Neues Wettkampfkonzept aus den USA Teamsport ohne Team

Ein US-Start-up will Rand- und Frauensportarten mehr Aufmerksamkeit verschaffen - mit einem radikalen Ansatz: keine festen Teams, keine Trainer, aber viel Mitbestimmung. Könnte das auch in Deutschland funktionieren?
Spielerin Kamalani Dung tritt in Illinois beim Turnier von Athletes Unlimited an: "Das ist die Zukunft"

Spielerin Kamalani Dung tritt in Illinois beim Turnier von Athletes Unlimited an: "Das ist die Zukunft"

Foto: Quinn Harris / Getty Images

Eigentlich müsste Softball eine richtig große Nummer in den USA sein. Mehr als 1100 Hochschulen betreiben ein Softball-Programm, es ist eine der beliebtesten Breitensportarten des Landes. Die Regeln ähneln denen beim Baseball, Softball wird fast ausschließlich von Frauen gespielt. Doch während die männliche Profi-Baseballliga MLB trotz einiger Probleme immer noch sehr beliebt ist und kommerziell erfolgreich ist, tun sich die Softballspielerinnen im Profibereich schwer. Es gibt wenig Aufmerksamkeit.

Das amerikanische Unternehmen Athletes Unlimited will das jetzt ändern - und verfolgt dafür einen radikalen Ansatz.

Für die Zeit, in der die Athletinnen in ihren Stammvereinen spielfrei haben, hat das Start-up ein Turnier entworfen. Sechs Wochen lang wird gespielt, ohne Trainer, mehrere Spiele pro Woche an einem festen Ort. Man muss sich das vorstellen wie bei einer Weltmeisterschaft. Die gravierendste Änderung aber lautet: Es gibt keine festen Teams.

Kann das funktionieren?

Die jeweils vier besten Spielerinnen der Woche stellen sich selbst das Team zusammen. Hier zu sehen: Janie Reed (l.) und Victoria Hayward

Die jeweils vier besten Spielerinnen der Woche stellen sich selbst das Team zusammen. Hier zu sehen: Janie Reed (l.) und Victoria Hayward

Foto: Quinn Harris / Getty Images

Seit Ende August und noch bis Dienstag spielen in Rosemont, Illinois, 56 der besten Softballerinnen der Welt gegeneinander. Nicht in festen Mannschaften, sondern jede Woche in einer neuen Konstellation. In welcher genau, das entscheiden die Athletinnen selbst.

Die jeweils vier besten von ihnen aus der Vorwoche wählen sich ihr Team zusammen. Es gibt Punkte für den Teamerfolg, aber auch für die individuelle Leistung. Die Spielerinnen dürfen, wie auch die Zuschauer, abstimmen und mitentscheiden, wer zu den je drei besten Spielerinnen gehört. Drei Partien bestreiten die Teams dann im Modus "Jeder gegen Jeden", dann wird neu gewählt.

Etwas verwirrend? "Nein", sagt zumindest die kanadische Softballerin Victoria Hayward dem SPIEGEL. Die Nationalspielerin ist einer der Stars der Szene und spielt eigentlich beim Klub Canadian Wild of Southern Illinois. Über das neue Wettkampf-Konzept aber sagt sie: "Das ist die Zukunft." Zumindest für Randsportarten wie Softball, die ansonsten nie die Aufmerksamkeit bekämen, die sie Hayward zufolge verdienen.

Frauensportarten sollen größere Plattform bekommen

Jon Patricoff ist einer der Gründer von Athletes Unlimited. Ihm und seinem Geschäftspartner Jonathan Soros gehe es darum, Rand- und Frauensportarten eine größere Plattform zu geben. Dafür brauche man eben neue Formate. "In den alten Strukturen kann es keinen Wandel geben", sagt Patricoff dem SPIEGEL. Dieser sei aber nötig. "Wir sehen im Frauensport und in den Randsportarten großes Wachstumspotenzial", sagt Patricoff.

Herausgekommen ist ein Konzept, dass eine neue Gruppe von Sportinteressierten erschließen soll. "Fans interessieren sich immer mehr für die individuellen Sportler", sagt Patricoff. Die regionale Verwurzelung würde dagegen unwichtiger werden. Und auch die Verknappung einer Saison auf wenige Wochen mache Athletes Unlimited attraktiv, so Patricoff.

Eine erzwungene Abkehr vom gewohnten Modus war zuletzt in der Fußball-Champions-League zu beobachten. Aufgrund der Pandemie mussten die Partien ab der Mitte der Achtelfinals in einem Finalturnier in Lissabon in kurzer Zeit austragen werden - und nicht wie gewohnt über mehrere Monate. Manche Beobachter empfanden das neue Konzept als attraktiver.

Spielerinnen beim Turnier in Illinois: "Die Liga ist aber genau um das Prinzip herum gebaut, das wir lieben: Teamsport."

Spielerinnen beim Turnier in Illinois: "Die Liga ist aber genau um das Prinzip herum gebaut, das wir lieben: Teamsport."

Foto: Quinn Harris / Getty Images

Patricoff glaubt zudem, dass seine Liga dazu beitragen kann, die Rolle der Sportlerinnen zu stärken. Die Spielerinnen sollen in den Entwicklungsprozess der Liga einbezogen werden und mithelfen, das Format zu verbessern. Angst, bei Kritik entlassen zu werden, müssen die Athletinnen nicht haben. Entlassungen oder sogenannte Trades, also Wechsel, die in den traditionellen US-Ligen in der Regel ohne Zustimmung der Profis vorkommen, sind nicht vorgesehen.

Auch finanziell soll sich das Engagement lohnen. Die Spielerinnen bekommen ein Mindestgehalt von 10.000 Dollar für die sechs Wochen des Turniers - viele bekommen mehr.

Wo bleibt der Teamgedanke?

Dennoch wirft das Konzept Fragen auf: Wo bleibt der Teamgedanke, wenn die Spielerinnen nach individuellen Maßstäben bewertet werden? Werden nicht die besten Spielerinnen noch bekannter, während die schwächeren untergehen?

"Wenn man zum ersten Mal von der Liga hört, denkt man, das ist sehr individuell", sagt Softballerin Hayward, "die Liga ist aber genau um das Prinzip herum gebaut, das wir lieben: Teamsport." Denn ohne Teamerfolg habe man keine Chance, zu den besten Spielerinnen zu gehören.

Eine wichtige Voraussetzung ist die Zustimmung der Stammklubs. In den USA ist es nicht ungewöhnlich, dass Sportlerinnen in der spielfreien Zeit für ein anderes Team auflaufen - häufig aus finanziellen Gründen. Die deutsche Basketballerin Satou Sabally von den Dallas Wings beispielsweise spielt in der spielfreien Zeit der Profiliga WNBA für den türkischen Spitzenklub Fenerbahce Istanbul .

In Deutschland ist ein solches Vorgehen unüblich. Unter anderem deshalb, weil viele Spitzenspielerinnen in Randsportarten nicht von ihrer Sportart leben können, sondern noch einem anderen Beruf nachgehen.

Die Vereinsstruktur in Deutschland ist anders 

Und es gibt womöglich einen weiteren Grund, warum ein solches Konzept in Deutschland nicht funktionieren könnte: "In traditionellen Fankreisen wird das verpönt sein", sagt Fanforscher Harald Lange von der Universität Würzburg dem SPIEGEL. Die Vereinsstruktur in Europa sei mit der in den USA nicht zu vergleichen, vor allem in Deutschland herrsche ein sehr traditionelles Vereinsbild vor. In Amerika handelt es sich oft um reine Wirtschaftsunternehmen, die auch mal aus monetären Interessen den Standort wechseln. In Deutschland dagegen sind Klubs oft tief in ihrem sozialen Umfeld verwurzelt.

Trotz der Unterschiede glaubt Lange, dass ein solches Format grundsätzlich auch den Randsportarten hierzulande helfen könnte. Man könne sich eine neue Basis aufbauen, die eventorientierter denkt und Sport über Streamingportale konsumiert, glaubt der Fanforscher. Eines sei aber wichtig. "Man muss die Fans ernst nehmen", sagt Lange.

Die ersten Wochen verliefen gut für das Pilotprojekt in den USA. Athletes Unlimited hat mit CBS und ESPN TV-Verträge geschlossen. Auch Sportgrößen wie NBA-Star Kevin Durant oder die Ex-Weltfußballerin Amy Wambach unterstützen die Athletinnen. In Workshops geben sie ihnen beispielsweise Tipps, wie man sich als Marke etabliert.

Das Softball-Turnier endet am Dienstag. Aber Athletes Unlimited hat schon das nächste Projekt geplant: ein Frauenvolleyball-Turnier. Aufschlag ist im Februar 2021, nach eigenen Angaben mit 48 der besten Spielerinnen der Welt. Danach, sagt Patricoff, sei es für viele andere Randsportarten denkbar.

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