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Kindermißbrauch AUF BIEGEN UND BRECHEN

Eine Eiskunstläuferin, die ihren Trainer wegen sexueller Belästigung angezeigt hat, brachte ein Tabuthema wieder ins Bewußtsein: die körperlichen und seelischen Qualen der Kinder in den Trainingshallen. Soldatischer Drill, Schläge und Zwangshungern gehören zum Alltag - zu sexuellen Übergriffen ist es nur ein kleiner Schritt.
aus DER SPIEGEL 43/1994

Gleich nach dem Fall der Mauer bediente sich der Turnverband Mittelrhein für seinen Leistungsstützpunkt Koblenz aus dem Erbe des Sport-Wunderlandes DDR. Ralf Blömeke, 38, hatte der Verbandsführung mächtig imponiert.

Der Trainer aus Halle, so glaubten die Westdeutschen, sei ein Garant für sportliche Triumphe auch in der Provinz an Rhein und Mosel. Doch schon bald erhielten die Funktionäre unangenehme Informationen über den blonden Schnauzbart aus Sachsen-Anhalt.

Die Turnwartin Astrid Kurz berichtete ihrem Vorstand, Blömeke suche »über die Arbeit am Gerät hinaus körperlichen Kontakt« zu den Mädchen. Detailliert schilderte sie, wie Blömeke die 10- bis 15jährigen Sportlerinnen gegen deren Willen auf den Schoß nehme, sie küsse und sie im Schambereich berühre.

Geblendet von den Vorschußlorbeeren für den Turnexperten reagierten die Vorstandsherren, angeführt vom Bürgermeister von Boppard und dem Finanzminister von Rheinland-Pfalz, auf ihre Art: Sie drohten der Turnwartin mit einer einstweiligen Verfügung auf Unterlassung ihrer Äußerungen und forderten sie auf, »umgehend vom Amt zurückzutreten«. Blömeke aber boten sie an, seinen Vertrag zu verlängern.

Was Bürgermeister Wolfgang Gipp und Finanzminister Gernot Mittler (beide SPD) in einer großen Koalition der Sportkameraden nach zahlreichen Beratungen unter den Teppich kehren wollten, wurde schließlich durch die Anzeige einer couragierten Mutter öffentlich.

Die ganze Wahrheit war noch bedrückender: Der Trainer hatte die Nachwuchsturnerinnen nicht nur geküßt und betatscht. Bei Hilfestellungen während des Trainings hatte er unter den Turnanzügen hindurch in die Scheide der Mädchen gegriffen und sich zudem während eines auswärtigen Wettkampfes zu einer Sportlerin ins Bett gelegt.

In der Untersuchungshaft legte der Trainer schließlich, so die Staatsanwaltschaft, ein »weitgehendes Geständnis« ab. Wegen sexuellen Mißbrauchs von sechs Mädchen, darunter fünf unter 14 Jahren, wurde Blömeke im August zu einer Gefängnisstrafe von zwei Jahren auf Bewährung verurteilt.

Der Fall Blömeke ist der schwerste bisher bekannt gewordene Kindesmißbrauch in Deutschlands Sporthallen. Und treffen die Vorwürfe der Stuttgarter Eiskunstläuferin Nadine Pflaum, 17, zu, die vor fünf Wochen in einer Anzeige bei der Staatsanwaltschaft ihren Trainer Karel Fajfr ähnlicher Delikte beschuldigte, hätte der deutsche Sport schon seinen zweiten Skandal innerhalb kürzester Zeit. Auch in Stuttgart haben die Verantwortlichen lange geschwiegen - und damit die körperlichen und seelischen Qualen der jungen Athletin vielleicht mitverschuldet.

Derartige Verfehlungen werden von den Funktionären gern als Einzelfälle verharmlost, die kaum zu verhindern seien - als gerieten labile Trainer quasi über Nacht schuldlos ins Zwielicht.

Doch die Schmuddelgeschichten sind nur die gravierendsten Auswüchse eines Trainingszwangs, dem Kinder bewußt und mit System ausgesetzt werden; nach wie vor betrachten einige Verbandsführer - im stillschweigenden Einverständnis mit den ehrgeizigen Eltern - die minderjährigen Talente als Material für die Medaillenproduktion.

Psychischer Druck, harscher Befehlston, Schläge und ein gesundheitsgefährdender Drill führen nicht nur zu einer Ausbeutung der Kinder. In dem hitzigen Klima von Macht und Unterwerfung, von pädagogischem Eros und Angst ist es von der alltäglichen Gewalt gegen Kinder zur sexuellen Belästigung oder zum strafrechtlich relevanten Mißbrauch Minderjähriger oft nur ein letzter kleiner Schritt.

Weil sich der Schutz des Kindes nicht nur sportlichen Erfolgen, sondern auch nationalen und finanziellen Interessen unterzuordnen hat, ist Kinderarbeit in Trainingshallen präsenter denn je. Im Kinderhochleistungssport, sagt der Bochumer Pädagogikprofessor Edgar Beckers, »spiegelt sich unser Wachstumsdenken in pervertierter Form wider«.

Die immer schärfer werdende internationale Konkurrenz wirkt bis in die Verästelungen der kleinen Leistungszentren. Nur wer früh getrimmt wird, so die Lehrmeinung vieler, hat heute noch Chancen, an die Spitze zu kommen. In Sportarten wie Turnen, Eiskunstlaufen oder der rhythmischen Sportgymnastik lassen die offiziellen Bewertungsnormen beinahe ausschließlich geklonte Zwerge als Sieger zu.

Den qua Regelwerk verlangten Zugriff auf die Gesundheit junger Athleten hält Walter Bärsch, der ehemalige Vorsitzende des Kinderschutzbundes, für »brutal": Kinder würden »immer mehr zu Objekten menschenfeindlicher Interessen«.

Die Lobby der Kleinen hat keine Chance. In Stuttgart warnte der Kinderschutzbund vergebens, daß Methoden, die an den Bundeswehrskandal um den »Schleifer von Nagold« gemahnten, »keine Basis für den Hochleistungssport der Zukunft sein dürfen«.

Und wenn sich die geschundenen Kinder in die Öffentlichkeit trauen, endet eher ihre Karriere als die Gewalt. Als die zwölfjährige Nicole im Koblenzer Leistungszentrum die unsittlichen Berührungen ihres Landestrainers Blömeke nicht mehr ertragen konnte, offenbarte sie sich nach langem Zögern ihrer Mutter.

Mehrmals beschwerten sich Nicoles Eltern beim Geschäftsführer des Turnverbandes Mittelrhein. »Der hat nur erklärt, wir würden uns das einbilden«, sagt Nicoles Mutter: »Und dann ist er auch noch frech geworden.«

Nicoles Turngruppe zog sich geschlossen aus dem Leistungszentrum zurück. Turnwartin Astrid Kurz, die als erste vor Blömeke gewarnt hatte, verlor nicht nur ihren Posten; ihr Heimatklub TV 08 Baumbach wurde in Sippenhaft genommen. Alle Übungsleiter erhielten Hausverbot, das selbst nach der Verurteilung des Trainers bestehenblieb.

Auch in Stuttgart akzeptierten die Funktionäre den soldatischen Drill Fajfrs als selbstverständlich. Obwohl bekannt war, daß der gebürtige Tscheche schon mal den Eiskunstläufer Daniel Weiss geohrfeigt, die Paarläuferin Tina Riegel öffentlich über Schläge und wüste Beschimpfungen geklagt und der Trainerkollege Friedrich Juricek die »menschenverachtenden Trainingsmethoden des Kollegen Fajfr« angeprangert hatte, durfte der Mann weiter Kinder trainieren - Hauptsache, die Erfolgsbilanz stimmte.

Fajfr wurde erst suspendiert, als jetzt Nadine Pflaum vor der Polizei schilderte, daß der Trainer generell dazu neige, bei Sportlerinnen unterm T-Shirt oder in der Hose zu fummeln. »Du mußt mal wieder ordentlich durchgebumst werden, damit der Sprung hinhaut«, habe der Trainer schon mal durch die Eishalle gebrüllt, ergänzte ihre Ex-Kollegin Henriette Wörner. Fajfr, der sich »absolut unschuldig« fühlt, sieht sich indes als Opfer einer Rufmordkampagne.

Was alles im Mikrokosmos des Stuttgarter Leistungszentrums möglich gewesen sein soll, beschreibt die ehemalige Paarläuferin Patricia J. (siehe Seite 253) als eine über Jahre dauernde Tortur. Ihre Behauptungen, die Fajfr alle abstreitet, werden derzeit von der Kriminalpolizei, die gegen den Trainer ermittelt, überprüft.

Als die Stuttgarter Vorwürfe publik wurden, reagierte der Präsident der Deutschen Eislauf-Union (DEU), Wolf-Dieter Montag, mit den üblichen Verteidigungsfloskeln: Er habe »in all den Jahren noch keine Klagen gehört«.

»Die Herren von der DEU«, behauptet dagegen Hans-Walter Essers, Pflegevater der geschlagenen Patricia J., seien von ihm exakt über »die Kindesmißhandlungen im Trainingsalltag« informiert worden. Doch niemand im Verband habe davon wissen wollen.

»Machtgeifernde und autoritäre Funktionäre, die Sport nur als Dressurakt ansehen«, macht auch der Kölner Eiskunstlaufdozent Sepp Schönmetzler für die Kinderausbeutung auf dem Eis verantwortlich.

In diesem Klima des stillen Einverständnisses blieben selbst Zudringlichkeiten eines Krefelder Eislauftrainers geheim und ohne Folgen. Mit Geschenken hatte sich der Mann zunächst bei seiner um 30 Jahre jüngeren Schülerin Daniela van Acken eingeschmeichelt. Im Trainingslager in Oberstdorf lud der Coach die damals 16jährige Eiskunstläuferin zum Spaziergang mit seinem Hund ein. Unter der Sprungschanze wurde er zudringlich; der Teenager konnte sich nur mühsam aus der Umklammerung befreien.

Daniela van Acken verlangte, fortan mit einer Trainerin weiterarbeiten zu dürfen. In zahlreichen internen Besprechungen versuchte Ruth Hütter, die Vorsitzende des EV Krefeld, die Affäre lautlos aus der Welt zu schaffen. Solche Verfehlungen, sagt die Funktionärin, »kommen doch 1000fach vor«; da dürfe man den »blühenden Phantasien der Mädchen« nicht allzusehr Glauben schenken.

Die Gefühle der Kinder werden dabei permanent vernachlässigt. Auch die Turnwartin Astrid Kurz mußte erfahren, daß nicht nur Funktionsträger, sondern sogar viele Eltern »von den Machenschaften des Trainers Blömeke gar nichts wissen wollten«.

Mit derartiger Ignoranz wurde in den letzten 20 Jahren jeder Versuch vereitelt, die Grenzen der Kinderarbeit im Sport festzulegen. Es scheint, als fürchteten Funktionäre und Eltern ein schlechtes Gewissen noch mehr als den Staatsanwalt. Rigorosität allein verspricht Erfolge. Denn sobald die hochleistenden Sportteenager nicht mehr benötigt werden, müssen sie ohne Rücksicht auf seelische Verwerfungen aussortiert werden.

Im Turnen wurden so ganze Generationen verschlissen. Nacheinander beendeten Yvonne Haug ("Warum frißt du soviel"), Brigitta Lehmann ("Ich bin denen zu fett") und Michaela Ustorf ("Ich fühle mich ausgenutzt") teils unter Tränen ihre Karrieren.

»Meine Kinder würde ich da nicht hinschicken«, hat Walter Wolpert bei seiner Arbeit als Arzt der deutschen Spitzenturnerinnen erkannt. Da die internationalen Normenvorgaben »menschenverachtend« seien, sagt der Chef einer Reha-Klinik in Bad Nauheim, würden die Kinder in allen Trainingshallen auf Biegen und Brechen für Spitzenleistungen getrimmt.

Kinder für eine spektakuläre Sportshow zu malträtieren, ist keine Frage von Ideologie oder Kultur. In China werden bereits Vierjährige zu Turmspringern ausgebildet. Nach jedem Sprung müssen sie von Betreuern aus dem Wasser gefischt werden, weil sie noch nicht schwimmen können. In Rumänien werden trotz des Wandels im Osten weiterhin Sportlerinnen, wie einst Nadia Comaneci, kaserniert, damit sie den Ruhm des Landes als Turnnation aufrechterhalten. Und im Westen hat man begierig Trainer angeheuert, die das harte Regiment verinnerlicht haben.

Beim TV Wattenscheid hat die Bundestrainerin Livia Medilanski nacheinander die deutschen Meisterinnen Carmen Rischer, Regina Weber, Diana Schmiemann und Marion Rothaar geformt - alle Gymnastinnen schieden letztlich im Streit, weil sie die Quälereien nicht länger ertrugen.

So wurde die verletzte Diana Schmiemann trotz eines ärztlichen Trainingsverbots immer wieder zu schmerzhaften Sprüngen gedrängt. Als sie bei den Olympischen Spielen in Seoul erkrankte, wurde sie von ihrer Trainerin beschieden: »Iß nichts, dann wird dir auch nicht schlecht.« Als Diana schließlich ihre Karriere beendete, tilgte sie jede Erinnerung: Sie ließ alle Pokale verschwinden.

Da die meisten Übungsteile in den Kindersportarten nur noch von Zwergen zu bewältigen sind, müssen die Kinder vor allem hungern. Trainingswissenschaftler haben exakte Normen errechnet, die eine optimale Ausführung der Bewegungen erlauben. Körpergewicht und Unterhautfettgewerbe werden ständig mit diesen Tabellen verglichen.

Wer die Norm nicht erfüllt, wird zum Hungern gezwungen oder rausgeworfen. Die deutsche Gymnastik-Meisterin Sandra Schöck erhielt im Leistungszentrum Schmiden sogar Hallenverbot: Statt der geforderten 49 Kilogramm brachte die 1,69 Meter große Sportlerin 55 Kilo auf die Waage.

Viel schlimmer als das Hungern aber, sagt ihre Trainingskollegin Michaela Ziegler, sei »das Wissen um die strenge Kontrolle, die Angst auslöst«. Der Blick der Trainerin über die Schulter, erzählt auch das neue deutsche Gymnastik-Sternchen Magdalena Brzeska, »ist ein Horror für mich«.

Die Angst vor dem Dickwerden zeitigt nicht selten psychische Langzeitschäden. Im Juli starb die US-Turnerin Christy Henrich an den Folgen der Magersucht. Auch in Deutschland, so der ehemalige Turnarzt Wolpert, seien bei Athleten Fälle von Magersucht aufgetreten. Ausgelöst wurden sie meist durch die Angst vor Trainern wie Karel Fajfr, der die Gewichtsprobleme seiner Schützlinge auf besonders rüde Weise zu lösen pflegte: »Geh aufs Klo und kotz die Pommes aus.«

Für Marianne Maier sind die zahlreichen Varianten der Gewalt gegen Kinder im Sport nicht überraschend. »Das Besondere ist nur, daß so etwas überhaupt an die Öffentlichkeit kommt«, sagt die ehemalige Eiskunstläuferin.

Viele Trainer seien schlichtweg »Ferkel«. Im Oberstdorfer Leistungszentrum hätte einer unter den Mädchen Pornohefte verteilt. Gängige Praxis der »alten Lustmolche und Spanner« sei es auch, ihre Trainerautorität zu Besuchen in den Umkleidekabinen der Mädchen zu nutzen und bei Kostümproben »an den Mädchen zu fummeln«. Bei diesen Gelegenheiten, so Marianne Maier, »holen sich die Männer in der Midlife-Krise ihre Frischfleischanregungen«.

Auch sie sei während ihrer aktiven Zeit von einem Trainer »einmal fast vergewaltigt worden«. Bis heute hat die Krefelderin darüber geschwiegen, weil es das Gesetz der Branche so verlangt. Sie wollte selbst Trainerin werden und fürchtet immer noch die Macht der DEU-Funktionäre: »Wenn ich auspacke, bin ich ruck, zuck untendurch.«

»Autoritäre Funktionäre sehen den Sport nur als Dressurakt an«

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