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TENNIS Aufs Kreuz gelegt

Das Daviscup-Halbfinale gegen die USA beschert dem Deutschen Tennis Bund Millionengewinne. Als Preis dafür unterwirft er sich zunehmend seinem Chefvermarkter Ion Tiriac.
aus DER SPIEGEL 29/1989

Der Münchner Delikatessenhändler Hermann Haberl liefert seine kulinarischen Köstlichkeiten in dieser Woche gleich palettenweise. 8000 Flaschen Champagner, drei Kilogramm Kaviar und 3000 Hummer, so hat der Gastronom hochgerechnet, müßten ausreichen, um den Ansprüchen eines erlesenen Publikums gerecht zu werden.

Den verwöhnten Tennisfans zuliebe, die vom Freitag an das Daviscup-Halbfinale zwischen der Bundesrepublik und den Vereinigten Staaten miterleben möchten, wurde das Fassungsvermögen der Olympiahalle von 14 500 auf 12 000 Plätze reduziert. So entstanden 86 komfortable Logen mit insgesamt 892 Sitzen. Draußen im Park stehen zudem sechs weiße VIP-Zelte, in denen sich der Gast zwischen den Ballwechseln die Füße vertreten kann.

Die begehrten Plätze bei dem zum Machtkampf der Nationen stilisierten Tennisduell sind einer ausgesuchten Klientel vorbehalten. Mehr als zwei Drittel aller Karten wurden für Sponsoren, Industrievertreter und ein in den Tennissport vernarrtes Publikum reserviert, das für einen Logensitz 3000 Mark hinblätterte. Für das gewöhnliche Volk gingen gerade mal 2800 Tickets pro Wettkampftag in den freien Verkauf.

Die Basis bleibt weitgehend ausgeschlossen, weil der Deutsche Tennis Bund (DTB) als Veranstalter zuallererst das große Geschäft anstrebt. Die drei Tage von München werden dem Verband einen Rekordumsatz von überschlägig sieben Millionen Mark bescheren. So orderte der Essener Industrielle Klaus Busch, der seit 1985 kein Daviscup-Match versäumt hat, für sich und seine Handelspartner 67 Karten zum Gesamtpreis von 100 000 Mark. Beim Tennis, findet Busch, lasse sich gepflegter »übers Geschäft reden als, sagen wir, in der Nachtbar«.

Daß der prestigeträchtige Wettkampf hohe Gewinne abwirft, verdanken die gemeinhin schläfrigen Funktionäre dem Rumänen Ion Tiriac, 50. Seit vier Jahren vermarktet der geschäftstüchtige Übervater von Boris Becker für den DTB den Daviscup und sichert sich dabei auch selbst satten Reibach. Für die Großveranstaltung von München berechnet er 20 Prozent Provision - mithin nahezu 1,5 Millionen Mark.

Der Deal mit dem schnauzbärtigen Rumänen, der erst im Mai für den DTB 36,2 Millionen Mark an Fernsehhonoraren aushandelte (Tiriac-Anteil: 7 Millionen), stößt zuweilen selbst beim Tennis Bund auf Kritik. So fürchtet etwa Georg Freiherr von Waldenfels, Präsident des bayrischen Landesverbandes, seine Kollegen würden langfristig »zu ehrenamtlichen Deppen« verkommen. Den Frankfurter Turnierdirektor Jochen Grosse plagt die Vision, Tiriac könnte »in der Badewanne liegen, lustige Lieder singen« und sich dabei vorstellen, »wen er an diesem Tag wieder alles aufs Kreuz gelegt hat«.

Solche Einwürfe fechten den unbeirrten DTB-Präsidenten Claus Stauder, 51, nicht an. Lapidar hält der Brauereibesitzer den Nörglern entgegen, der Makler solle getrost »eine Menge Geld kassieren, solange der Verband dabei das Doppelte und Dreifache verdient«.

Denn Stauders ehedem schwachbrüstige Organisation mit Sitz in Hannover wirtschaftet inzwischen mit 39 Angestellten und einem Jahresetat von rund 21 Millionen Mark, und immer mehr Sponsoren dienen sich dem populär gewordenen »weißen Sport« an. 53 Firmen zahlen jährlich bis zu 50 000 Mark in einen Pool, um sich »offizieller Ausrüster« nennen zu dürfen.

Allem voran sorgt der Siegeszug der beiden Wunderkinder aus dem Badenland, Steffi Graf und Boris Becker, für anhaltenden Geldsegen - und dementsprechend gebärden sich auch die sogenannten Repräsentanten.

In Wimbledon zum Beispiel hatte der Verband eine zweistöckige Villa für 15 000 Mark angemietet. »Deutsches Haus« hieß das feine Ambiente, in dem eine Köchin, zwei Masseure sowie eine extra aus Hamburg angereiste Spielerbetreuerin, zuständig für den Tee und das Auslegen von Zeitungen, beschäftigt wurden. Da die meisten Profis jedoch schon bald unrühmlich ausgeschieden waren, verwaiste das Domizil frühzeitig.

Um den Triumph der deutschen Superstars live miterleben zu können, unterbrach Präsident Stauder seinen Urlaub auf Mallorca. Etwas angespannt saß er schließlich im Tennis-Mekka an der Seite des Herzogs von Marlborough in der königlichen Loge.

Kollege Claus Liesner, einer von sechs Vizepräsidenten, ließ sich eigens zu einem Abendessen mit Journalisten nach England einfliegen. Beim Dinner im China-Restaurant traf er auf seinen Sportdirektor Günter Sanders und dessen Ehefrau Sigrid (Branchenname: »Frau Domina"), für die der DTB auch schon mal Flug- und Hotelkosten übernimmt.

Die Damen müssen auch sonst mit ran. Weil die Funktionäre genug PS-starke Karossen in der Garage haben, Sponsor Peugeot aber auch noch Autos stellt, führen die Ehefrauen die »Glücksnummer« (Peugeot-PR) aus.

Behaglich richten sich die Vorstandsherren (Sportwart von Pierer: »Hauptsache, ich kann reisen") im wachsenden Wohlstand ein und sehen gekonnt darüber hinweg, wie sie sich zunehmend in die Abhängigkeit von ihrem Chefvermarkter Ion Tiriac begeben. Der Rumäne seinerseits weiß, daß »die Jungs vom DTB immer in der Scheiße stecken«, also kommandiert er sie zuweilen nach Gutsherrenart.

Zuletzt mußte das der mit seinem Job überforderte Prokurist der kommerziellen DTB Holding, Christian Thiemann, erfahren. Als der Verbandsangestellte bei der Vorbereitung des Daviscups in München mit dem Aufbau der VIP-Zelte in Verzug geriet, kanzelte ihn der Manager öffentlich ab. Tiriac vor Journalisten: »Thiemann ist wie Jojo.«

Und Thiemann ähnlich sind nach Auffassung des selbstbewußten ehemaligen Tennisprofis im Grunde alle Deutschen. Wie die funktionieren, erklärte er einem Gesprächspartner auf der Terrasse seines Hauses in Monte Carlo: Denen müsse man »nur genug zu saufen geben, dann geht alles von allein«.

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