschen Rennstall macht sich verdächtig, wer über die Verwandtschaft von Pedalen und Ampullen öffentlich nachdenkt.

Selbst den Obersten des Kommunikationsmultis entglitt bei dem Thema gelegentlich die Sprache. Jürgen Kindervater beispielsweise, diensthöchster Öffentlichkeitsarbeiter des Konzerns, trat in den schweren Tagen von Frankreich gern als Presse-Kritiker auf. Die »Süddeutsche Zeitung« hatte den vergleichsweise harmlosen Sachverhalt berichtet, daß Walter Godefroot, Sportlicher Leiter beim Team Telekom, seit 20 Jahren mit dem inhaftierten Festina-Masseur Willy Voet befreundet ist. Kindervater verbreitete daraufhin, dies sei »eine Lüge«. Dabei hatte Godefroot sein Verhältnis zu Voet bei einer offiziellen Pressekonferenz selbst kundgetan.

Den Emissär der »Berliner Zeitung« sprach Kindervater sehr direkt an: »Schieben Sie Ihren Arsch beiseite, Sie Lügner!« Der Reporter hatte sich erlaubt, eine Medikamenten-Episode mit Telekom-Sprinter Erik Zabel aus dem Jahr 1994 zu erwähnen und dabei irrtümlich behauptet, als Konsequenz daraus sei der Sprinter damals gesperrt worden.

Auch Zabel zeigte sich in der Wortwahl nicht gerade zimperlich. Er nannte den Sportredakteur einen »Kinderschänder« und »einen derjenigen, die die Tour de France kaputtschreiben«.

Wer macht wen kaputt? Als Zabel von der Verhaftung des Festina-Fahrers Alex Zülle erfuhr, legte er so etwas wie eine Ehrenerklärung für den Schweizer ab: Er kenne Zülle schon so lange, »ich kann mir nicht vorstellen, daß der irgend etwas genommen haben soll«.

Als Zülle später gestand, daß er sich regelmäßig das verbotene Erythropoietin (Epo) gegönnt habe, war Zabel froh, daß er seinen Exkurs mit einem kleinen Nebensatz beendet hatte: »Ins Feuer legen« würde er seine Hände »natürlich nur für mich und meinen Zimmergenossen«.

Also strenggenommen nicht einmal für Ullrich. Der teilte sich während der Tour de France mit dem Kollegen Jens Heppner die Hotelzimmer und betrieb Aufklärung über seine Eßgewohnheiten in Zeitungskolumnen. Nach der Galibier-Etappe habe er »zwei riesige Teller Müsli verputzt«, danach »sah ich fast wieder aus wie neu«.

Acht Minuten und 57 Sekunden hatte Ullrich an diesem Tag beim Anstieg nach Les-Deux-Alpes auf Pantani eingebüßt. Die Augen quollen ihm zu vor Anstrengung, und zum erstenmal in seiner Karriere war er verwundbar.

Es war eine Niederlage, die wie gerufen kam. Ullrichs Leiden habe ihn »menschlicher gemacht«, fand sein Manager Wolfgang Strohband, »auch für die Sponsoren«. Gewinnen solle der deutsche Held ohnehin besser erst wieder nächstes Jahr, wenn Gras über den ganzen Schweinkram gewachsen sei.

»Denn wer in Paris in diesem Jahr das Gelbe Trikot überzieht«, sagt Strohband, »der ist doch für alle der König der Gedopten.«

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