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Aufpassen beim Schwören

Den Kauf von Fußball-Siegen hielt Klubherr Wilhelm Pieper für das sicherste Mittel gegen den Abstieg. Als das Falschspiel aufflog, weigerte er sich zunächst, vor dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) auszusagen.
aus DER SPIEGEL 15/1972

Wenn ich vorm DFB rede, kommen zu viele Freunde in den Skandal hinein«, verriet Zeuge Wilhelm Pieper. Vor 14 Tagen hat er doch geredet.

Und obwohl er nicht sein ganzes Wissen über die größte Schiebungsaffäre im europäischen Fußball preisgab, wertete es DFB-Ankläger Dr. Hans Kindermann als »sehr ergiebig«. Weitere Klubs, Funktionäre und Spieler fürchten Anklagen vor dem Fußballgericht.

»Den Anstoß zu der ganzen Affäre haben aber nicht wir Bielefelder gegeben«, berichtete das ehemalige Vorstandsmitglied des vom DFB zum Rausschmiß aus der Bundesliga verurteilten Klubs Arminia Bielefeld, »sondern Leute von Schalke 04.«

Die »Verstrickung ohne eigenen Vorteil«, so Arminias inzwischen ebenfalls wie Pieper zurückgetretener Vorsitzender Wilhelm Stute, hatte Mitte April 1971 begonnen. Damals mußten die abstiegsbedrohten Bielefelder beim Spitzenklub und siebenmaligen deutschen Fußballmeister Schalke 04 antreten.

Damals sollen, laut Pieper, Schalkes Ehrenmitglieder und frühere Nationalspieler Ernst Kuzorra und Fritz Szepan alten Kameraden aus Bielefeld einen Wink gegeben haben, daß die »Schalker mit sich reden ließen«. Das wirkte glaubhaft, denn Schalke konnte weder Meister werden noch absteigen.

Die Bielefelder schickten ängstlich einen ihrer Spieler vor, der ein Jahr zuvor selbst noch bei Schalke 04 gekickt hatte: Waldemar Slomiany. Er wurde mit Schalkes Spielern einig. Vor dem Spiel brachte er 40 000 Mark aus der Bielefelder Klubkasse mit. In Anwesenheit von Pieper und Arminia-Vorstandsmitglied Franz Greif übergab er das Geld Schalkes Spieler Klaus Senger. Senger -- inzwischen wie Slomiany vom DFB gesperrt -- sollte es mit der Mannschaft teilen.

Schalkes Präsident Günther Siebert war Zeuge der Verhandlung gewesen und verließ die Runde mit dem Hinweis: »Das macht unter euch aus.« Doch er unterband die Manipulation nicht und unterließ es, den DFB -- pflichtgemäß -- zu unterrichten. Schalkes Schatzmeister Heinz Aldenhoven wohnte dem Schleichhandel um Meisterschaftspunkte bis zum Ende bei. Tatsächlich siegten die Bielefelder 1:0.

Und nun manipulierten sie weiter. Sie kauften 1:0-Siege über den VfB-Stuttgart und Hertha BSC. Ein Geschäft mit dem MSV Duisburg mißglückte. Dagegen ermunterten sie Braunschweigs Spieler zu einem Erfolg gegen den Abstiegskonkurrenten Rot-Weiß Oberhausen.

Nichts von den Falschspielen wäre aufgedeckt worden, wenn nicht gegen Ende der Saison der Präsident der Offenbacher Kickers, Horst-Gregorio Canellas, die Machenschaften in der Bundesliga, teilweise mit Tonbandaufnahmen anbietender Spieler, enthüllt hätte.

Weil die Bielefelder jedoch lange leugneten und der DFB zunächst wenig Lust verspürt hatte, den kriminellen Verfilzungen in seiner höchsten Spielklasse nachzuspüren, vermochten sich die ungetreuen Funktionäre und Spieler zu tarnen. Doch jetzt entschloß sich Pieper, der zunächst das Sportgericht für »suspekt« ansah und sich mit seinem Austritt aus dem Verband jeglicher DFB-Verfolgung entzog, auszupacken.

»Auf Pieper ist Verlaß«, frohlockten noch unlängst die auf Dauer für Fußballspiele gesperrten Hertha-Kicker Zoltan Varga und László Gergely ob der Verschwiegenheit des Falschspiel-Partners. »Wir müssen nur aufpassen, daß es nicht zum Schwören kommt.«

Die Bereitschaft zum Schwur suchte Hertha BSC durch Rückzahlung der Manipulationsgelder zu beseitigen. So sollen Pieper 130 000 und Vorstandsmitglied Greif 20 000 Mark von den insgesamt 250 000 Mark, die Arminia an Hertha-Kicker gezahlt hatte, zurückbekommen haben.

Piepers Piepen und verminderte Einnahmen brachten Hertha so in die Klemme, daß der Klub im Februar und März nicht die Spielergehälter aufzubringen vermochte. Hertha-Trainer Helmut Kronsbein, künftig als Technischer Direktor vorgesehen, beschaffte binnen Stunden und ohne Sicherheit einmal 150 000 und dann 500 000 Mark.

Dieses Geld soll ein Mäzen geliehen haben. Zweimal je 300 000 Mark hatte auch schon Großverleger Axel Springer dem Klub für Spielerkäufe überlassen. Nicht zuletzt davon wurden die Ankäufe des ungarischen Nationalspielers Varga und des rumänischen Nationalspielers Gergely finanziert. Das Fußball-Engagement des Frontstadt-Förderers ("Macht das Tor auf") entsprang seiner Sorge, daß »Berlin in der Bundesliga nicht abseits stehen darf«.

Doch nicht nur in West-Berlin und Schalke sind Piepers Mitteilungen gefürchtet. Auch in Duisburg, Frankfurt und vor allem in Oberhausen wäre sein Schweigen weiter Gold wert.

»Erst als der DFB Herrn Pieper eine faire Behandlung zugesichert hatte, riet ich ihm, auch dort auszusagen«, begründete Pieper-Anwalt Dr. Karl Lamker das gesammelte Schweigen seines Mandanten. Freilich erhoffen sich auch Piepers Nachfolger im Arminia-Vorstand von seinen Aussagen Entlastung.

Ihnen verlautbarte Pieper, was er dem Fußball-Bund noch nicht anvertraut hat: »Auch im DFB-Vorstand gibt es Herren. die mitgemischt haben.« Das wußten offensichtlich auch schon die Fans. Einmal hing ein Schild am DFB-Portal: »Deutscher Schieber-Bund«.

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