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Reiten AUF ALTEN PFADEN

Reflex war ein talentiertes Springpferd, das fette Siegprämien versprach. Daß es eine chronische Erkrankung hat, störte Nationalreiter Ludger Beerbaum nicht. Exemplarisch zeigt der Fall, wohin die ökonomischen Zwänge des Turniersports führen. Die Aufzüchter des Wallachs haben gegen den Olympiasieger Anzeige erstattet.
aus DER SPIEGEL 31/1994

Ludger Beerbaum hat Großes vor. Im münsterländischen Riesenbeck, verkündete der Olympiasieger vorige Woche stolz, werde er seinen »eigenen Stall aufbauen«. Nur Geld fehlt dem Springreiter, der vor Jahren sein Studium der Betriebswirtschaft abbrach, um sich ganz den Vierbeinern zu widmen, noch zur Umsetzung seiner ehrgeizigen Pläne. Deshalb, betonte er forsch, sei es notwendig, »neue Wege der Vermarktung« zu finden.

Wunschdenken?

Bislang bewegt sich der Reitersmann bei seinen Geschäften offenbar auf jenen alten Pfaden, die das Image des Springreitens beschädigt und Werbepartner vertrieben haben. Der Staatsanwaltschaft in Münster liegt gegen Beerbaum eine Anzeige wegen »Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz« (Geschäftsnummer 48JS371-94) vor. Über Monate soll er einem kranken Pferd Schmerzmittel verabreicht haben, um es für Turniere zu präparieren.

Der Fall des bislang als Saubermann geltenden Ludger Beerbaum wirft erneut ein Schlaglicht auf die Praktiken im Reitsport. War es vor Jahren das unerlaubte Barren in Paul Schockemöhles Pferdefabrik, so ist es diesmal der Einsatz der Chemie, der Tierschützer mobilisiert.

Einmal mehr zeigt sich, daß die Springreiter ihre Vierbeiner als Ware betrachten und deren Wohlergehen den merkantilen Interessen unterordnen. Jedes Mittel scheint recht, um die Tiere wie beliebig belastbare Sportgeräte einzusetzen.

Beerbaum ist kein Sohn aus reichem Hause. Seine Karriere war nur möglich, weil er Förderer an seiner Seite hatte, die ihm Weltklassepferde zuführten. Fünf Jahre lang ritt er für den Mühlener Pferdegroßhändler Paul Schockemöhle, gewann 1988 in Seoul mit der deutschen Equipe olympisches Gold.

Ein Jahr später mußte Beerbaum seinen Arbeitgeber verlassen. Der stellungslose Niedersachse war froh, in dem Fleischfabrikanten Alexander Moksel einen Gönner zu finden. Unter Beerbaums Führung avancierte Moksels Stall zur besten Adresse; 1992 wurde der Chefreiter in Barcelona erneut Olympiasieger, diesmal im Einzelwettbewerb.

Anfang 1993 wird Beerbaum ein sehr talentiertes Pferd namens Reflex angeboten. Moksel zahlt 40 000 Mark an, weitere Raten sollen in den beiden nächsten Jahren folgen: die Hälfte des in dieser Zeit gewonnenen Preisgeldes, mindestens aber 30 000 Mark pro Jahr.

Für die Vorbesitzerin, eine Züchterin aus dem oberpfälzischen Zell, bedeutet der Verkauf den ersten Kontakt mit der großen Turnierwelt. Weil Angela Schönbrunn sehr an ihrem Pferd hängt, sichert sie sich und ihrem Lebensgefährten Dietrich Denker ein ständiges Besuchsrecht. Außerdem soll Reflex laut Kaufvertrag zum Schlachtpreis zurückgehen, sobald der Wallach nicht mehr zum Springreiten verwendet werden kann.

Wie bei den meisten Veräußerungen dieser Preisklasse wird das Tier röntgenologisch untersucht. Die Aufnahmen zeigen eine degenerativ veränderte Hufrolle, die zu Lahmheit führen kann. Die Züchter sehen den Handel schon platzen, da beruhigt Beerbaum sie: Das komme schon mal vor, bei entsprechender Behandlung werde Turniersiegen »nichts im Wege stehen«.

Und in der Tat springt Reflex in Donaueschingen, Bremen, Düsseldorf und Genf zuverlässig ins Preisgeld. In Berlin wird er als drittbestes Pferd seines Jahrgangs ausgezeichnet. Doch dann bahnt sich Unheil an: Der Fleischunternehmer Moksel verkauft seine Firmenanteile an den Konkurrenten März; die Pferde sollen veräußert werden.

Besorgt um das Wohl von Reflex reisen Schönbrunn und Denker nach Buchloe. Beerbaum schlägt vor, den Wallach unter seine persönliche Obhut zu nehmen. Allerdings müsse das Finanzielle neu geregelt werden, denn »ab sofort« müsse sich jedes Pferd rechnen - und Reflex sei wegen der hohen Tierarztkosten nicht rentabel.

Beerbaums Äußerung trifft Angela Schönbrunn »wie ein Keulenschlag«. Warum, fragt sie, muß ein Turnierpferd permanent behandelt werden? Aus der Antwort wird sie erstmals gewahr, mit welchen Bandagen die Reit-Branche arbeitet. Reflex sei nur einzusetzen, wenn Schmerzmittel eingesetzt würden, und darin liege neuerdings das ökonomische Dilemma.

Seit 1. Januar 1994 darf Butazolidin, das gängigste Mittel im Pferdegeschäft, bei Turnieren nicht mehr benutzt werden. Deshalb, so Beerbaum, könne er Reflex nicht mehr so häufig einsetzen - die anfangs erwarteten Preisgelder von bis zu 100 000 Mark im Jahr seien nicht mehr zu erzielen.

Mitte Mai teilt Beerbaum Angela Schönbrunn mit, daß er Reflex ins Ausland verkaufen werde - die Vertragsklauseln wie Besuchsrecht, Rückgabeauflage und Gewinngeldbeteiligung seien damit hinfällig. Die Züchterin will Reflex zurücknehmen, um ihm das Gnadenbrot zu geben. Hier gehen die Erinnerungen auseinander: Denker behauptet, daß Beerbaum die erste Kaufrate von 40 000 Mark zurückverlangt habe. Beerbaum sagt heute, daß er Reflex gratis abgeben wollte.

Entsetzt über die Usancen im Pferdehandel strengt Angela Schönbrunn einen Rechtsstreit an. Beerbaum-Anwalt Reiner Klimke, selbst sechsmaliger Dressur-Olympiasieger, kontert Ende Mai in einem Brief von entlarvender Offenheit: _____« Wie Ihnen vielleicht bekannt ist, bestand in der » _____« Vergangenheit die Möglichkeit, den gesundheitlichen » _____« Mangel des Pferdes Reflex durch Verabreichung von » _____« Butazolidin soweit auszugleichen, daß das Pferd » _____« schmerzfrei im Turniersport eingesetzt werden konnte. »

Klimke rechtfertigt den Verkauf mit den geänderten Dopingbestimmungen. Daß Reflex jedoch noch im Frühjahr - nach Inkrafttreten des Butazolidin-Verbotes - in Bologna, Aachen, Zürich, Caen und Steinhagen geritten wurde, läßt für Angela Schönbrunn nur den Schluß zu: »Entweder ist Reflex unter Schmerzen gesprungen, oder er war gedopt.« Ihr Lebensgefährte Denker zeigt Beerbaum bei der Staatsanwaltschaft in Münster an und informiert den Deutschen Tierschutzbund.

Dort weiß man um den rücksichtslosen Umgang mit der Kreatur, indes fehlt die Handhabe. Seitdem die Diskussion um das Barren der Pferde ohne Konsequenzen blieb, hat der Tierschutzbund aufgegeben, »gegen das Springreiter-Kartell« vorzugehen.

Regelmäßig werden Spitzenreiter des Dopings überführt. Das Pferd von Europameister Eric Navet aus Frankreich hatte den Schmerzhemmer Cortison im Blut. Die Kontrolleure erwischten den Briten Nick Skelton ebenso wie den Emsbürener Rene Tebbel. Tiere des Holsteiners Tjark Nagel fielen innerhalb fünf Jahren gleich viermal bei Dopingkontrollen auf.

Die milden Strafen der ertappten Reiter - Geldstrafen oder ein Monat Sperre sind ein übliches Maß - stehen in keinem Verhältnis zu den Verdienstmöglichkeiten, die gedopte Pferde bieten. Die Verlockung angesichts fünfstelliger Prämien ist zu groß. »Die totale Kommerzialisierung«, urteilt der Bochumer Tierarzt Peter Cronau, Chef-Veterinär des Reiter-Weltverbandes, habe die Pferde zu reinen Arbeitsgeräten verkommen lassen. Verletzte Tiere werden an den Start gebracht, sogar untalentierte Rösser über Hindernisse getrieben.

Auch für Reflex findet Beerbaum eine Möglichkeit zur sportlichen Endverwertung. Thomas Fuchs, ein Nationalreiter und Pferdehändler aus der Schweiz, vermittelt den Wallach an Hans Ruchti nach Ersigen bei Bern.

Als Schönbrunn und Denker von dem Verkauf erfahren, stellen sie Beerbaum zur Rede. Doch der Jungunternehmer kann an seinem Geschäft nichts Ehrenrühriges finden. »Ausdrücklich« habe er den Käufer auf den »gesundheitlichen Mangel« des inzwischen sichtbar unter dem Hufrolle-Schaden leidenden Reflex hingewiesen.

Außerdem, so versucht Anwalt Klimke die aufgebrachten Züchter zu beruhigen, »mag es durchaus möglich sein«, daß in der Schweiz andere Dopingregeln gälten, so daß Reflex mit Schmerzmitteln an »dortigen nationalen Springen teilnehmen kann«. In Ersigen erfährt Denker, daß Beerbaums Angaben offenbar Ausflüchte sind: Ruchti will nichts von der geschädigten Hufrolle wissen. Und Butazolidin stehe in der Schweiz seit Jahren auf der Dopingliste.

Die Möglichkeiten, einen kranken Gaul kurzfristig fit zu machen, sind vielfältig: Ein Dauerhuster ist mit Cortison-Spritzen für sechs Wochen beschwerdefrei; ein nervöses Pferd wird mit Beruhigungsmitteln sanft gestimmt. »Ich habe einen Kofferraum voller Medikamente«, behauptet der belgische Veterinär Leo De Backer, »die keiner nachweisen kann.« Pferdehandel, sagt Cronau, »ist wie Gebrauchtwagenhandel«.

Die größte Messe findet in dieser Woche bei den Weltreiterspielen in Den Haag statt. Stallbesitzer, Züchter und Reiter gieren nach Titeln und Plazierungen, um sich für den Pferdehandel einen Namen zu machen.

Auch Hans Ruchti vertraute dem guten Ruf von Beerbaum ("Den Ludger kenne ich gut") und Fuchs ("Mit Thomas bin ich befreundet"). Daß er beim Kauf von Reflex übervorteilt wurde, mag er nicht glauben. Zwar sei das Pferd »nicht hundertprozentig fit«, doch Woche für Woche gehe er mit ihm erfolgreich auf Turniere. Ruchti: »Mit dem habe ich noch viel im Sinn.« Y

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